Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

NOlympia: Warum sich die Nein-Sager nicht anpöbeln lassen müssen

stern-Redakteurin Katharina Grimm sagt: Die Hamburger Nein-Stimmer sind keine nörgelnden Blockierer, sondern mündige Bürger,Die Olympia-Abstimmung ist ein Sieg für die Demokratie, der zeigt, wie sehr sich die Politik vom Volk entfernt hat.

Ein Kommentar von Katharina Grimm

Nein zu Olympia

In Hamburg hat man sich gegen die Olympischen Spiele entschieden - und das ist auch gut so. 

Hamburg hat sich entschieden: Die Mehrheit der Bürger in der Hansestadt kann auch gut ohne die Olympischen Spiele leben. Ein überraschendes Votum, denn an Werbemaßnahmen wurde nicht gegeizt: Eine Sonderausgabe der "Bild"-Zeitung verkündete schon vor Wochen den angeblichen Segen, den die Spiele für die Stadt bedeuten würde. Plakate an Bussen, auf Plätzen, Spots im Kino. Olympia überall. Doch irgendwie wollten die Hamburger nicht Feuer und Flamme sein. Der Funken ist nicht übergesprungen.

Nun heißt es, die Hanseaten seien in der Mehrheit eine Horde provinzieller, visionsloser Kleingärtner, die lieber den Status Quo konservieren statt etwas zu wagen. Doch wer wirklich glaubt, dass die Nein-Stimmer dauernörgelnde Blockierer des Fortschritts sind, macht einen gewaltigen Fehler. Denn der Rückkauf der Netze in der Stadt, der durch einen erfolgreichen Volksentscheid auf den Weg gebracht wurde, macht deutlich: Die Hamburger sind nicht immer nur dagegen und finden alles mies. Aber offenbar hat sich der Bürger nicht von all dem "Feuer-und-Flamme"-Geschnatter einlullen lassen. 

Ein Sieg für die Demokratie

Zunächst einmal hat die Demokratie gewonnen. Wo zuletzt vielfach über die niedrige Wahlbeteiligung geklagt wurde, hat die Teilnahme an der Olympia-Abstimmung die Erwartungen deutlich übertroffen. Offenbar ist das Bedürfnis an Teilhabe groß. Und vielleicht haben die Verantwortlichen der Pro-Olympia-Sause das unterschätzt. Aufoktroyierte Stimmung von oben kann nicht ehrliche Begeisterungsstürme auslösen.

Bürger wollen teilhaben

Den Hamburgern wurde ein Plan wie in Beton gegossen präsentiert - und sie haben diesen abgelehnt. Das ist zum einen typisch hanseatisch, denn Hamburg ist eine freie Stadt, schon seit Begründung von selbstbewussten und mitunter auch dickschädeligen Bürgern bewohnt. Ein Charakterzug, der sich offenbar bis heute hält. Zum anderen zeigt sich in Hamburg seit einigen Jahren ein tief verwurzelter Wunsch nach Mitbestimmung, Mitgestaltung und Teilhabe. Es langt nicht mehr, nur Pläne für die Stadt - aber nicht für die Bürger - schmieden zu lassen: In Zeiten von Mietpreisexplosionen, Gefahrengebieten und Flüchtlingswellen wollen die Bürger mitmischen. Und das sogar sehr erfolgreich. Ein Beispiel: Auf dem Areal der inzwischen abgerissenen Essohäuser, einem Ensemble grauer Wohnblöcke mitten auf der Reeperbahn, entstehen jetzt neue Häuser. Die Planung zur Ausgestaltung der neu zu bebauenden Fläche lag nicht allein in der Hand der Politik, sondern die Anwohner haben sich eingemischt, Wünsche geäußert, Forderungen gestellt. Das Ergebnis: Die Bürger wurden ernstgenommen und haben konkret am Projekt mitgearbeitet, die Politik ist zufrieden - und sogar der privatwirtschaftliche Wohnungskonzern, dem das Grundstück gehört, konnte sich mit den Plänen arrangieren. 

Ein solches Vorgehen hätte vielleicht auch Olympia in Hamburg gut getan. Doch zwischen Senat und IOC war wenig Spiel. Die Quittung dafür gab es gestern.

Das IOC und die alten Männer

Der Reiz der Spiele im eigenen Land hätte auch durch den Geist des Sommermärchens 2006 beflügelt werden können. Doch heute wissen wir, wie diese Geschichte begann: Geldbündel wechselten den Besitzer. Das IOC, eine Bande alter, weißer Männer, erinnert unangenehm an die Besetzung im aktuellen Fifa-Skandal. Offenbar war es den Hamburgern die mindestens 1,2 Milliarden Euro nicht wert, sich mit der Marke Olympia zu schmücken. 

Der Refinanzierungswitz des Senats

Und auch wenn das Konzept als besonders realistisch gerühmt wurde, ist vollkommen unklar, ob der finanzielle Rahmen am Ende nicht doch gesprengt worden wäre. Dass die Kosten für Großprojekte schon fast traditionell explodieren, lässt bei einer angedachten Verschuldung noch 15 Jahre nach den Spielen nichts Gutes erahnen. Auch den Refinanzierungswitz haben viele Nein-Sager der Politik krumm genommen: Statt Hamburg nachhaltig zu entwickeln, wäre der neu gebaute Wohnraum zum Großteil an Wohnungskonzerne verhökert worden. Städtebauliche Entwicklung mit Weitblick (auf steigende Mieten und kaum bezahlbaren Wohnraum) sieht anders aus.

Wenn Politik sich von Bürgern entfremdet

Der Senat, die Hamburger SPD und allen voran Olaf Scholz wollten aber die Spiele - bis sie nun von denen, die sie ins Amt brachten, zurückgepfiffen wurden. Daher zeigt die Abstimmung zu Olympia auch, wie sehr sich die Leitlinien und Visionen der Politiker von denen der Bewohner entfernt haben. Die politische Elite und die Bevölkerung scheinen unterschiedlicher Meinung zu sein, eine gefährliche Entfremdung. Und das sollte das stärkste Echo bei der Diskussion um Olympia verursachen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools