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Timo Boll - der geliebte Rivale

Sportheld, Konkurrent und sogar Sex-Symbol: Tischtennisspieler Timo Boll wird in China wie ein Star verehrt - obwohl er der schärfste Widersacher der eigenen Sportler ist. Gerade ist Boll mit der Mannschaft ins Turnier von Peking gestartet. stern.de hat ihn bei seiner Olympia-Vorbereitung beobachtet.

Von Alexandra Kraft

Dass Chinesen das "r" nicht aussprechen können, stimmt nicht. "Borr, Borr, Borr" hallt es an diesem Nachmittag durch die verschwitzte Luft in der "Luoho Sporthalle" der südchinesischen Stadt Shenzhen. Sogar die Sonnenbrillen tragenden Parteibonzen in der ersten Reihe haben sich aus ihren rotsamtigen Stühlen erhoben, einer mit Miniplie stimmt in den Chor ein: "Borr, Borr, Borr!"

In Wahrheit können Chinesen das "l" nicht aussprechen und der Bejubelte heißt Boll, Timo Boll. Kommt aus Deutschland, spielt Tischtennis, ist die Nummer sechs der Weltrangliste. Und soll gleich sein erstes Match beim größten Turnier des Landes, den "China Open", bestreiten. Jetzt steht Boll aber erst einmal winkend in der Halle - eingeklemmt zwischen Tischtennisplatte, Kamerateams und Fotografen. Über das jungenhafte Gesicht des 27-Jährigen huscht ein Lächeln.

Bolls Spiel wird live von "CCTV" im Fernsehen übertragen. Lei Lin, Reporter der Produktionsfirma "Great Sports Media", beobachtet Bolls Auftritt vom Halleneingang aus. Für das Spektakel hat er nur ein Kopfschütteln übrig. "Wissen Sie", sagt er mit viel Abneigung in der Stimme, "als dieser Deutsche beim letzten Mal gegen unseren Ma Lin in Führung lag, haben die chinesischen Zuschauer die Seite gewechselt und für Boll gejubelt." Wieder Kopfschütteln. Dann: "Ich war schockiert. Wie können sie für so einen applaudieren?"

Vor Boll zittern die Chinesen

Einen, der China dort attackiert, wo es besonders schmerzt? Im Tischtennis, dem Volkssport. Der ihnen bei den Olympischen Spielen in Peking die fest eingeplante Goldmedaille streitig machen kann. Vor dem sie zittern, auch wenn er nach einer Rücken- und Knieverletzung in den letzten Wochen manch bittere Niederlage gegen chinesische Spieler einstecken musste. Sie wissen, dass er über das Können und die Nerven verfügt, um die so stolze Nation vor den Augen der Welt zu erniedrigen. Schließlich prägten und dominierten ihre Athleten das Spiel mit dem Zelluloidball über Jahrzehnte. Siege sind im Tischtennis erklärtes Staatsziel. Lin fragt: "Warum jubeln sie für den Ausländer?"

Ihre Sportler verehren die Chinesen. Timo Boll dagegen lieben sie. Bei jedem seiner Auftritte demonstriert er, dass man neben dem absoluten Willen zum Sieg auch Gefühle zeigen kann. Dass man nicht, wie der chinesische Topspieler Ma Lin die Gegner humorfrei aus der Halle hämmern muss. Boll ist das erfrischende Gesicht neben den Tischtennis-Robotern, die mit kaltem und starrem Blick an die Platte treten - und bei denen jede Pleite über ihre Karriere entscheiden kann. So prophezeit der Vertreter des chinesischen Tischtennisverbandes Zhang Xiapeng: "Wenn Ma Lin in Peking kein Gold gewinnt, ist seine Karriere zu Ende." Der Deutsche ist Leistungssportler, weil er es sich ausgesucht hat. Die Chinesen, weil sie dafür ausgesucht wurden.

Nach dem Match sitzt Boll im Restaurant des Shangri-La-Hotels, er sagt strahlend: "Ich fühle mich in China immer sehr wohl." Die Tage in Shenzhen genießt Boll sichtlich. Punkte feiert er mit der nach oben gestreckten linken Faust und einem kleinen Sprung. Für chinesische Spieler gehört sich so etwas nicht. Sie haben auch keine netten Worte für die Fans, nehmen sie für Fotos nicht in den Arm.

Ins Herz schlossen die chinesischen Fans Boll vor zwei Jahren. Damals bei der Weltmeisterschaft in Shanghai hatte er im Achtelfinale gegen Liu Guozheng Matchball. Etwa 25 Millionen Chinesen schauten an den Fernsehern zu, als Guozhengs Return kaum sichtbar die Tisch-Kante auf Bolls Seite streifte. Der Schiedsrichter erklärte den Deutschen zum Sieger. Aber Boll korrigierte die Entscheidung, gab den Punkt zurück - verlor am Ende das Spiel und schied aus. Ohne die erwartete Medaille. Er gewann kein Preisgeld, keine Sponsorenprämien. "Wie hätte ich mich denn über einen solchen Sieg freuen können?", sagt er heute.

Dann stutzt er und schiebt die nächste Gabel Lachs in den Mund. Boll wirkt überrascht von der eigenen Ehrlichkeit. Er ist sonst nahezu perfekt darin, sein Innerstes zu verbergen, wie viele Topathleten, vielleicht, weil es sie bezwingbar machen könnte. "Ich" sagt Boll nur selten, stattdessen spricht er häufig von "man" oder "der Sportler".

Seit dem verschenkten Matchball ist Boll in ganz China ein Superstar. In Shenzhen, einer 12 -Millionen Megastadt direkt an der Grenze zu Hongkong, hängen seine Fotos als meterhohe Werbeplakate für die "China Open" an den Wänden der Hochhäuser. Direkt neben denen der Fußball-Helden Cristiano Ronaldo und Kaka. Und bei einer Internet-Wahl wurde er sogar zum "Schönsten Sportler der Welt" gekürt - vor David Beckham.

Bodyguards zum Schutz vor den Autogrammjägern

Hier stellen sie ihm Bodyguards zur Seite, damit ihn die Autogrammjäger nicht über den Haufen rennen. Polizeieskorten geleiten ihn bei wichtigen Spielen mit Blaulicht zur Halle. In den Bus zum Training schleicht er sich heimlich und hofft, nicht entdeckt zu werden. Betritt Boll die Lobby seines Hotels, quietschen unzählige Mädchen los. "Allein kann ich kaum auf die Straße gehen, die reißen mir die Klamotten vom Leib", sagt er. Eine Liebe, die sich auszahlt: Etwa eine Million Euro, so wird geschätzt, verdient er pro Jahr in Asien.

Und in Deutschland? Bei dieser Frage muss Timo Boll lachen. "Naja", sagt er. "Da genieße ich die Ruhe." Gelöst lehnt er sich in seinem roten Ledersessel zurück, hinter ihm die Lichter der unzähligen Hochhäuser. Und erzählt dann mit Freude in der Stimme, wie er sich vor einigen Monaten das Basketball-Länderspiel Deutschland gegen China in Hamburg anschaute. "Ich stand daneben und habe geguckt, wie die Leute Dirk Nowitzki umringten und Autogramme von ihm wollten. Das war total entspannt." Entspannt, weil ihn in seiner Heimat niemand erkennt.

Das Image von Tischtennis ist hierzulande eine Katastrophe. Memmensport und ein Spiel für Freaks, heißt es. Lächerlich geradezu. Ein Sport für Langweiler. Lange Zeit erfüllte Timo Boll perfekt das Image der Biedermänner. In Interviews klang er wie eine junge Ausgabe von Rudolf Scharping. Viele seine Antworten begannen mit "Jooh, irgendwie." Endeten meist wieder damit. Dazwischen hatte er auch nicht viel zu sagen. Die, die es gut mit Boll meinten, sagten, er sei bodenständig.

Der Tiefpunkt war erreicht, als Boll nach Siegen bei der Europameisterschaft 2003 in der Blödel-Show "TV total" Stefan Raab gegenüber saß und mit Tischtennis-Bällen im Mund ein Interview gab. Spucke tropfte und flog in Richtung Kamera. Der Auftritt wurde zu einer Blamage vor Millionenpublikum.

Debakel bei Stefan Raab

Fragt man Hans-Wilhelm Gäb, den Ehrenvorsitzenden des Deutschen Tischtennisbundes, nach diesem Fernsehabend, benötigt er eine lange Pause. Auffallend lange schweigt der 71-Jährige, der fünf Jahre der Presse-Chef des Opel-Konzerns war. Am Ende erwidert er die Frage: "Was erwarten Sie, wenn sich ein junger Mann in eine für den Gast so unberechenbare Sendung wagt?" Dann Schulterzucken und ein mildes Lächeln. Das reicht.

Heute ist Gäb, der in den 60er Jahre selbst Tischtennis auf Höchstniveau spielte, Bolls Berater. Viele Jahre musste Boll die Sponsoren nehmen, die er bekam, die Bezahlung war obendrein mau. Nun wirbt Boll für eine Rechtsschutzversicherung und den Handelskonzern Metro. Dessen Asien-Beauftragter Jens Lang erklärt: "Mit seiner Hilfe wollen wir die Marke in China präsenter machen." Schöne neue, globalisierte Welt: Ein Deutscher wird engagiert, um eine deutsche Firma in Asien bekannt zu machen. Auf Bolls Trikot steht der große Schriftzug des Sponsors in lateinischer und chinesischer Schrift. Seine Homepage gibt es ebenfalls auf Chinesisch.

Eine Partnerschaft, die manchmal anstrengend ist. Zwei Tag vorm Start der China Open muss sich Boll einem chinesischen Profiteam zum Schaukampf in einem Supermarkt stellen. Auf den Deutschen warten 40 Journalisten, unzählige Angestellte und Kunden. Außerdem, so berichtet der Marktleiter stolz, fünf Sicherheitsbeamte, und der Polizeichef des Bezirks komme auch vorbei. "Man weiß ja nie, was bei so einem Termin passiert", erklärt er. Der Werbe-Auftritt der "Langnase" schafft es abends in die Fernseh-Nachrichten.

PR-Auftritte absolviert er inwischen professionell

Boll weiß, woher sein Geld kommt, also funktioniert er jetzt einfach. Seit Betreten des Marktes klebt in seinem Gesicht ein Lächeln, das dem von Lady Diana ähnelt. Seltsam entrückt, wie betoniert. Aber professionell. Sogar als Tierfreund Boll an einem halben Krokodil auf Eis vorbeikommt, wackelt das Lächeln nicht. Es ist auch noch zwei Stunden später da, als er zwischen Regalen auf einem Hocker sitzt und geduldig Autogramme schreibt. Ja, er finde China toll. Ja, er fühle sich hier sehr wohl. Und ja, Metro sei ein hervorragender Konzern. Kein "joh, irgendwie" mehr. Er macht sogar Witze.

Boll ist gereift. Bundestrainer Richard Prause, der ihn nach Shenzhen begleitet, sagt: "Timo ist erwachsen geworden." Früher spielten die beiden in einer Mannschaft, heute sind sie enge Vertraute. "Timo hat länger gebraucht, um im Leben anzukommen. Jetzt ist er aber um so mehr da", sagt Prause. Boll sitzt ihm derweil gegenüber. Ohne jede Regung hört er seinem Freund zu, schlürft mit einem Strohhalm seinen Orangensaft und beantwortet schnell eine SMS. So, als würde ihn das alles nichts angehen.

Bolls Pubertät zog sich in der Tat hin. Kein Wunder, war er doch bis 2006 Mittelpunkt einer im deutschen Spitzensport bislang einmaligen Förderung. Eingezwängt in ein System, welches ihm kaum Freiheiten ließ. Als pummeliger Siebenjähriger war Boll dem hessischen Landestrainer Helmut Hampl bei einem Sichtungsturnier aufgefallen. Hampl lud den Jungen zum Training nach Frankfurt ein. Und der brachte an seinem ersten Tag eine Plastikschüssel voller Schokoriegel mit. Hampl stellte sie beiseite und nahm sich mit großer Hingabe des Hochbegabten an.

Das Projekt Boll

Das Ergebnis wird heute in der Szene "Projekt Boll" genannt. Hampl hält über seine Entwicklungsarbeit landesweit Vorträge. Er ist ein stolzer Mann, der Sätze sagt wie: "Timos Erfolg ist kein Zufall. Alles wurde generalstabsmäßig vorbereitet."

Boll war für Hampl ein hervorragendes "Objekt". Er war jung, bereit sich formen zu lassen und konsequent den Weg zu gehen, den Hampl ihm vorgab. Außerdem unterstützten ihn Bolls Eltern bis zur Selbstaufgabe. Täglich fuhren sie ihn nach der Schule 45 Minuten von ihrem Heimatort Höchst im Odenwald zum Training nach Frankfurt, warteten zwei Stunden vor der Halle und kutschierten ihn zurück. Ein Sport-Internat kam nie in Frage. Hampl sagt: "Timo wäre daran zerbrochen. Er brauchte seine Familie und mittags ein Schnitzel auf dem Teller."

Mit 14 Jahren ging Boll zum Bundesligaverein TTV Gönnern, Hampl ist dort Cheftrainer. Boll durfte bei seinen Eltern wohnen bleiben, und alle neuen Mannschaftskollegen wurden verpflichtet, in das 170 Kilometer entfernte Höchst umzusiedeln, um dort mit dem Ausnahmetalent zu trainieren. Etwa 350.000 Euro für Sprit und Miete gab der Verein in den nächsten Jahren aus, nur damit ihr begabter Spieler weiter seine gewohnte Nestwärme genießen konnte. Heraus kam ein auf dem Papier Erwachsener, von dem Gäb einmal sagte, er glaube nicht, dass er wisse, wie man einen Tee koche.

Er hat das Nest verlassen

Boll hat das Nest inzwischen verlassen, ist ausgezogen, wohnt mit seiner Ehefrau Rodelia ein paar Straßen von seinem Elternhaus entfernt. Auch von Hampl hat er sich gelöst. Vor der vergangenen Saison wagte Boll den Wechsel zu Borussia Düsseldorf, so etwas wie der FC Bayern des Tischtennis. Nun pendelt er zwischen Höchst und Düsseldorf, wo er sich eine kleine Wohnung gemietet hat. Seine Berater Gäb, der auch Präsident der Borussia ist, hatte den Transfer vorangetrieben.

Hampl aber war dagegen. Auf die Frage, wie er mit Boll derzeit zusammen arbeite, reagiert er vor Beginn der Saison beleidigt. Poltert los. "Ich weiß noch nicht, wie das gehen soll. Wir müssen da eine Lösung finden." Boll dagegen versucht, zu versöhnen: "Das müssen Sie verstehen. Für Helmut ist das nicht leicht, das fühlt sich für ihn an, als ob sich sein eigenes Kind von ihm abgewendet hätte." Sagt es und lächelt.

Schon 2006 begann Boll, sich von seinem übergroßen Mentor abzunabeln. Damals spielte er zwei Monate in der chinesischen Superleague für das Team "Zjejian Haining Hongxian". "Wegen des Geldes", erklärt Hampl. "Weil er körperlich und mental härter werden wollte", meint Gäb. Und Boll sagt einfach: "Der Aufenthalt hat mich weitergebracht." Er ist kein großer Denker, gar Grübler. Boll ist lediglich ein junger Mann, der seit seiner frühen Kindheit die meiste Zeit damit verbracht hat, einen kleinen Ball über ein Netz zu spielen.

Sieben Kilo nahm Boll in der Zeit in China ab. "Da entspricht Sportler-Essen nicht unbedingt unseren Vorstellungen. Am Ende habe ich mich nur noch von Reis und Gemüse ernährt", erzählt er. Er war nun plötzlich einer unter vielen. Mit 1000 Chinesen trainierte er in der Sportschule von Hangzhou täglich fünf bis sechs Stunden. Mit bisher nicht gekannter Intensität. "Brutal" sei das gewesen. "Sogar vor und nach Spielen wird stundenlang trainiert", sagt Boll. Dazu kamen die Reisen kreuz und quer durch das Riesenreich. Einmal saß er 13 Stunden im Zug, um an einen Spielort zu gelangen.

Schwer fiel dem Deutschen auch, dass er als Sportler entmündigt war. "Das ging soweit, dass der Trainer uns Spielern sogar verboten hat, während des Spiels trotz der wahnsinnigen Hitze zu trinken" Schweigend schüttelt er den Kopf. Und an seinem einzigen freien Tag sei ihm befohlen worden, keinesfalls in die Stadt zum Bummeln zu gehen - weil das zu stressig sei.

"Ich habe die Angst vor den übermächtigen Chinesen verloren"

Aber für Boll zählten ohnehin andere Erfahrungen. So fit wie nie und mental gestärkt, kehrte er nach Deutschland zurück: "Ich habe die Angst vor den scheinbar übermächtigen Chinesen verloren", sagt er. Für das Gerücht, die Chinesen hätten die Zeit genutzt, um ihn genau zu studieren und dass sie sogar Spieler ausbildeten, die ihn imitieren, hat er nur ein Schulterzucken übrig. "Das ist mir egal. Ich weiß jetzt auch genau, wie die spielen."

Olympia wird ein Kampf der Nerven. Lampenfieber kenne Boll nicht, heißt es im Umfeld, aber er weiß: Die Olympischen Spiele in Peking sind die Chance seines Lebens. Mit einem Erfolg über die Chinesen kann er auch in Deutschland zum Star werden. Die Nation lechzt nach neuen, hoffentlich sauberen Helden. Die man feiern kann, ohne das Ergebnis des nächsten Bluttests fürchten zu müssen. "Mein Vorteil ist: Kein Tischtennisspieler der Weltklasse steht unter Verdacht zu dopen. Da unterscheiden wir uns von vielen anderen Sportarten", sagt Boll.

Und fügt unerwartet selbstbewusst hinzu: "Wenn ich in Peking 100 Prozent bringe, und die Chinesen 99, dann gewinne ich." Sein Blick ist fest. Kein Lächeln mehr und kein Zweifel in der Stimme. Dann würden sie ihn auch in seiner Heimat lieben, wäre er auch in den Herzen der Deutschen angekommen. Er, Timo Borr.

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