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Olympia-Vorbereitung mit Heckenschützen

Sie kommen aus dem Irak oder Palästina. Auf dem Weg zu Olympia mussten sie die Hölle überstehen, wurden beim Training von Heckenschützen beschossen. Medaillen sind für sie kein Thema, aber sie verkörpern den Olympischen Gedanken. stern.de stellt zwei Sportler aus Krisengebieten vor.

Von Jens Fischer, Peking

Dana Hussein Abdul-Razzaq ist Sprinterin. Sie hat in ihrem 100-Meter-Vorlauf den sechsten Platz belegt mit einer Zeit von 12,36 Sekunden, das sind satte 1,5 Sekunden hinter der Siegerzeit bei Olympia. Also nicht weiter bemerkenswert auf den ersten Blick. Aber für die Irakerin ist bereits mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Denn Husseins Vorbereitung auf ihren Wettkampf findet mitten im Krieg statt. Vor fünf Jahren startet die heute 25-Jährige im Irak mit dem Training, in einer Zeit, in der in ihrem Land der Tod einem täglich begegnet. Gewalt ist an der Tagesordnung.

Auch Nader Al-Massri erlebt bei den olympischen Spielen seinen großen Traum. Der 5000-Meter-Läufer stammt aus Palästina, mitten aus dem Gaza-Streifen. Aufgewachsen ist er im Flüchtlingscamp "Beit Hanoun", in einem Gebiet, in dem der Krieg tobt zwischen der Hamas und den israelischen Truppen. Für Al-Massri gehören Bombenhagel und Schießereien so zum Alltag wie für andere der morgendliche Gang zum Bäcker. Sein Weg zu Olympia ist abenteuerlich: Die Israelis verweigeren dem 28-Jährigen das Verlassen des Gaza-Streifens, seine ersehnte Teilnahme in Peking scheint unmöglich.

"Ich dachte, ich müsste sterben"

Erst ein Artikel in der israelischen Tageszeitung "Yedioth" über sein Schicksal und die folgenden öffentlichen Aufrufe machen das scheinbar Unmögliche noch wahr: Al-Massri darf den umkämpften Gaza-Streifen verlassen. Er nimmt den Zug nach Jericho und fliegt nach China. Zehn Jahre hat Al-Massri, Vater von drei Kindern, auf diesen Moment trainiert, jetzt endlich ist es soweit.

"Nur der Sport kann die irakische Bevölkerung glücklich machen – nur über den Sport werden sich Schiiten und Sunniten verstehen" ist sich die Sprinterin Hussein sicher. Die Glaubenskriege und die amerikanische Invasion im Jahr 2003 hatten auch für sie schlimme Folgen. Es ist ein normaler Trainingstag, der für Hussein beinahe tragisch endet. Sie sind auf dem Weg zu ihrem heruntergekommenen Trainingsgelände, als sie und ihr Trainer Yousif Abdul-Rahman zwischen die schiitisch-sunnitischen Kampflinien geraten. "Ich dachte, wir müssen sterben", meint sie jetzt noch ängstlich. Acht Gefechtslinien hätten sie an diesem Tag durchqueren müssen.

Eine Kugel schlägt auf der Laufbahn ein

An einem anderen Tag wird sie während ihrer Trainingsläufe beinahe erschossen. Von einem gegenüberliegenden Dach zielt ein Heckenschütze auf sie und ihren Trainer. "Als der Schütze zum ersten Mal schoss, landete die Kugel gleich neben in einem Baum." Hussein wirft sich zu Boden und entkommt so dem Tod. Die zweite Kugel schlägt in ihrer Laufbahn ein.

14,24 Minuten – das ist die Bestzeit von Al-Massri über seine 5.000 Meter, gut eine Minute langsamer als die Zeit, die man als Athlet erreichen muss, um bei Olympia dabei zu sein. Aber das IOC macht für ihn eine Ausnahme – der Palästinenser darf dabei sein, so wie 89 andere Exoten. Jetzt ist Al-Massri glücklich und auch sein Schuhproblem wird sicherlich gelöst. Im Gaza-Streifen hatte er noch keine, es gibt kein Benzin, wenig zu essen und nur wackeligen Strom – und natürlich keine vernünftigen Laufschuhe für Al-Massri. Deswegen haben sie ihm in Peking welche gegeben. Seit 30 Tagen trainiert er in einem chinesischen Trainingscamp und wird von hiesigen Trainern unterstützt. Jetzt hat er Blasen, die Schuhe passen nicht. Al-Massri wird in seinem Lauf wieder mit seinen alten Schuhen starten. Die hatte er vor Jahren im Gaza-Streifen im Dreck gefunden, vom Abwasser angespült.

"Ich erfülle mir hier meinen Traum"

Dana Hussein denkt nicht gern zurück. Zu Zeiten des Diktators Saddam Hussein war es ihr unmöglich, im Irak Sport zu treiben. Die Eltern verboten es ihr, weil es zu gefährlich war. Alle hatten sie Angst vor Saddams gnadenlosem Sohn Udai, der die Sportler foltern ließ, wenn sie nicht die von ihnen erwartete Leistung brachten. Als endlich klar ist, dass sie bei Olympia starten darf, folgt der nächste Schock für Hussein. Das IOC untersagt dem Irak die Teilnahme, die Regierung würde sich zu sehr in die olympischen Angelegenheiten einmischen. Hussein bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Ihr Coach vertröstet sie auf Olympia 2012 in London. Dann folgt doch noch die Erlösung. Der Irak darf teilnehmen.

"Ich erfülle mir hier meinen Traum: die Teilnahme an Olympia", sagt Hussein vor ihrem Lauf. Dann läuft sie los, 100 Meter Sprint, in 12,36 Sekunden. Das ist persönliche Bestzeit. Nie war das olympische Motto wahrhaftiger als in diesem Augenblick: "One world, one dream".

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