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"Homosexuelle Sportler haben Nachteile"

Imke Duplitzer hatte noch nie einen Einzelsponsor. Liegt es an ihrer Homosexualität? "Mündige Sportler stören", sagt sie im "Jung & Naiv"-Interview, in dem sie sich den Community-Fragen stellt.

  Imke Duplitzer hält es für völlig normal, dass sie jeden Morgen neben ihrer Freundin aufwacht. Einige Menschen halten das nicht für normal - was der Fechterin aufs Gemüt schlägt.

Imke Duplitzer hält es für völlig normal, dass sie jeden Morgen neben ihrer Freundin aufwacht. Einige Menschen halten das nicht für normal - was der Fechterin aufs Gemüt schlägt.

Imke Duplitzer stand eine gute halbe Stunde Tilo Jung Rede und Antwort. Die Fechterin erzählte von ihrem Coming-out, ob es Nachteilte mit sich bringt, wenn man als Leistungssportlerin offen homosexuell lebt und zog den Schluss, dass sie es wohl #link;www.stern.de/2091261.html;nicht zu einer IOC-Funktionärin bringen wird# (hier können Sie das Videointerview sehen).

Im dritten Teil des Gesprächs stellt sich Duplitzer den Fragen aus der "Jung & Naiv"-Community.

Tilo Jung: Imke, wir haben jetzt nur noch ein paar Fragen an dich gesammelt.

Imke Duplitzer: Schieß los!

Peter möchte wissen: Wie stehst du zur Früh-Sexualisierung im Kindergarten? Findest du das gut, dass die Sexualität einer Person wichtiger ist als die Person selbst? Findest du die Diskriminierung der Heterosexualität in Ordnung?

(lacht herzlich) Also äh... Früh-Sexualisierung im Kindergarten: Wahnsinn! Ich bin der Meinung, Kinder sollen erstmal Kinder sein – auch im Kindergarten. Also ich bin im Kindergarten, glaube ich, nicht frühsexualisiert worden. Ich habe da ganz normal mit meinen Sandkastenkumpels gespielt.

Vielleicht hast du Glück gehabt?

Ja, vielleicht habe ich Glück gehabt. Vielleicht hat sich da mittlerweile auch etwas verändert. Kinder sollen einfach Kinder sein. Das ist völlig Wurst, ob da Sexualisierung oder sonst etwas... Ich meine: Viel Sexualisierung passiert ja auch durch Werbung. Also wenn man sich einfach mal anschaut heutzutage, das sind jetzt keine Kindergartenkinder mehr, aber knapp so drüber, erste Klasse Grundschule, bei Werbung für Kinderklamotten: Die sehen teilweise aus, als ob sie auf den Kinderstrich gehen. Da muss die Werbung ein bisschen runterkommen und Kinder wieder Kinder sein lassen. Dass die nicht aussehen, wie Britney Spears zu heiß gewaschen. Ähm und... was wollte er noch wissen?

Findest du das gut, dass die Sexualität einer Person wichtiger ist als die Person selbst?

Ah, ja genau. Das mit der heterosexuellen Diskriminierung – die fand ich spitze. Ich kenne keinen Heterosexuellen, der sich irgendwie diskriminiert fühlt. Das ist ja auch eine völlig verquere Idee zu glauben, nur weil Homosexuelle einfach in Ruhe offen leben wollen, dass sie Heterosexuelle diskriminieren. Insofern ist die Fragestellung schon super interessant, weil die zeigt ja einfach, dass da ja eine gewisse Angst mitschwingt. Nur weil es jetzt nicht fünf Homos gibt, sondern fünfzig, dass sich die fünftausend Heterosexuellen demgegenüber irgendwie diskriminiert fühlen könnten. Also das finde ich süß. Finde ich echt... Spitzenfrage! Klasse!

Ich habe letztens bei Maischberger gesehen, da stand dann irgendwie in der Bauchbinde "bekennender Homosexueller". Gibt es auch bekennende Heterosexuelle?

Es gibt wahrscheinlich auch keine bekennenden Heterosexuellen. Da sind wir wieder bei verbalen Nichtigkeiten. Ich meine, man kann bekennende Katholikin oder Evangele oder bekennender Vegetarier sein.

Kann man sich aussuchen?

Das kann man sich ja aussuchen. Aber die sexuelle Orientierung ist nichts, was man sich aussuchen kann. Insofern finde ich das mit dem "Bekennen" ein bisschen komisch. Das ist auch ein bisschen diese Skandalisierung durch Sprache. Wo man einfach sagt: Gut, geschenkt.

Dennis will wissen: Wenn Politik nichts mit Sport zu tun hat, wie es immer so schön heißt, warum hat dann Sexualität mit Sport zu tun?

Weil Sport etwas sehr Körperliches ist. Also wenn Angela Merkel sich da hin stellt und eine Rede hält, dann ist das jetzt nicht unbedingt etwas, das mit körperlicher Performanz einher geht. Die Zeiten, wo körperliche Performanz im Bundestag bei Reden eine Rolle gespielt hat, sind ja schon seit 30, 40 Jahren vorbei. Mittlerweile stehen die da ja relativ relaxt. Und beim Sport ist es eben so: Sport verkauft sich vielmals auch über sex sells. Das ist zum Beispiel gerade beim Beachvolleyball spielen so. Wenn man sich die Frauen anguckt, diese knappen Höschen, die die anhaben ... Die haben die jetzt nicht unbedingt an, weil die das so geil finden, sondern weil es eine Vorschrift gibt für die maximale Stegbreite der Hose. Wenn die im Tanga spielen wollten, dann dürften die das. Aber es gibt eine Vorschrift, dass die Hose ... dass der Steg, also der Seitensteg bei der Hose nicht mehr als ... ich glaube, es sind fünf Zentimeter betragen darf.

Ist nicht dein Ernst!

Doch. So viel zum Thema, dass halt eben Sport schon etwas mit Sexualität zu tun hat, weil er auch sexualisiert wird. Dementsprechend kann man sich dem auch nicht einfach verschließen.

Der Sport legt fest, wie sexy etwas sein soll.

Ja. Per Dekret. Wahnsinn, oder?

(Sprachlosigkeit bei Tilo Jung)

Da ist er jetzt völlig von den Socken!

Gibt's das beim Fechten auch?

Ne, weil wir haben ja – Gott sei Dank – so eine Ganzkörperausrüstung an.

Völlig unsexy!

Ja, wir haben ja schon immer mal gesagt: Das wäre für unsere Sportart doch ein bisschen geschickter, wenn wir es schaffen würden, irgendwie im Bikini fechten zu können. Aber das sind dann relativ kurze Auftritte, die du dann hast ...

Da könntest du Thomas Bach mal fragen. Der ist doch auch Fechter gewesen?

Auf die Idee kommt er bestimmt selber, da brauch' er meine Hilfe nicht.

Kennst du ihn eigentlich?

Ja, ich kenne ihn.

Kennt er dich auch?

Ja, er kennt mich auch.

Habt ihr ein gutes Verhältnis miteinander?

Wir haben halt ein... Ich hätte jetzt fast gesagt: Wir haben ein Verhältnis miteinander. (lacht) Nein, nein, nein!

Der hätte jetzt zu dir gepasst. Du stehst nicht auf Thomas?

Nein. Also wir kennen uns. Und das reicht auch.

Okay. Dann Kevin: Sind Aussagen wie die von Jens Lehmann zu Hitzlspergers Homosexualität gefährlich? Stichwort "Vorbildcharakter"...

Das ist ja auch so eine Geschichte: Je mehr man Vorurteile aus sich herausbrechen lässt ... Es gibt nun mal Leute, die Jens Lehmann immer noch als Vorbild sehen und dann sagen: Ja, wenn der sagt, das ist Kacke, dann ist es halt auch Kacke. Das ist so eine Geschichte, gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht, sollte man einfach ein bisschen darauf achten, wie man Sachen sagt. Man kann natürlich sagen. "Das wäre jetzt Nichts für mich. Aber Jeder, wie er halt mag." Und solche Leute … unterschätzen – gerade auch aus meiner Lebensgeschichte kann ich das sagen – die Bedeutung. So jemand wie Thomas Hitzlsperger, der Fußball spielt, den ganz viele Leute kennen, den ganz viele Jugendliche als Vorbild sehen im Fußballsport, wenn der sagt: "Ich bin schwul", dann sagen die einfach: "Boah cool. Der ist schwul, dann ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass ich ja auf Thomas stehe, oder so. Oder auf Kevin oder auf sonst wen."

Vielleicht war das gar nicht homophob ... Vielleicht meint er einfach nur aus seiner persönlichen Sicht: Ich bin so geil, ich muss aber aufpassen, wo die ganzen anderen nackten Menschen ... Also er meinte ja irgendetwas ... Wenn er duschen würde, hätte er Angst. Er hätte ja vielleicht auch Angst bei dir oder bei einer Frau. Vielleicht ist einfach nur so sexy, dass ...

Dass er vor lauter Kraft kaum gehen kann.

Ja!

Auf der nächsten Seite geht es um Fragen zu Escorte-Service für schwule Fußballer, Federboas und Gartenzwerge

Das kann natürlich auch sein. Aber das ist eben so eine Geschichte, wo man sagen muss, das ist natürlich ... Ich dusche auch mit Kolleginnen von mir und da interessiert mich nicht eine von. Muss man an der Stelle einfach sagen. Das ist eben ein sehr einfaches, ein sehr plattes Bild, wenn man glaubt, nur weil man heterosexuell ist, dass man auf jeden Kerl drauf springt, wenn man homosexuell ist. Dass man als Frau auf jede Frau und als Mann auf jeden Mann drauf springt. Da gehört ja ein bisschen mehr dazu als einfach ein Stück warmes Fleisch.

Ein Drink, nette Worte ...

Ein bisschen Streicheln.

Genau.

Ja.

Jan möchte wissen: Hast du Vor- und Nachteile durch deine sexuelle Orientierung im Spitzensport und im Alltag?

Ich habe in meiner gesammelten Karriere noch nie einen Einzelsponsor gehabt. Das kann natürlich an meiner sexuellen Orientierung und an meinem Rückgrat liegen. Das sind zwei Sachen, das kann ich so nicht beantworten.

Das ist ein Nachteil.

Ja. Es gibt eine sehr nette Geschichte, da hat ein Marketingfuzzi mal einen von unseren Funktionären richtig massiv unter Druck gesetzt. Und dieser Marketingfuzzi ist auch sehr schmerzfrei, der hat den immer weiter unter Druck gesetzt. Und dann brach aus unserem Funktionär heraus: Jemand mit so einer sexuellen Orientierung, Lebenseinstellung, der passt in keinen Sponsorenpool. Bums! Da hatte ich es dann endlich mal ... Da musste ich mir auch keine Sorgen mehr machen, warum ich da nie berücksichtigt worden bin. Also man merkt es schon. Im Alltag. Es sind diese Kleinigkeiten. Wenn ich irgendwo stehe und Leute sehen mich, dann geht's nach dem Motto: "Ja, dieses dumme, schwule Arschloch!" Dass halt Sexualität abgewertet wird, indem man es als Schimpfwort benutzt. Und das sind so Sachen, wo man dann schon sagen muss: Leute, spart es euch doch einfach! Was hat Sexualität mit einer Beschimpfung zu tun? Nix! Wie gesagt: Wir haben es uns ja nicht ausgesucht.

Kurz noch zum Fußball: Da wird immer gesagt, wenn einer als Aktiver rauskommt, dann kann er sich vor den Fans nicht mehr sehen lassen. Auf der anderen Seite habe ich in der "Süddeutschen" mal gelesen, dass das weniger die Fans sind, sondern eher die Sponsoren, die da Probleme mit hätten. Angenommen Gazprom, ein russisches Staatsunternehmen, ist Hauptsponsor von Schalke 04. Wenn Schalke 04 jetzt einen schwulen Spieler oder einen schwulen Trainer hätte, gäbe es dann ein Problem? Steckt da etwas dahinter?

Ich glaube, in der Mannschaftssportart ist es nicht so dramatisch ... Wenn du einen Schwulen hast, hast du noch zehn Heterosexuelle. Ich könnte mir vorstellen, dass der Sponsor darauf drängen würde – nach dem Motto: Ob der denn wirklich aufs Feld laufen muss oder ob man den nicht lieber ein bisschen auf der Bank sitzen bleiben könnte.

Wir brauchen noch einen Zweiten, Dritten und Vierten!

Gerade im Fußball ist es sehr vielschichtig. Es gibt in der Tribüne, in der Kurve Fans, denen das völlig schnuppe ist und es gibt auch welche, die egal welchen Scheiß zum Anlass nehmen, da zu randalieren. Ob das jetzt ist, weil jemand nicht weiß ist oder weil jemand schwul ist oder ob das jemand ist, der eine andere religiöse Einstellung hat. Ich glaube, es gibt einfach Menschen, die sich daran aufgeilen, auf anderen Menschen rumzutrampeln. Und wenn sie einen Anlass finden, dann werden sie ihn nehmen. Ob das Homosexualität oder die Farbe der Haare ist, ist denen Wurst.

Dann möchte Niclas wissen: Wie können lokale Vereine am besten Aufklärung betreiben?

Stellt nur Schwule und Lesben an! (lacht) Ich habe es ja zum Beispiel bei mir erlebt: Ich habe als Trainerin relativ lange gearbeitet – auch mit Mädchen in einem relativ sensiblen Bereich ... 15, 16. Und am Anfang waren die Eltern schon so ein bisschen so: "Aha... Ach, Sie fahren übers Wochenende weg? Und da ist eine Übernachtung mit dabei?" Aber je mehr Umgang sie mit mir hatten und die einfach festgestellt haben, den Mädels geht es super bei mir, ich passe auf die auf, die entwickeln sich toll mit allem Drum und Dran, umso mehr wurde es normal. Also das Schönste, was ich erlebt habe: Dass gerade eine der Mütter, die am Anfang am kritischsten war, als ihre Tochter dann aufgehört hat, weil sie ins Studium gegangen ist, da sind Tochter und Mutter bei mit einem Blumenstrauß angetrabt und haben sich dafür bedankt, dass die Tochter – im Grunde genommen – der Mensch und der charakterfeste Mensch geworden ist, der sie ist. Mit einer eigenen Meinung, weil ich sie da halt hinerzogen habe. Und das sind einfach so Sachen, wo man einfach sieht, es geht halt auch, indem man es einfach lebt. Ganz normal. Klar, natürlich gibt es auch diese Vorurteile. Es ist auch so, viele Leute glauben, wir steppen jeden Abend "Y.M.C.A." und wir schütten ein Kiste Prosecco und wir hüpfen in einer Federboa und Lederoutfit bei mir durch die Wohnung.

Du gibst es also jetzt zu...?

Genau! Ich bekenne es jetzt. Das ist natürlich Blödsinn. Je mehr einfach gezeigt wird, dass Lesben und Schwule ... wie du und ich … völlig normal, also teilweise auch elend spießig miteinander leben. Ich kenne sogar Schwule, die haben Gartenzwerge bei sich auf der Datsche stehen, ja? Also wo du echt sagst: Ich denke, du bist schwul, du hast Geschmack! Das ist eben auch ein Vorurteil, dass jeder Schwule irgendwie Inneneinrichter oder Star-Architekt sein muss. Es gibt auch ganz Normale, die bei BMW am Band stehen. Und je normaler das ist, je klarer das wird und je mehr es eben völlig normal wird, umso easier ist das.

Ich hatte mal mit Michael Vesper geredet. Der meinte so: Weibliche Homosexuelle im Sport gibt es viel mehr als männliche. Glaubst du, dass das ein Problem ist, dass gerade die Männer sich nicht trauen?

Also für einen Jungen ist es auf jeden Fall definitiv härter, weil ... Also es gibt eine ganz interessante Theorie, die sagt: Schwulsein wird mit einer Verweichlichung und mit einem Nicht-mehr-ernst-nehmen verbunden. Als Mann, das ist halt eine Definition, eine gesellschaftlich althergebrachte Tatsache, du musst immer rausgehen und dich kloppen. Du musst jagen. Du musst der sein, der "Uh, uh, uh" macht. Und das ist, glaube ich, in unserem archaischen Hirn auch immer noch so abgespeichert. In dem Moment, in dem man sagt: Okay, ein Mann ist schwul, dann ist das gleich immer so ein bisschen so wie: "Hach, der wirft mit seinem Puderdöschen und der trinkt gerne Proseccochen." Das ist so ein Bild, diese Lächerlichkeit, die immer wieder in der Gesellschaft aufgebaut wird, um irgendwie damit klar zu kommen. Der ist schwul, da lachen wir mal drüber, dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Ich glaube, das ist eines der Probleme, wo viele von den Jungs einfach echt richtig, richtig echt, massig Ärger haben. Auf der anderen Seite … etwa bei Lesben im Sport ... das wird so ein bisschen belächelt – von Männern, die meistens denken: Vielleicht wird es ja doch mal irgendwann mit den Zweien ... Es ist ja auch so, dass weibliche Sexualität einfach null ernst genommen wird ... Viele von den Männern, von den Funktionären sind alteingesessene Männer, ab einem gewissen Altersspektrum. Und für die ist die selbst bestimmte Sexualität der Frau – das ist jetzt total politisch, tut mir leid – bei den Mädels ... da wird das nicht so ernst genommen.

Haben weibliche Sportler auch Fake-Ehemänner?

Ja.

Im Ernst?

Ja, im Ernst.

Oh.

Also ich kenne diverse, die in reihum wechselnder männlicher Begleitung immer wieder irgendwo auf offiziellen Anlässen auftauchen. Wo man dann schon immer sagt: Guck mal, die hat schon wieder einen Neuen. Wo du denkst: Neee, ihre Freundin sitzt zu Hause. Aber du sagst das natürlich nicht. Das würde die Leute bloßstellen und brüskieren. Also insofern denkt man sich da seinen Teil, lächelt nett und sagt sich: Ja, ist ja wieder ein hübscher Kerl, den sie sich da geangelt hat. Und man weiß eigentlich, wenn man weiß, wo sie ihn her hat, dass er pro Abend 450 Euro kostet. Das wäre ja auch ein Job für dich ...

Ich bewerbe mich hiermit.

Vor allem: Sex fällt aus. Weil die stehen ja nicht auf dich.

Geil!

Das ist doch der perfekte Traumjob, oder? Also wenn das hier mal nichts mehr wird, dann ... geht es schon los! Du denkst darüber nach?

Ich rechne gerade, wie lang ich da eine Woche arbeiten müsste ... Aber es gibt ja auch Bundesliga-Spieler, die verheiratet sind. Also die lassen sich ja sogar verheiraten! Warum gehen die denn da so weit?

Sind wir mal ehrlich: Wenn jetzt jemand ewig lange einfach nur mit jemanden zusammen wohnt, was denken denn dann die Nachbarn? Es gibt ja so einen gewissen, ich sage mal "normalen" Ablauf: Du verliebst dich, dann wohnst du mit ihm zusammen, dann denkt man übers Heiraten nach, dann heiratet man und dann setzt man zwei Kinder in die Welt. Am besten Junge und Mädchen. Das ist das Standardprogramm. Je mehr du von dem Standardprogramm abweichst, umso mehr Angst hast du, dass dein Geheimnis entdeckt wird. Das heißt, du versuchst also wirklich ganz stramm dieses Standardprogramm nach Vorschrift... Also wir haben uns kennengelernt, dann haben wir uns verliebt, dann waren wir mal locker zusammen, dann sind wir zusammengezogen, dann haben wir geheiratet und jetzt haben wir zwei Kinder in die Welt gesetzt. Also du hast quasi alles abgehakt, nur dass du ja nicht etwas erlebst wie ... "Ja, der sieht aber schon so ein bisschen weibisch aus, ne? Der ist ja schon so ein bisschen feminin, so metrosexuell und so." Das ist ja auch das lustige am Fußball: Seit David Beckham sehen die nicht mehr schwul aus, sondern metrosexuell.

Apropos Fußball: Ich habe mal gehört... Vielleicht wäre eine gute Sache bei den Fußballern, dass kein Aktiver sich einzeln outet, sondern dass es ein Kollektiv-Outing gibt. Also angefangen bei der Nationalmannschaft, das sind die Vorbilder der Fans. Da haben die keinen Einzelnen mehr, den sie haten können, sondern da müssten sie quasi ja ihre Vorbilder alle ...

Dafür müssten sie sich aber verdrahten und das ist ja der Punkt.

Wissen denn die schwulen Sportler voneinander?

Großteils nicht.

Ach so!

Warum interessiert es eigentlich, ob Sportler lesbisch oder schwul sind? Und warum ist Imke Duplitzer bei den Grünen und nicht bei der SPD? Auf der nächsten Seite gibt es die Antworten.

Das hat der Thomas Hitzlsperger auch gesagt, dass das kein Thema ist. Das Thema wird großräumig umschifft ... Homosexualität im Sport und auch im Fußball gibt es nicht, weil es nicht thematisiert wird. In dem Moment, wo es thematisiert wird, kommt die Frage: "Der will jetzt mit mir darüber reden, über Schwule ... Ist der schwul, oder was?" Da wird so eine Burg drumgebaut, so dass die auch gar nicht untereinander in Kontakt kommen, es sei denn, sie treffen sich irgendwann mal im Schwulenclub, aus Versehen. "Ah dahinten ist der, ich muss mal kurz in die Umkleide..." oder so.

Auf der anderen Seite habe ich mal mitbekommen, als Michael Ballack einmal nicht nominiert wurde, da hat sein Manager ...

Jaja, die Schwulencombo! Man mag das hinstellen, wie man will, aber da geht es um eine Leistungsgeschichte, mit allem Drum und Dran. Und der Manager hat dann gleich von der Schwulencombo gesprochen. So nach dem Motto: Da ist eine Verschwörung... Das heißt wieder, da ist im Grunde genommen dieses schwul ...

… die hassen den HeteroBallack.

Genau. Wobei ...

Vielleicht ist er auch nicht hetero.

Ja, man weiß es halt nicht.

Wir wollen ihn jetzt nicht als Hetero outen.

Man weiß es ja alles nicht. Alleine schon die Tatsache, dass in so einer Diskussion eine sexuelle Orientierung mit eingebracht wird und eine Rolle spielt, da muss man an der Stelle schon sagen, das ist einfach... lächerlich! Das ist peinlich.

Wibke will wissen: Warum interessiert alle so sehr, ob Sportler schwul oder lesbisch sind? Sollte es nicht um den Sport gehen?

Klar, es sollte in erster Linie um den Sport gehen. Aber der Sport findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern auch in einem medialen Raum. Ich habe zum Beispiel nie einen Hehl daraus gemacht und meine Freundin auch mit zu Empfängen genommen. 2004 hat die "Bild" dann ein Riesending daraus gemacht. Da hat der Chefredakteur dann bei mir auf dem Handy angerufen: "Ja, sie wollen jetzt ... Und für Olympia und blablabla." Und dann stand es riesengroß in der "Bild am Sonntag". Doppelseite. Ich glaube, in der "Bild der Frau" oder so etwas. Oder in der "Neuen Revue" stand da: "Die Liebe einer Frau führt ihr den Degen". Also man sieht schon, das ist für die Presse so eine Geschichte, die dann super gern medial verwurstet und verwalzt wird. Dass wir mit der Mannschaft eine Silbermedaille geholt haben, war in dem Falle völlig Wurst. Und da sind wir wieder bei dem Thema: Es geht nicht um Sport, sondern es geht um das Rahmenprogramm, was viel besser verkaufbar ist.

Wibke noch mal: Geht es nicht eigentlich um Werbepartner, die eine heile, konservative Sportlerwelt zur Vermarktung ihrer Produkte brauchen?

Ja. Mir muss man das jetzt nicht sagen. Ja.

Dann Jonas: Wieso ausgerechnet die Grünen?

(Imke lacht)

Du bist bei den Grünen?

Ja, ich bin bei den Grünen.

Du Ärmste!

Ja. Wieso ausgerechnet bei den Grünen? Ähm ...

Du würdest auch zur CSU passen.

Genau. Ich würde wahrscheinlich besser zur CSU passen. Ich habe für die Wiesn mir ein Dirndl gekauft, das gebe ich ganz offen zu. Meine Freundin kommt aus Bayern – man hört es, die färbt ab. Aber die Grünen sind meiner Meinung nach, wenn es um Menschenrechte oder sonst was geht, eine von den Parteien, wo man sagt, da ist noch ein bisschen Bambule und Randale mit dabei. Ich bin so ein bisschen ein Bambule-und-Randale-Typ und insofern ... Die CDU, die CSU, die FDP gibt's ja leider nicht mehr, und die SPD – die haben mich ja nicht gefragt. Das muss man an der Stelle halt auch sagen.

Selber schuld.

Ja, selber schuld. Nee, also ich bin da also auch Überzeugungstäter. Also ich glaube, dass da ein sehr, sehr guter Kern drin ist. Ist klar, es gibt – wie überall – Menschen, mit denen man nicht so toll zu Rande kommt. Aber die Grundgeschichte in der Idee überwiegt da bei mir.

Aber der Vesper ist doch auch bei den Grünen. Also eigentlich müsstet ihr doch Buddies sein.

Der Michael Vesper ist bei den Grünen, er hat ein grünes Parteibuch, aber mit den Buddies ... Er ist Funktionär und ich bin Sportler. Das sind ...

… andere Rollen?

Ja.

Dann Vasilli zum Schluss: Du warst ja schon mal Vorsitzende des OFC Bonn. Kannst du es dir vorstellen, Thomas Bach es irgendwann gleich zu tun und als IOC-Präsident zu kandidieren, um den ganzen Laden ordentlich umzukrempeln?Nein, definitiv nicht. Weil ich die Qualifikationsphase dahin gar nicht überstehen würde. Durch meine Homosexualität würde ich mich ja zum Beispiel mit den arabischen Staaten, die maßgeblich diese ganze Aktion gesponsert haben, nicht so einfach tun. Und ich möchte den Job gar nicht. Also da ist mir viel zu viel ...Das Geld ist dir egal? Ich bin nicht mehr jung, ich brauch' das Geld nicht. Und es ist ein Job, der reizt mich überhaupt nicht.Und die Allerletzte von Roland: Bist du in der optimal geschmacksneutralen Welt Olympia-Sportlerinnen aus Diktaturen begegnet, die von deinem politischen Engagement wussten und die dir den Rücken gestärkt haben?Das ist auch so ein zweischneidiges Schwert. Also es gibt einige von den Fechterinnen, sage ich mal, von den Russinnen, die mich auch in der Umkleide teilweise mal abgepasst und gesagt haben: "Du pass auf ,..." Wo halt eben keiner der männlichen Funktionäre zugegen war. Die haben gesagt, sie finden das klasse und haben auch kein Problem damit, dass ich homosexuell bin. So etwas gibt es auch. Das ist echt schön. Aber manchmal nimmt das einen dann mit, wenn dann der Nachsatz kommt: "Aber du musst verstehen, wenn wir da wieder raus sind aus der Umkleide und die Jungs, die Männer, die Funktionäre wieder gucken, dann muss ich ein bisschen Abstand halten, damit ich einfach nicht in so einen Dünkel komme ..." Und das zeigt, wie viel Macht Funktionäre und Verbände haben, und dass der Athlet sich gar nicht frei entwickeln soll! Es ist nicht Ziel des internationalen Sportsystems, sei es ein diktatorisches Regime oder freies Deutschland oder Amerika, dass der Athlet wirklich zu einem mündigen Athleten wird. Der mündige Athlet würde stören. Schade, aber so ist es. Also weiterhin, liebe Sportler: Klappe halten!NLW: Nicken, lächeln, winken.Schönes Schlusswort. Dankeschön!

Interview: Tilo Jung
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