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Die kapitalistischen Kommunisten

China ist ein Gigant voller Widersprüche: Die Regierung zelebriert die kommunistische Ideologie, gleichzeitig treibt der Kapitalismus schillernde Blüten. Hier lesen Sie, auf welche Art und Weise die Lebenswirklichkeit in China den logischen Gegensatz spielend aufhebt.

Von Adrian Geiges, Peking

Ostberlin, 1989: Das Politbüro tagt unter Vorsitz des neuen Generalsekretärs Egon Krenz. Seine Analyse: Die Leute wollen uns nicht mehr, weil es keine Bananen gibt und man jahrelang auf ein Auto wartet. Seine Schlussfolgerung: Wenn die SED an der Macht bleiben will, muss sie die Marktwirtschaft einführen. Vor allem braucht die DDR harte Devisen für neue Investitionen, und die können nur von Konzernen aus der BRD kommen. Wir bieten Siemens ein Joint Venture mit VEB Robotron an.

In Potsdam bilden wir eine Wirtschaftssonderzone, in der Westberliner Unternehmen mit DDR-Löhnen produzieren. Wenn das klappt, dehnen wir das Experiment auf das ganze Land aus. Die alten Kämpfer sind empört. "Das ist Ausbeutung des Menschen durch den Menshen", schreien sie. "Dafür haben wir nicht gekämpft." Aber viele jüngere, pragmatisch denkende Funktionäre sind begeistert, sehen darin eine Perspektive für ihr Land - und für sich selbst.

2008, Geburtstagsparty des Sohns von Egon Krenz. Von Gerhard Schröder bis zu Udo Walz ist alles da, was in Deutschland Rang und Namen hat. Krenz junior sitzt im Aufsichtsrat der Ost-Ableger von Mercedes, BMW und BASF. Denn gute Verbindungen zum "Alten", wie sein Vater zärtlich genannt wird, sind wichtig. Die DDR hat in der Wirtschaft einen guten Ruf: Deutsche Qualitätsarbeit bei niedrigen Löhnen, keine Bürgerproteste, keine freien Gewerkschaften, keine Streiks, schnelle Entscheidungen. "Wie die den Transrapid von Ostberlin nach Leipzig durchgedrückt haben, das war schon eine Glanzleistung", sagt einer der Herren grinsend. "Wenn ein Haus im Weg stand, wurde es einfach abgerissen, da wird hier nicht lange gefackelt."

Ein absurdes Szenario? Nun, so absurd wie die Realität. Ersetzt man SED durch Kommunistische Partei Chinas, Krenz senior durch Deng Xiaoping und Krenz junior durch "Prinzling" (so heißen in China die Söhne und Töchter der Politbüromitglieder), dann stimmt es. Die ausländischen Unternehmen sind ungefähr die gleichen.

Kapitalismus unter Führung der KP, das ist auch in China ein Widerspruch in sich. Mit Marx und Mao hat das nichts zu tun - wozu braucht man dann noch die rote Partei? Sie hat Probleme, sich selbst zu rechtfertigen. Ihre Ideologie war der Klassenkampf. Sie kam in einem blutigen Bürgerkrieg an die Macht. Danach tötete sie Millionen "Feinde". Jetzt sind die Kapitalisten wieder da. Starben die Opfer umsonst?

Aus Kommunisten werden Nationalisten

Die Partei versucht heute, sich als nationalistische Kraft neu zu erfinden. Das ist ein schwieriger Spagat, denn in der Geschichte waren die Nationalisten von der Guomindang (heute Regierungspartei in Taiwan) die Gegenspieler der Kommunisten. Doch auch hier gilt das Motto von Bill Clinton: "It’s the economy, stupid." Obwohl der Gegensatz zwischen Arm und Reich wächst und lokale Unruhen ausbrechen: Fast allen Chinesen geht es heute deutlich besser als früher, bei den meisten stieg der Lebensstandard von Jahr zu Jahr. Solange das so war, machten sich nur wenige Gedanken über die Partei.

Das auch deshalb, weil der neue Wohlstand viele persönliche Freiheiten gebracht hat: Chinesen reisen ins Ausland oder studieren dort, bauen sich Häuser oder feiern in Nachtklubs. Längst nicht alle natürlich, in Wahrheit eine Minderheit. Aber genau die, ohne die eine Erhebung gegen die Parteidiktatur kaum vorstellbar ist - die Jungen, die Intellektuellen, die Großstädter. Das chinesische Wort für sie ist "xiaozi", "Kleinbürger", eine Klasse, die es noch vor wenigen Jahren überhaupt nicht gab. Heute ist "Kleinbürger" ein Modewort, jeder möchte einer sein. Kleinbürger, so das Image, essen in den edelsten Restaurants, tragen die schicksten Klamotten und sehen die heißesten Filme. Mao klagte einst: "Der Schwanz des Kleinbürgers ist noch nicht vollständig abgehackt." Heute sind die Kleinbürger die wichtigste Stütze der Kommunistischen Partei.

Aber vielleicht nicht mehr lange. Auch in China fallen die Aktienkurse, eine Katastrophe in einem Land, in dem viele aus dem neuen Mittelstand ihr gesamtes Vermögen an der Börse angelegt haben. Der Kommunist Bertolt Brecht schrieb einst: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Die Kommunisten in China dagegen hoffen darauf, dass die Aktien wieder steigen. Anderenfalls wird ihre Partei so enden wie die SED.

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