1. August 2012, 10:30 Uhr

Ein chinesisches Märchen

14 Jahre lang ist unser Autor Leistungsschwimmer gewesen. Nun wundert er sich über die chinesische Olympiasiegerin Ye Shiwen, ihre Fabelzeiten und die kruden Begründungen. Ein Kommentar von Tim Herbig

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Schwimm-Dominanz aus dem Reich der Mitte: die Chinesin Ye Shiwen©

Nach der vorletzten Wende des 400-Meter-Lagen-Finals der Frauen am Samstag hatte ich mich festgelegt: Elizabeth Beisel würde das Rennen gewinnen. "Die schweißt das Ding ein", dachte ich mir. Doch Ye Shiwen belehrte mich eines Besseren. Das Resultat sorgt seitdem weltweit für Staunen. Die 16-jährige Chinesin schwamm Weltrekord und war auf der letzten Bahn sogar schneller als der amerikanische Superstar Ryan Lochte bei seinem Olympiasieg über die gleiche Distanz kurz zuvor.

Die entscheidenden Faktoren für Erfolg im Schwimmen sind jedem Sportler und Trainer bekannt – Training und Talent. In dieser Reihenfolge. Dazu kommen weitere Einflüsse wie das persönliche Umfeld, die Trainingsbedingungen oder auch die Ernährung.

Diese Faktoren haben auch mein Leben 14 Jahre lang während meiner Zeit als Leistungsschwimmer stark dominiert. Als ich mich dann vor knapp zwei Jahren vom Sport auf diesem Niveau verabschiedete, hatte ich mich zwar nie für ein Großereignis wie die Olympischen Spiele qualifiziert, den harten Trainingsalltag deutscher Spitzenschwimmer mit bis zu zwölf Einheiten pro Woche aber doch einige Zeit durchlaufen.

Wissenschaftliches Training ist kein Hebel

An hartem und umfangreichem Training mangelt es Ye Shiwen bestimmt nicht. China ist für hohes Volumen ab dem Jugendbereich bekannt. Mit Sicherheit legt auch sie bereits in ihrem Alter bis zu 100 Kilometer pro Woche in Phasen höchster Belastung zurück. Aber so machen es andere auch. Insbesondere die Amerikaner holen sich enorme Wettkampfhärte durch zahlreiche Meetings im Rahmen ihrer College-Karrieren.

Doch was ist mit der Begründung, die Ye Shiwen nach ihrem Fabellauf selber formuliert hatte? Es werde "hoch wissenschaftlich" trainiert in China, sagte die junge Athletin. Vielleicht trifft das zu, doch derartige Leistungssprünge damit begründen zu wollen, ist lächerlich. Auch in Deutschland sind zum Beispiel am Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein oder am Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig einige der besten Sportwissenschaftler und Biomechaniker Europas für die deutsche Nationalmannschaft im Einsatz. Diese Kompetenz "im Hintergrund" ist keinesfalls der Hebel für derartige Steigerungen in der Weltspitze.

Sechs Sekunden auf 350 Metern

Was ist also mit dem Talent oder der Veranlagung? Hat Ye Shiwen ein deutlich besseres Wassergefühl als die Konkurrenz oder schlichtweg die besseren Voraussetzungen? Kurz gesagt: nein! Die Chinesin hat sicherlich eine solide körperliche Basis für eine Schwimmerin, jedoch ist sie auf den ersten Blick nicht so sehr für diesen Sport geboren wie Jahrhundertschwimmer Michael Phelps mit seinen perfekten Hebeln und Maßen oder sein weibliches Pendant Missy Franklin, einem US-Teenager mit Schuhgröße 45. Die Chinesin kann sich auch nicht durch technische Besonderheiten, wie zum Beispiel der einst von Phelps geprägten Unterwasserphase, von der Konkurrenz abgrenzen. Wer genauer forscht, entdeckt natürlich auch andere Resultate von der Chinesin aus der jüngeren Vergangenheit. So belegte sie vor Jahresfrist bei den Weltmeisterschaften in Shanghai über dieselbe Distanz Platz fünf. Allerdings ganze sieben Sekunden langsamer als bei ihrem Sieg am Samstag. Auch damals legte sie die schnellste letzte Bahn des Feldes hin und benötigte 29,88 Sekunden. Nun könnte man sagen, dass sie jetzt insgesamt eine Sekunde langsamer als damals war. Jedoch sind es die sechs Sekunden auf den 350 Metern davor, die diesen Endspurt in ein schlechtes Licht rücken. Und: Schon vergangenes Jahr gehörte sie also zur Weltspitze - und dann ist sie plötzlich sieben Sekunden schneller? Auch bei einer so jungen Athletin erscheint das nicht plausibel.

Die 400 Meter Lagen sind eine der kraftraubendsten Schwimmstrecken überhaupt. Wenn man auf diesem hohen Niveau das Tempo vorne derart anzieht, muss jeder dafür hintenraus bezahlen.

Eine letzter Argumentationsversuch, Fortschritt durch weiterentwickeltes Material, scheidet ebenfalls aus. Seit dem Verbot der Hightechanzüge Ende 2009 treten die Sportler in einem relativ gleichbleibenden Materialmix ihrer Wettkampfbekleidung an. Die Zeiten, in denen Weltrekorde nur noch im schnellsten Anzug gebrochen werden konnten, sind seitdem vorbei.

Phelps und Lochte können durchatmen

Was bleibt also nach Betrachtung der Fakten, Vermutungen und Erfahrungswerte noch übrig? Leider nur noch ein beunruhigender Verdacht über eine 16-jährige Athletin. Sollte Ye Shiwen nicht positiv getestet werden, so besteht die große Gefahr, dass solche offenkundig unrealistischen Leistungen wie von der Chinesin als "normal" akzeptiert werden und ähnliche Zeiten in Zukunft nicht mehr mit der nötigen Kritik betrachtet werden.

Solange der Einsatz verbotener Substanzen oder Anwendungen jedoch nicht einwandfrei nachgewiesen ist, kann es aber natürlich nur bei diesen Überlegungen bleiben und die Unschuldsvermutung muss auch hier weiterhin gelten.

Dienstagabend gewann Ye Shiwen erwartungsgemäß auch die 200 Meter Lagen. Für die letzte Bahn brauchte sie länger als noch auf der doppelten Distanz am Samstag. Auch das: durchaus ungewöhnlich!

 
 
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