7. August 2012, 10:40 Uhr

Der rockt!

Er ist das Gesicht der deutschen Leichtathletik: Robert Harting. Nun greift der Diskuswerfer nach Gold. Eine Annäherung an einen unbequemen Sportler. Von Wigbert Löer, London

Nach der jüngsten Medaillenflaute will das deutsche Olympia-Team in London am Dienstag endlich in die Erfolgsspur zurückfinden. Die größten Hoffnungen auf Gold ruhen dabei auf Diskus-Weltmeister Robert Harting, dem ein Versuch reichte, um die geforderte Qualifikationsweite zu übertreffen. Harting ist ein außergewöhnlicher Sportler mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Sein Leben von A bis Z. Fast.

A wie Armut:
Als er zehn war, spielte Robert Harting Handball beim USC Cottbus. Seine Eltern kannten den Trainer und mussten fünf Mark Vereinsbeitrag zahlen. Dann wechselte der Trainer. In Wirklichkeit lag der Beitrag bei 20 Mark, und der neue Trainer sammelte das Geld in der Turnhalle ein. Sein Spieler Robert aber hatte nur fünf Mark mit. "Da hat er mich vor den anderen strammstehen lassen", erinnert sich Harting, "wir seien ja arm wie Kirchenmäuse oder so. Vielleicht sollte das nur ein Spruch sein, aber ich stand da mit meinem hässlichen Fünf-Mark-Stück. Und schon nach dem hatte meine Mutter kramen müssen." Die Eltern verdienten damals wenig. Der Vater, ein früherer Kugelstoßer, der seinen Sport nicht mehr ausüben durfte, weil eine Ex-Freundin in den Westen geflohen war, arbeitete als Offset-Drucker, die Mutter als Krankenschwester. Robert Harting ging nie wieder zum Handball. Seinen Eltern erzählte er, dass ihm Handball keinen Spaß mehr mache. Er schämte sich dafür, dass er arm war.

B wie Bruder:
Robert Hartings Bruder Christoph, 22, ist ebenfalls Diskuswerfer. Er wirft auch für den SCC Charlottenburg. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele hat Christoph Harting nicht geschafft.

C wie Cottbus:
Harting wuchs in Cottbus-Sachsendorf auf, einem Stadtteil mit vielen Plattenbauten. Ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung, als inzwischen privatisierte Staatsbetriebe dichtmachen mussten, das Kohlekombinat etwa, das Textilkombinat und mehrere Kraftwerke, standen viele der Wohnungen leer. Der Block, in dem Robert Harting aufgewachsen ist, wurde damals abgerissen.

D wie Diskuswerfen:
Ein Diskus ist zwei Kilo schwer und hat einen Durchmesser von 22 Zentimetern. Die Athleten brauchen viel Kraft, aber auch Geschmeidigkeit und ein artistisches Gefühl. Sie müssen fähig sein, einen schweren Körper zur Explosion zu bringen und ihn gleichzeitig fein zu steuern. Entscheidend für die Weite ist die Abwurfphase, sie dauert gerade mal 0,16 Sekunden, in ihr wird die Wurfkraft von den Beinen über Hüfte, Oberkörper, Arm und Hand auf den Diskus übertragen.

E wie Eltern:
Hartings Eltern leben heute im Spreewald. Sein Vater Gerd kann seinen Beruf als Offset-Drucker nicht mehr ausüben, er hatte sich dabei den Rücken ruiniert. Seine Mutter Bettina arbeitet als Krankenschwester weiterhin in Cottbus-Sachsendorf.

F wie Freunde:
Robert Harting sagt von sich, er habe zwei richtig gute Freunde. Von seiner langjährigen Freundin trennte er sich vergangenes Jahr.

G wie Gesicht:
Robert Harting ist seit einiger Zeit das Gesicht der deutschen Leichtathletik. In der deutschen Olympiamannschaft ist er einer der prominentesten Sportler. Von seiner Platzierung im Diskus-Finale hängt auch das Gesamtergebnis der deutschen Leichtathletik ab, die zuletzt bei Spielen in Peking und Athen kaum Medaillen gewann.

K wie Konkurrenten:
Der größte Gegner in London ist wohl Gerd Kanter, ein Este, der vor vier Jahren in Peking Gold holte und am Montag in der Qualifikation 66,39 Meter warf - 17 Zentimeter mehr als Harting. Doch auch mit anderen Athleten ist zu rechnen. Harting nennt als größte Konkurrenten neben Kanter Virgilijus Alekna aus Litauen und den Polen Pjotr Malachowski. Mit Martin Wierig hat sich ein weiterer Deutscher für das Finale qualifiziert. Doch der Magdeburger dürfte Harting nicht gefährlich werden.

M wie Maße:
Harting ist 2,02 Meter groß und wiegt 128 Kilo. Seine Spannweite beträgt 2,08 Meter, seine Kragenweite 48 Zentimeter.

Von Provokationen bis zu Zufriedenheit: Auf der nächsten Seite lesen Sie über Hartings eher ungewöhnliches Studienfach.

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