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"Bachs Schulterschluss mit Putin ist feige"

Sportlich läuft es für das deutsche Team einigermaßen. Flagge zeigen die Athleten aber nicht. Jens Weinreich wünscht sich im Interview mit "Jung & Naiv", dass einer mal einen Arsch in der Hose hätte.

Jens Weinreich erklärt auf seinem Blog und für "Jung & Naiv" die engen Verbindungen zwischen Sport und Politik

Jens Weinreich erklärt auf seinem Blog und für "Jung & Naiv" die engen Verbindungen zwischen Sport und Politik

Gold im Rodeln, Gold im Skispringen, Gold in der Abfahrt - aus sportlicher Sicht verlaufen die Olympischen Winterspiele in Sotschi für das deutsche Team einigermaßen nach Plan, wenn auch nicht komplett zufriedenstellend. Fast schon vergessen scheint die Kritik am Austragungsort, der in den Subtropen liegt. Zu den gesellschaftlichen und politischen Problemen in Russland äußern sich die deutschen Sportler ohnehin höchst ungern. Sie verweisen lieber auf ihre Profession, sie seien Sportler, keine Politiker.

Skirennfahrer Felix Neureuther ist eine der wenigen Ausnahmen unter den deutschen Athleten. Und dann wäre da noch der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach. Ihn hat der Blogger Jens Weinreich im Interview bei "Jung & Naiv" mit Tilo Jung (hier können Sie das Videointerview sehen und den ersten Teil lesen) besonders auf dem Kieker.

Wie gehen die Deutschen mit den Olympischen Spielen um? Kommt der Olympia-Präsident nicht aus Deutschland?

Es gibt einen IOC-Präsidenten aus Deutschland und der heißt Thomas Bach, ist angetreten im September letzten Jahres. Der findet im Moment im Prinzip alles toll, was Wladimir Putin toll findet. Er hat beispielsweise zur Eröffnung der IOC-Sitzung eine Rede gehalten und ziemlich geschimpft darüber, dass Politiker nicht nach Sotschi kommen. Bundespräsident Gauck blieb zum Beispiel der Eröffnungsfeier fern.

Warum wollen die da nicht hin?

Weil sie nicht damit einverstanden sind, was Putin da macht. Sowohl die Menschenrechtsfrage als auch grundsätzliche politische Fragen. Das hat relativ wenig mit der Frage Gigantismus und Korruption zu tun. Diese ganze Gemengelage, die passt denen nicht. IOC-Präsident Bach hat die ziemlich angegriffen und übt den Schulterschluss mit seinem Freund Wladimir. Es gibt einen Punkt, da kann ich Bach durchaus verstehen, das muss man ihm nachsehen: Die Olympischen Spiele fanden vorher schon einmal in Russland statt, damals in der Sowjetunion. In Moskau, die Sommerspiele 1980. Die wurden vom Westen boykottiert. Die USA und die Bundesrepublik haben boykottiert und Thomas Bach war damals Athlet. Der war damals Fechter und Sprecher der Athleten ...

Und konnte nicht fahren?

Er konnte nicht. Er hat sogar gegen diesen Boykott gekämpft. Er war damals aber quasi machtlos und wurde von Politikern ausmanövriert, weil es da von der Bundesregierung an die deutschen Sportverbände und Dachverbände die Anordnung gab zu sagen: Boykott. Das gehört im Prinzip zu Bachs olympischer DNA. Insofern kann ich ihn verstehen. Ansonsten verstehe ich den Schulterschluss mit Putin jetzt nicht unbedingt.

Du sagst jetzt, er findet alles toll, was Putin toll findet. Putin hasst Homosexuelle. Die Menschenrechtslage ist nicht so doll. Mag der Thomas Bach auch keine Homosexuellen?

Doch, mag er. Es ist ja auch nicht so, dass das IOC jetzt frei von Homosexuellen wäre. Es ist auch nicht so, dass die IOC-Administration frei davon wäre.

Ich weiß nicht, ob du das gesehen hast. Michael Vesper hat gesagt: Es gibt auch schwule deutsche Sportler.

Ich sag ja: Es gibt auch schwule Funktionäre, Homosexuelle im IOC und in der Administration. Bach steht nun ja jetzt nicht da und sagt, er finde das Anti-Homosexuellen-Gesetz klasse. Er versucht, es herunterzuspielen. Man kann sagen: manchmal feige, manchmal verlogen. Er versucht, es herunterzuspielen und zu sagen: Come on! Während der Spiele: Ihr könnt euch frei fühlen und für die Sportler ist alles getan.

Ich habe Vesper ja auch gesagt: Das hört sich so ein bisschen nach 1936 an. Da wurde ja auch gesagt: Während der Spiele brauchen die Juden sich keine Sorgen machen, aber danach ging es dann los.

Und während der Spiele 1936 in Berlin haben sie KZs gebaut. Nah an Berlin dran: Das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde im Sommer 1936 gebaut, als in Berlin die Olympischen Spiele stattfanden.

Aber damals wurde auch nicht boykottiert.

Ich arbeite an so einem IOC-Buch und schreibe auch über dieses Beispiel. Die Boykott-Diskussion um Berlin 1936 endete damals so: Das einzige IOC-Mitglied, dass sich konsequent dafür eingesetzt hat, dass man nicht nach Hitler-Deutschland geht, das war Ernest Lee Jahnke, deutschstämmig. Der wurde aus dem IOC rausgeschmissen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Menschenrechte in der olympsichen Charta keine Erwähnung finden.

Ist es also scheißegal, was es für Menschenrechtsverletzungen gibt – ob nun Juden gehasst werden oder Homosexuelle? Ist das egal, Hauptsache Olympische Spiele?

Ja, Augen zu und durch. Da ist viel Opportunismus dabei, viel Verlogenheit. Bachs Argumentation ist auch nicht neu. Er sagt nämlich, und ähnlich argumentiert die Fifa, der Fußballweltverband, bei der Diskussion um Sklavenarbeit bei der WM in Katar. Wenn wir diese Mega-Events dort nicht hin vergeben hätten, hätte man weltweit auch nicht diese Diskussion. Das heißt: Nur weil die Spiele in Sotschi stattfinden, kann man jetzt über Fragen der Menschenrechte dort diskutieren, kann man jetzt über dieses und jenes diskutieren. Das finde ich eine relativ verlogene Diskussion, denn ehrlicher, vernünftiger wäre es doch, ganz anders vorzugehen. Man hätte Putin 2007 erklären können: "Lieber Freund, es ist ja ganz nett, dass du für Russland ein Wintersportzentrum aufbaust, das finden wir auch ganz toll. Ist auch nett, dass du in Krasnaya Polyana im Tiefschnee Skifahren willst und dass du da deine Sommerresidenz hast. Bloß: Komm doch in vier oder acht Jahren wieder, wenn Menschenrechtsfragen erfüllt sind. Aber so hat man es nicht gemacht. So hat man es noch nie gemacht, weil Fragen wie Menschenrechte nachrangig sind.

Gibt es keine olympische Charta für Menschenrechte?

Die olympische Charta zählt nur teilweise, je nachdem, wie man sie auslegt.

So wie die Bibel ... immer wie es einem passt?

Das Wort Korruption taucht in der olympischen Charta nicht auf. Da kann man jetzt die Frage stellen: Gibt es deshalb keine Korruption? Der Sport macht daraus eine merkwürdige Argumentation. Das wird dir ja damals sicher der DOSB-Generaldirektor Michael Vesper erzählt haben. Der sagt immer: "Sport ist ein Menschenrecht." Damit kann man natürlich vieles rechtfertigen. Das hatten wir vor ein paar Jahren auch bei den Olympischen Sommerspielen in Peking.

Wie ist das mit den Sportlern? Du meintest selber, es gibt auch viele homosexuelle Sportler. Wie werden die sich verhalten? Können die sich wehren?

Wir hatten das im letzten Jahr bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau. Kurz nachdem dieses Anti-Homosexuellen-Gesetz verabschiedet wurde, da gab es eine schwedische Hochspringerin, Emma Green Tregaro, die hatte sich die Fingernägel in Regenbogenfarben angemalt. Wenn ich mich richtig erinnere, dann wurde ihr relativ schnell zum Finale klar gemacht ...

… sie soll eine größere Flagge tragen?

Genau. Dass sie es doch vielleicht bitte ein bisschen klarer zum Ausdruck bringt. Nee, sie hielt sich dann total zurück und hat dann gar nichts mehr gemacht. Weil man das in Sportfunktionärskreisen als politische Demonstration betrachtet. Das hat es schon immer gegeben, auch bei anderen Themen.

Nicht Meinungsfreiheit?

Laut olympischer Charta, laut Thomas Bach und laut anderen ist das ja gewährleistet. Es gab kürzlich eine absurde Situation, da hat Bach eine internationale Telefonkonferenz gemacht für Journalisten, so drei Dutzend Journalisten oder so. Da kam natürlich die Frage: Was ist denn jetzt eigentlich, wenn die Sportler was machen. Wie ist es bei Pressekonferenzen? Darauf antwortete er: "Natürlich ist jeder frei, bei Pressekonferenzen sich zu äußern, auch zu politischen Themen." Das war kaum in der Welt und kaum publiziert, da meldete sich der Chef des Organisationskomitees von Sotschi, der alles macht, was sein Boss Putin ihm sagt. Dimitri Tschernischenko heißt er und der sagte: "Oh, ich glaube, da hat der IOC-Präsident etwas missverstanden." Aber das wird Bach jetzt mit Putin auszumachen haben.

Das ist ein hoffnungsvolles Ende für unsere Folge. Guckst du die Olympischen Spiele?

Kaum. Ein bisschen die Eröffnung, um zu sehen, wie Putin den Larry macht und der Welt zeigt, dass er der Größte, der Größte aller Zeiten ist. Sonst nur wenig.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Fußball-WM 2022 in Katar einen Vorteil gegenüber Sotschi hat und wann die ersten Spiele in Pjöngjang stattfinden.

Im Anschluss an das Gespräch antwortete Jens Weinreich direkt auf Fragen aus der "Jung & Naiv"-Community:

Kai möchte wissen: Sind die Putin-Spiele genauso schrecklich wie eine FIFA-WM in Katar?

Da gibt es viele Parallelen. Die Fifa-WM hat den Vorteil, dass sie auf jeden Fall wärmer sein wird.

Martin fragt: Wie wird die russische Regierung mit Petitionen gegen Anti-Homo-Gesetze umgehen?

Das kommt darauf an. Ehrlich gesagt, wünsche ich es mir, dass ein Sportler wirklich mal einen Arsch in der Hose hat und eine Siegerehrung oder andere offizielle Termine dazu nutzt, um sich klar zu bekennen. Das gab's nur sehr selten in der olympischen Geschichte. Das hat man von deutschen Sportlern noch nie erlebt. Andere sind da ein bisschen weiter. Ehrlich gesagt, bin ich wahrscheinlich der einzige, der sich das wünscht. Es gab im Übrigen in der IOC-Geschichte mal etwas ganz Historisches, wirklich im wahrsten Sinne des Wortes: 1968 haben zwei amerikanische Medaillengewinner, Tommie Smith and John Carlos, bei der Siegerehrung mit schwarzen Socken und schwarzen Handschuhen die Faust in die Höhe gereckt und wurden beide nach Hause geschickt. Es war eine politische Demonstration, die Sportlern nicht erlaubt ist.

Dann möchte Günys wissen: Warum sind die Spiele so teuer, kann man das nicht auch billiger machen und den Rest für etwas Sinnvolles ausgeben?

Absolut, absolut. Das bitte weitergeben an Wladimir Putin. Also das sind mit Autobahnbau und Zugtrasse die teuersten Winterspiele aller Zeiten. Der Sport argumentiert immer: Ja, aber das reine Austragungsbudget für zwei Wochen, das sind ja nur so rund zwei Milliarden. Aber eines ist klar: Nach dem, was es rund um Sotschi in den Medien an Berichterstattung, an Protesten von Human Rights Watch und anderen Menschenrechtsorganisationen gegeben hat, siehe auch Brasilien und die Diskussionen über die Fußball-WM in Katar ... nach all dem, wird sich in der nächsten Zeit extrem was ändern. Diese Spiele werden künftig auch billiger.

Der NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz fragt naiv: Wann finden die Winterspiele in Pjöngjang statt und wie will Herr Bach das öffentlich verteidigen?

Ach, das soll eine Ironie sein. Ich dachte, da hätte sich einer verschrieben, weil Pyeongchang ist in Südkorea und in Pyeongchang finden die Winterspiele 2018 statt.

Ist das das Gleiche?

Nein, ist es nicht. Pyeongchang liegt in Südkorea. Die Frage ist ironisch gemeint. Ist was dran. Das Problem ist, dass demnächst die nächsten Winterspiele 2022 vergeben werden. Und in allen Ländern, die so etwas wie demokratische Strukturen haben ... Also es ging los bei der Schweiz, da hat die Bevölkerung gesagt, in Graubünden: "Nein, wir wollen keine Olympia-Bewerbung." Auch in München war die Opposition erfolgreich und hat gesagt: "Wir stoppen die Olympia-Bewerbung." Zuletzt gab es in Schweden einen Stopp der Olympia-Bewerbung. Es könnte sogar sein, dass das gleiche im Frühjahr noch in Norwegen passiert. Oslo bewirbt sich. Am Ende blieben dann Kasachstan, es bliebe Polen und es bliebe Lwiw, Lemberg in der Ukraine, da wo wir gerade ein paar andere Probleme haben.

Es hört sich gerade so an, als ob die Menschen, die davon betroffen sind, ob in ihrer Region Olympia stattfindet, auf die Barrikaden gehen?

Wenn die ein Recht haben, danach gefragt zu werden, dann sieht das so aus. Das hat es in dieser Häufung noch nie gegeben. Zusammen mit dieser Gelddiskussion, das ist nicht voneinander zu trennen. Das gibt dem IOC zu denken. Deswegen sitzen die IOC-Mitglieder jetzt auch gerade in Sotschi. Sie wissen, sie müssen etwas ändern. Es wird in diesem Jahr einschneidende Regeländerungen geben.

Aber warum sagen die Menschen "nein"?

Die Menschen sagen "nein", weil sie – und selbst Sportfans sagen "nein"– weil sie sich nicht mehr davon blenden lassen. Gerade im Alpenraum ist es extrem. In Graubünden und München, da kenne ich auch viele, die in der Opposition gearbeitet haben und die treiben selber Sport. Das ist ja immer so ein absurder Vorwurf von Sportfunktionären, die sagen, das sind ja alles irgendwie Sportabstinenzler! Das ist völliger Schwachsinn! Das sind Grüne, aber nicht nur Grüne. Das sind einfache Leute, die bewusst ihr Recht wahrnehmen mitzureden. Das sind Leute, die sagen, im Alpenraum ist es einfach nicht mehr vertretbar. Du kriegst das nicht mehr hin. Das lässt das Wetter nicht mehr zu, die klimatischen Bedingungen. Und du must für diese Mega-Events an manchen Tagen an die 150.000 oder 200.000 Leute in irgendein enges Tal transportieren. Das ist nicht mehr zu vermitteln. Das kannst du nur noch da, wo du ganze Gebirge rodest und Flüsse umlenkst wie in Sotschi.

Benjamin möchte wissen: Alle stören sich gerade am Verbot homosexueller Propaganda. Lenkt das nicht von anderen Problemen in Russland ab?

Kann schon sein. Aber es ist jetzt ja nicht nur das Anti-Homosexuellen-Gesetz. Wir hatten zuletzt auch die Diskussion über die Bezahlung der Arbeitskräfte in Sotschi. Das gibt es nicht nur in Katar, sondern auch hier in Sotschi; dass es so eine Art Arbeitssklaven gab. Monatelang wurde kein Geld gezahlt und dass die Männer hausten wie sonst was. Das wird auch diskutiert. Korruption ist ja auch ein Thema. Es hat mit Fragen der Transparenz oder auch mit demokratischen Fragen zu tun. Darauf ist der Fokus gelegt worden.

Hanna will wissen: Was würdest du einem Sportler raten, wie er sich in Sotschi verhalten soll?

Als Mensch. Und mit ein bisschen Arsch in der Hose. Nicht nur an den Sport denken. Und dann vielleicht einfach mal ein Signal geben. Das wäre toll. Ich bin überzeugt, dass das auch manche tun werden. Ich hoffe, dass auch ein Deutscher mal den Arsch in der Hose hat und mal ein paar vernünftige Worte sagt – zu all den Themen, die wir hier besprochen haben. Menschenrechte und sonst was.

Aber Sportler sagen doch oft: "Sport hat nix mit Politik zu tun. Wir halten uns da raus."

Sportfunktionäre sagen auch oft immer über Sportler: Politik darf nicht auf dem Rücken der Sportler ausgetragen werden. Aber alle Sportler sind doch auch irgendwie politische Menschen, oder?

Weiß ich nicht.

Alle Sportler gehen wählen. Und sollten sich ja auch den Luxus einer eigenen Meinung gönnen. Ich würde es mir wirklich wünschen, dass sich auch ein Deutscher dazu mal äußert. Von ein paar anderen Nationen erwarte ich es.

Sind heutzutage die Idee der Spiele als friedlicher Völkeraustausch und die massive Militärpräsenz zu vereinbaren?

Mega-Events und Sicherheitsmaßnahmen – denken wir doch nur an diese G7, G20 und "G sonstewas", sind immer ein Wahnsinn und seit 9/11 noch wahnsinniger. Das lässt sich nicht verhindern. Ich habe das selber mal bei Olympia erlebt. Ich habe erlebt, wie eine Bombe hochging. In Atlanta 1996 bei den Sommerspielen. Da hat der Organisator Billy Payne zu Beginn der Spiele auf der IOC-Vollversammlung gesagt: "Atlanta wird jetzt in den zwei Wochen der sicherste Ort auf diesem wundervollen Planeten sein." Ein paar Tage später ging im Centennial Olympic Park eine Bombe hoch. So eine Splitterbombe ... eine selbst gebastelte. Und da starben auch ein paar Menschen. Du kannst es nie ausschließen. Ich heiße damit überhaupt nichts gut und das ist auch ein finanzieller Aspekt. Denn das sind Kosten, die in keinem Budget auftauchen. Das sind verborgene Kosten. Und das sind nochmal Milliardenkosten für jedes dieser Mega-Events: die Sicherheitsmaßnahmen.

Wie naiv sind ARD, ZDF und deutsche Öffentlichkeit, wenn sie deutsche Biathleten und Eisschnellläufer hochjubeln – also in punkto Doping?

Doping oder nicht – das ist eine unfassbar intensive Diskussion gewesen am Beispiel Claudia Pechstein, eine Eisschnellläuferin. Erfolgreichste deutsche Olympia-Teilnehmerin im Winter aller Zeiten. Die jetzt mit 42 Jahren in Sotschi teilnimmt und sogar eine Medaillenchance hat, warjahrelang gesperrt. Nicht wegen eines direkten Doping-Nachweises, sondern nur wegen eines indirekten Doping-Nachweises. Da haben sich ja Heerscharen von Wissenschaftlern aus aller Welt darüber ausgetauscht. Sie sieht sich als Opfer und insofern kennt man beim deutschen Eislaufen das Problem. Biathlon ist ein Thema für sich, das ist quasi zum Show-Event hochgejazzt worden – auch mit Hilfe der öffentlich-rechtlichen Anstalten in den letzten Jahren in Deutschland. Da sahnen die Deutschen jetzt nicht mehr so viel ab. Aber es gab Zeiten, da haben die Deutschen ganz extrem alle möglichen Medaillen abgesahnt, auch Gold.

Wo soll da beschissen werden?

Gedopt wird in allen Sportarten.

Was sagen eigentlich Investoren und Sponsoren zu den unwürdigen Zuständen rund um die Spiele? Also so Sachen wie corporate image und so?

Ein Zitat von Gerhard Heiberg aus Norwegen, das IOC Mitglied, das für Marketing verantwortlich ist, Heiberg hat schon bei der letzten IOC-Session im September in Buenos Aires gesagt: "Unsere Sponsoren haben Angst."

Olympia ist jetzt am Limit. Aus verschiedenen Gründen. All diese Schlagzeilen über Korruption, über Menschenrechte, über Gigantismus im Extremen. Das gibt den Top-Sponsoren des IOC zu denken. Und Heiberg sagt: Die haben Angst. Wenn irgendetwas passiert, dann sagen Experten, dann kann dieses System zusammenbrechen. Ich glaube, dass sich das System auch wieder erholen würde. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Das ist allen völlig klar.

Da fällt mir gerade ein: Coca Cola hat während des Super Bowls jetzt so eine Werbung geschaltet, wo auch homosexuelle Paare zu sehen waren. Könnten sie diese Werbung auch in Russland schalten oder ist es verboten?

Da wäre es möglicherweise politische Propaganda. Und wie hat Putin gesagt: Ihr dürft alles machen, haltet euch nur bitte von unseren Kindern fern, von unserer Jugend.

So und die letzten Fragen ganz kurz: Ist die Angst wegen eines Anschlags in Sotschi wirklich so berechtigt?

Ja, offenbar. Ich bin da jetzt nicht der Kaukasus-Experte, sondern ein Normalverbraucher, der sich politisch interessiert. Klar ist die Angst berechtigt.

Martin Meier fragt: Hätte Deutschland die Olympischen Spiele boykottieren sollen?

Nein. Sportverbände, Politik und auch Sportler hätten andere Maßnahmen finden können. Maßnahmen ist schon zu technisch formuliert – das mag an der Kälte liegen. Andere Wege und andere Äußerungen. Und klare Äußerungen. Ja, einfach mal einen richtigen Standpunkt zeigen können.

Die letzte Frage von Roland: Im "Sochi Reporter's Guide" kritisiert Human Rights Watch das IOC dafür, dass es Menschenrechtsfragen nur an das Organisationskomitee weiterreiche und selbst offenkundig falsche Erklärungen der russischen Behörden ohne weiteres akzeptiere. An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit sich das IOC in Zukunft nicht mehr aus der Verantwortung stehlen kann?

Das ist sehr, sehr schwierig. Ich verstehe die Frage total und das ist auch ein Thema, was ich immer bearbeite. Bloß: Es gibt nur ein Grundgesetz, was dieses Business bestimmt. Und das ist die olympische Charta. Und wer legt die Charta fest? Die legt das IOC selbst fest. Insofern beißt sich da irgendetwas.

Das habe ich beim letzten Mal von dir gelernt: Das ist ja eine Eigenschaft vom Sport an sich, oder? Sport ist die letzte Bastion in der Welt. Die können die Regeln selbst machen.

Das ist in weiten Bereichen ein rechtsfreier Raum. Also das, was du und ich nicht machen dürften, wofür wir verknackt würden, wofür selbst Weltfirmen wie Siemens und Korruption mal als Beispiel Milliarden zahlen müssen, das gilt für Sportverbände nicht. Und immer noch nicht für die Top-Funktionäre in den Sportverbänden. Da hat sich nichts geändert.

Das heißt, ich nehme aus diesem Interview mit: Jens und ich sollten irgendwann Sportfunktionäre werden, weil wir dann machen können, was wir wollen.

Interview: Tilo Jung
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