In London treffen sich Leichtathleten mit großer Vergangenheit. Sie plaudern über alte Zeiten und das 100-Meter-Finale. Einig sind sie sich in einem: Bolt wird das Rennen nicht machen. Von Wigbert Löer, London

Seine Siegerpose: Ob Usain Bolt sie auch in London zeigen wird?© Rainer Jensen/DPA
Manche Athleten scheinen immer heller zu strahlen, je älter sie werden, je länger sie im Ruhestand sind. Man hat dieses Gefühl nicht bei Boris Becker und nicht bei Lothar Matthäus, aber ein deutscher Sportartikelfabrikant hatte in einem Einkaufszentrum nahe des Londoner Olympia-Parks nun ein paar Herren versammelt, auf die man neugierig war. Es geschah ungefähr zu dem Zeitpunkt, als der deutsche Säbelfechter und Gold-Favorit Nicolas Limbach im Viertelfinale ausschied, als die Gegenwart also nicht allzu sehr glänzte – da trat die Vergangenheit ein und setzte sich auf zwei rote Sofas. Eine knappe Stunde lang bekam man es nun zu tun mit:
Die Herren waren guter Stimmung, so gehört sich das für ein launiges Event, und dass der Dopinggegner Moses den Dopingmittelübermittler Greene angegangen wäre, durfte man nicht erwarten. Aber nur geplaudert wurde dann doch nicht.
Es ging um neue Technik im Sport, um Hilfsmittel und irgendwann dann auch um Behinderte, die bei den Profis mitmachen wollen. Es ging, ohne dass der Name fiel, um den südafrikanischen Sprinter Oscar Pistorius, der auf Karbon-Prothesen läuft. Nachdem die Runde alle technischen Erneuerungen in der Leichtathletik begrüßt hatte, blieb sie größtenteils konsequent. Fosbury, Greene, Thompson, Moses – sie alle sagten, dass Behinderte sich durchaus messen dürfen sollen mit Leistungssportlern ohne Behinderung.
Nur Haile Gebrselassie, als Letzter befragt, zeigte sich skeptisch. "Was, wenn in zehn Jahren die Technik ausgereifter ist?", fragte er und sagte, er sei sich nicht sicher. Da wurde es einen Moment ernst. Was, wenn dann lauter Läufer wie Oscar Pistorius in die Finals drängen? Kann ein Behinderter ein olympischer Superstar sein, einer wie Usain Bolt?
Der Moderator kam bald zu Bolt, wechselte dafür aber lieber das Thema. Er hatte eine Grafik vorbereitet, die alle Favoriten für das 100-Meter-Männer-Finale in London zeigte. Der Franzose Christophe Lemaitre war da noch zu sehen, dass er auf einen Start verzichtet hatte, war dem Moderator und seinen Helfern offenbar entgangen. Aber die Frage war ja ohnehin nur, ob Usain Bolt oder Yohan Blake gewinnen werde.
Diesmal waren sich die Experten einig. Einer nach dem anderen traute Bolt die Verteidigung seiner Medaille über 100 Meter nicht zu. Blake gewinnt, das war am Ende die Botschaft. Sie fiel ganz im Sinne des Veranstalters der Talkrunde aus. Der hat den Jamaikaner nämlich unter Vertrag. Im Vorlauf am Samstagmittag trudelte Bolt mit 10,09 als Sieger über die Ziellinie. Andere waren deutlich schneller. Er wollte jedoch locker und entspannt seine Überlegenheit zeigen. Im Finale am Sonntagabend wird es weniger locker zugehen.