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"Der Letzte, der Wasser so beherrscht hat, war Moses"

Der Erfolg war bei ihm so an der Tagesordnung, dass ihm die Ziele zur Motivation ausgingen. In Rio aber wird die Olympia-Welt einen gelösten Michael Phelps erleben. Über den schwierigen Weg des Jahrhundertschwimmers zu seinem letzten Kampf.

Der erfolgreichste Olympia-Athlet aller Zeiten: Michael Phelps plant bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro seinen letzten Auftritt

Der erfolgreichste Olympia-Athlet aller Zeiten: Der Schwimmer Michael Phelps aus den USA. Bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro will er seinen letzten Auftritt haben.

Die Meadows-Klinik zwischen den sanften Hügeln im Norden Arizonas verspricht Menschen Hilfe, die an Traumata leiden, die missbraucht wurden, die drogenabhängig sind. Menschen, deren Psyche so labil ist, dass sie sich unfähig fühlen zu leben. Mit Sicherheit ist sie der letzte Ort, von dem man erwarten würde, dass der erfolgreichste Olympia-Athlet unserer Zeit dort Zuflucht sucht. Jener Mann, von dem es heißt, seine mentale Stärke sei so unglaublich, dass er die Gegner durch pure Anwesenheit zermürbt. 18 Mal olympisches Gold, 39 Weltrekorde. Und in wird er – mit 31 Jahren – abermals Star der Spiele sein. Dieser Mann sagt: "In Meadows habe ich gelernt, als glücklicher Mensch zu leben."

Inzwischen sind etliche Monate seit seiner Therapie vergangen. Die Sonne brennt vom Himmel über dem Mona-Plummer-Schwimm-Komplex in Phoenix. Es ist Montagmorgen. hockt am Beckenrand. Seine Arme mit den riesigen Händen hängen wie Paddel von seinen Schultern, seine Füße sind so breit und riesig, dass sie Flossen ähneln. Schuhgröße 48,5. Phelps lässt seinen Körper ins Wasser gleiten, dann schwimmt er Bahn um Bahn, es sieht so leicht aus, so natürlich, als wäre er ein Fisch, der schwimmen muss, damit die Kiemen Sauerstoff aufnehmen, weil er sonst verenden würde.

Sein Trainer Bob Bowman läuft neben ihm her. Ein kräftiger Mann mit großem, weißem Sonnenhut. Wenn er Michael etwas zuruft, wedelt er mit dem Trainingsplan. "69 Tage bis Olympia", steht handschriftlich drauf. Bowman betreut Phelps seit 20 Jahren. Seit Phelps elf ist. Er hat ihn entdeckt. Bevor Bowman professioneller Schwimmtrainer wurde, studierte er Kinderpsychologie. Einmal sagte Bowman über Phelps, er habe ein "Monster" erschaffen. Er meinte damit: einen Athleten, der in seinem Sport so perfekt wurde, so überlegen, dass er an seinem Privatleben zwangsläufig verzweifeln musste.

Der Rekordhalter für Goldmedaillen bei Olympia, Schwimmer Michael Phelps

Der Rekordhalter für Goldmedaillen bei Olympia, Schwimmer Michael Phelps


Auf Michael Phelps wartet Medienrummel in Rio

Wenn nun die Olympischen Spiele in Rio beginnen, wird Phelps für Medienrummel sorgen wie sonst nur der jamaikanische Sprinter Usain Bolt. Zwei souveräne Siege über 200 Meter Schmetterling und 200 Meter Lagen bei den Ausscheidungsrennen in Omaha haben Phelps die Olympia-Teilnahme gesichert. Es sind seine fünften Spiele. Bei seinen ersten, im Jahr 2000 in Sydney, war er 15. Wenn er jetzt Gold holt, wäre er der älteste Schwimmer, dem das gelungen ist. Ein weiterer Rekord für die Ewigkeit.

Natürlich wird er ständig gefragt, warum er sich das antue, diese Schinderei? Sein Körper ist nicht mehr so belastbar wie früher. Er wird schneller müde. Nach dem Training muss er Eisbäder nehmen, damit sich die Muskeln regenerieren. Seinen sportlichen Zenit hatte Phelps mit 23, als er in acht Goldmedaillen gewann und damit den großen Mark Spitz (sieben Mal Gold) in den Schatten stellte. Auf die Spiele 2012 in London bereitete er sich nur halbherzig vor, holte aber trotzdem vier Mal Gold. Danach trat er zurück, um es sich zwei Jahre später wieder anders zu überlegen.

Also, warum?

Am Nachmittag sitzt Phelps auf einem ausgeleierten Bürostuhl in einem kleinen Konferenzraum des Trainingszentrums. Er knetet seine Finger, wippt mit den Beinen. Seine Antwort beginnt er mit der Zeit nach dem Triumph von Peking. "Schon damals fühlte ich mich oft unglücklich", sagt er. "Eigentlich wollte ich meine Karriere beenden und nichts mehr mit Sport zu tun haben. Aber irgendwie habe ich immer weitergemacht." Nach London schließlich sei der Einbruch gekommen. "Ich wusste nicht mehr, was meine Ziele waren. Ich bin morgens aufgewacht und habe mich einfach wieder umgedreht. Es war unmöglich, an den Erfolg anzuknüpfen."
Bis dahin hatte sein Leben fast nur aus Schwimmen bestanden. 6.15 Uhr aufstehen, anderthalb Stunden Training, dann essen, schlafen, zweites Training, kurze Pause, wieder essen, noch einmal Training. Sechs Stunden war er jeden Tag im Pool, sogar an Weihnachten. Als Teenager ließ ihn an einem Wettkampfwochenende bei 24 Einzelrennen starten. Das sollte Michaels Lungenvolumen noch größer und sein Herz noch kräftiger machen. Bowman nannte es "das Projekt Phelps". Und dann, nach der Rückkehr aus London, von einem Tag auf den anderen, war das Projekt beendet. Phelps, der im Lauf der Karriere um die 100 Millionen Dollar verdient haben dürfte, begann mit einem Mal etwas, das er nie getan hatte: über sich nach zudenken.

"Da habe ich festgestellt, dass ich eine mächtige Last auf meinen Schultern trage. Dinge aus meiner Kindheit. Es gab viel in meinem Leben, das war frustrierend." Erst in den vergangenen anderthalb Jahren, seit seiner Therapie in der Meadows-Klinik, habe er gelernt, das Leben zu genießen. "Heute kann ich in den Spiegel schauen, und mir gefällt, was ich sehe", sagt Phelps.

Schlechtes Verhältnis zum Vater in der Kindheit

Es war vor allem das zerrüttete Verhältnis zum Vater, das ihn so belastete. Fred Phelps ist Polizist, ein State Trooper. Er verließ die Familie, da war Michael acht. Seine Mutter stand über Nacht mit dem Jungen und seinen zwei älteren Schwestern allein da. Sie bewohnten ein Reihenhaus in Baltimore. Deborah Phelps, eine kleine, kräftige, dunkelhaarige Frau, arbeitete als Lehrerin. Sie sagt: "Ich habe von meinen Schülern immer viel Disziplin erwartet. Genauso wie von meinen Kindern." Doch Michael machte es ihr nicht leicht. Der Vater fehlte ihm. Der Junge war hyper aktiv, störte in der Schule, man verschrieb Ritalin. Als Bob Bowman ihn beim Schulsport entdeckte, zögerte Deborah Phelps keine Sekunde, den Elfjährigen in seine strenge Obhut zu geben.

Wenn Michael nicht gehorchte, warf Bowman ihn aus der Schwimmhalle. Dann rief der Junge seine Mutter an und bettelte, sie möge ihn abholen. Doch sie ließ ihn vor der Halle stehen, bis das Training um war. Woran es ihm nie mangelte, war Ehrgeiz. "Die Wut auf meinen Vater war für mich besonderer Antrieb", erzählt er. Eine Wut, die größer wurde, je seltener Fred Phelps zu den Wettkämpfen des Sohnes erschien.

Als Michael mit 15 und damit als jüngster Schwimmer der Geschichte zu den Olympischen Spielen nach Sydney fuhr, stand für Trainer Bowman bereits fest, dass sein Zögling den Sport über Jahre beherrschen würde. In Sydney wurde Michael zwar nur Fünfter, aber er war ja noch nicht einmal ausgewachsen. "Ein paar Ohren mit Armen", schrieb eine Sportzeitung.

Damals sah Michael in Bowman einen Ersatzvater. Ein Vater kann es sich erlauben, nachsichtig zu sein. Ein Trainer mit Bowmans Ansprüchen nicht. Der Zwiespalt verschlimmerte das Trauma des Jungen. Auch das Verhältnis zu den Teamkollegen war nicht einfach. Bowman erinnert sich an deren Reaktion, als Phelps bei der WM in Barcelona gleich fünf Weltrekorde brach. Beim ersten hätten sie noch frenetisch applaudiert, beim zweiten sei der Beifall schon zurückhaltender gewesen. "Am Ende haben sie sich nur gefürchtet, dass Michael ihren Platz im nächsten Olympia-Team einnimmt." Eddie Reese, der damalige Chefcoach, schwärmte: "Der Letzte, der Wasser so beherrscht hat, war Moses."

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Einmaliger Körperbau: Wie ein Surfbrett im Wasser

Was Phelps so einmalig macht, ist sein Körperbau. Die Spannweite seiner Arme beträgt 2,04 Meter. Er braucht für eine 50-Meter-Bahn 26 Kraulzüge, während andere Athleten 30 benötigen. Trotz seiner Größe von 1,95 Metern wiegt er nur 88 Kilo. Das bedeutet: Er hat relativ wenig Muskelmasse. Mehr würde unnötig Sauerstoff verbrauchen. Das eigentliche Geheimnis aber sind die kurzen Beine im Verhältnis zum extrem langen V-förmigen Torso. Dadurch liegt er "wie ein Surfbrett im Wasser", beschrieb es der deutsche Olympiasieger Michael Groß.

Der Rekordhalter für Goldmedaillen bei Olympia, Schwimmer Michael Phelps

Kurze Beine, langer V-förmiger Oberkörper: Der Rekordhalter für Goldmedaillen bei Olympia, Schwimmer Michael Phelps


Der zweite Erfolgsfaktor von Phelps ist seine mentale Stärke. Er ist in der Lage, schier unmenschlichen Druck zu kompensieren. Der Sportpsychologe Sean McCann sagt, was Phelps erreicht habe, "gehört zu den größten mentalen Leistungen der Sportgeschichte". Wie kaum jemand sonst könne er unter Stress fokussieren. Vor den Spielen in Peking hatte sein damaliger Sponsor Speedo eine Million Dollar Bonus angekündigt, wenn er die acht Goldmedaillen hole. Im Grunde erwartete die ganze Welt acht Mal Gold. Und Phelps hielt dem Druck stand.

Er sagt, seither sei sein größter Tiefpunkt jene verhängnisvolle Nacht im September 2014 gewesen. Er hatte sich in einem Casino in Baltimore mit Freunden auf ein paar Bier und eine Partie Poker getroffen. Gegen ein Uhr morgens setzte er sich in seinen Range Rover, um nach Hause zu fahren. Er telefonierte noch kurz mit seiner Freundin Nicole Johnson, einem Fotomodell, mit dem er seit vielen Jahren immer wieder mal zusammen war. Sie fragte, ob er getrunken habe. Aber er hatte sich schon auf den Weg gemacht. Dann bekam Johnson eine SMS: "Die Cops sind hinter mir."

Phelps war mit 84 Meilen pro Stunde (135 km/h) über eine Straße mit Tempolimit 45 gefahren und hatte dabei auch noch eine doppelt durchgezogene Linie missachtet. Ein Test ergab 1,4 Promille Alkohol im Blut. In Maryland liegt die Grenze bei 0,8. Als er nach Stunden auf dem Polizeirevier endlich nach Hause kam, schrieb er seinem Agenten Peter Carlisle: "Ich will nicht mehr leben." Drei Tage lang schloss er sich ein, antwortete weder auf Anrufe seiner Mutter noch seiner Freundin. Es war nicht das erste Mal, dass er mit Alkohol am Steuer erwischt worden war. Doch zuvor war er erst 19 gewesen, das ging als Jugendsünde durch. Diesmal brach in den Medien ein Sturm los. "Michael hat viele Menschenleben in Gefahr gebracht", schrieb Amerikas bekanntester Celebrity-Blogger Perez Hilton. "Er muss endlich lernen, wie gefährlich Alkohol am Steuer ist."

Der Rekord-Olympionik Michael Phelps mit seiner Verlobten Nicole Johnson und dem Sohn Boomer

Der Rekord-Olympionik Michael Phelps mit seiner Verlobten Nicole Johnson und dem Sohn Boomer


In Rio wie er Frieden mit sich selbst schließen

Die Reaktion fiel auch deshalb so heftig aus, weil Michael Phelps in den USA nicht nur als Übersportler galt – er galt als Übermensch. Seine Marketing-Agentur hatte ein Image geschaffen, das sein Agent Carlisle mit den Worten beschrieb: "Michael verkörpert Unschuld und Reinheit." Phelps wurde für die Trunkenheitsfahrt zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Es war seine freiwillige Entscheidung, sich in Therapie zu begeben.

Nach ein paar Wochen in Meadows schrieb er einen Brief an seinen Vater. Es war eine Einladung, ihn in Arizona zu besuchen. Sie hatten Jahre nicht miteinander gesprochen. Fred Phelps packte seine Koffer und buchte ein Ticket. Er sagt, es wäre ihm egal gewesen, wenn sein Sohn es sich im letzten Moment anders überlegt hätte, er wäre trotzdem geflogen. "Ich wollte meinen Jungen zurück." Seitdem telefonieren die beiden regelmäßig. Und oft sehen sie sich auch. Michael Phelps sagt: "Es ist eine eigenartige Erfahrung, eine Freundschaft mit jemandem aufzubauen, den man schon so lange kennt. Es macht mich glücklich. Wir besprechen alles, was unsere Beziehung über die lange Zeit belastet hat. Ich freue mich wie ein kleiner Junge auf jeden Tag, den wir miteinander verbringen."

Auch über seine Beziehung zum Trainer hat Phelps viel nachgedacht. Sie haben sich getroffen. Sie haben geredet. Und irgendwann nahmen sie das Training wieder auf.

Im Mai sind Michael Phelps und seine Freundin Nicole Eltern geworden. Boomer haben sie ihren Sohn genannt. Bei den Ausscheidungsrennen in Omaha konnte man den Kleinen an jedem Wettkampftag auf dem Schoß der Mutter sehen. Mit großen Ohrenschützern, damit ihn der Jubel um seinen Vater nicht erschreckt. "In Zukunft will ich vor allem für ihn da sein", sagt Phelps. "Ich bin glücklich, dass er dabei sein wird, wenn ich den letzten Wettkampf meiner Karriere schwimme." Fragt man ihn, was die Spiele von Rio jetzt noch für ihn bedeuten, so sagt er: "Sie sind vielleicht die wichtigsten meines Lebens." Es werden die Spiele sein, bei denen der große Michael Phelps Frieden mit sich selbst schließt.


Andreas Albes, USA-Korrespondent, war auch mal Leistungsschwimmer. Den größten Erfolg hatte er aber schon mit elf: Zweiter im Freistil beim Nikolaus-Schwimmen im Göttinger Hallenbad.



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