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Rafaela Silva - Das Goldmädchen aus der Favela

Ihre Kindheit war geprägt von Armut und Gewalt. Nun hat Rafaela Silva als junge Frau in Rio die erste Goldmedaille für Brasilien geholt. Die märchenhafte Geschichte einer Sportlerin aus einer Favela.

Endlich hat Brasilien Gold - dank Rafaela Silva

Endlich hat Brasilien Gold - dank Rafaela Silva

Auf diesen Augenblick hat Brasilien gewartet. Vier Tage lang. Vier Tage und noch keine Goldmedaille. Ein Favorit nach dem anderen scheiterte, bis sie übrig blieb: , 24, aus dem Armenviertel Cidade de Deus (Stadt Gottes). Eine Carioca. Eine Einheimische.

Mit einer märchenhaften Geschichte: Großgeworden in bitterer Armut, der Vater ein Gelegenheitsarbeiter, die Mutter Hausfrau - und sie ein Kind der Straße. Zwischen Streetgangs und wuchs sie auf, stets am Rand der Legalität. "Ich habe mich immer mit den Jungen geprügelt", erzählt sie im Interview. Ihre Schwester unterbricht sie: "Sie hat sich nicht geprügelt. Sie hat die Jungen verdroschen."

Judo statt Fußball

Rafaela wollte immer Fußball spielen. Aber ein Fußballteam gab es nur für Jungen. "Da blieb nur Judo", sagt sie.

Also Judo.

Sie hatte viel zu lernen. Schnelligkeit, Wendigkeit und Furchtlosigkeit brachte sie mit. Aber Selbstkontrolle fehlte ihr, auch Disziplin. Sie lernte die vielen Griffe und die Beinarbeit. Sie schritt aufrecht und stolz. Sie setzte einen grimmigen Tunnelblick auf. Und irgendwann schlug sie nicht mehr gleich zu, wenn sie jemand am Kragen packte. So sammelte sie einen Titel nach dem anderen. In der Favela. In Rio. In . Bei den Panamerikanischen Spielen.

Schon vor vier Jahren in war Rafaela Favoritin gewesen, schied aber im Kampf gegen die Ungarin Hedvig Karakas wegen eines technischen Fehlers auf tragische Weise aus. "Ich bekam viele Hassmails, auch rassistische. Ich sei ein Affe und solle zurück in den Dschungel gehen. Da fiel ich in ein tiefes Loch, in Depressionen. Drei Monate lang kam ich kaum aus dem Bett. Ich wollte aufhören. Ich wusste nicht, ob ich noch mal einen neuen Anlauf versuchen sollte."

Tunnelblick statt Jubel

Diesmal traf sie im Viertelfinale wieder auf die Ungarin. Ihr Revanchekampf. Und sie räumte sie souverän aus dem Weg. Das Publikum in der Arena 2 feierte. Aber bei ihr: Kein Jubel. Nur dieser Tunnelblick. Das Kreuz durchgedrückt. Der stolze Gang.

Im Halbfinale wartete die Rumänin Corina Caprioriu. Nach vier Minuten regulärer Kampfzeit gab es keine Siegerin. Zweimal hatte Rafaela sie am Boden. Zweimal forderte das fanatische Publikum den Sieg. Aber die Kampfrichter blieben stur.

Es ging in die Verlängerung. Die Zuschauer feuerten sie frenetisch an: Ole-Ole-Ole-Ola Rafa Rafa. Eine Kulisse wie es sie in Brasilien selbst beim Fußball nicht mehr gibt - die um Superstar Neymar sind einfach zu schlecht - sondern nur noch beim Beachvolleyball und Judo. Und dann schlug Rafaela zu. Dann legte sie die Rumänin flach. Kurz nur eine geballte Faust und dann wieder der Tunnelblick. Das Kreuz. Der Gang.

Finale.

Draußen vor der Halle versuchten Fans noch an Karten zu kommen, aber es war nichts mehr zu machen. Nebenan in der Olympiahalle turnten die brasilianischen Männer im Finale. Die brasilianischen Frauen spielen im Handball gegen Rumänien. Aber ganz Brasilien blickte in die Arena 2. Auf allen Sendern lief es nun live. Der Goldkampf. Das Mädchen aus der Favela. Jetzt kannte man sie auch am Amazonas und im tiefen Süden.

Rafaela Silva ist nicht reich, aber auch nicht mehr arm

"Es gibt für mich nur Gold", sagte sie Wochen zuvor im Interview. Damals saß sie zu Hause im neu ausgebauten Haus ihrer Eltern. Sie hatte es ihnen geschenkt. Ihrer Mutter hat sie zudem einen Traum erfüllt und einen Tante Emma-Laden hingestellt. Davor parkte ihr kleiner roter Sportwagen. Sie ist nicht reich, aber längst schon nicht mehr arm. Sie baut sich gerade ein eigenes Haus, gleich neben der Favela. Am Wochenende ist sie noch häufig in Cidade de Deus. Sie gehört nicht zu denen, die fliehen will. "Das ist meine Heimat", sagt sie.

Finale also. Ihre Gegnerin: Dorjsuren Sumiya aus der Mongolei.

Beim Einmarsch in die Arena ertönen laute Trommeln, wie beim Song "We will rock you" von Queen. Auf dem Großbildschirm ist sie in Nahaufnahme zu sehen. Sie beißt die Zähne zusammen. Sie schreit etwas. Die krausen Haare bindet sie ein letztes Mal nach hinten. Brasilien wartet vier Tage auf diesen Augenblick. Sie vier Jahre lang. Die Olympischen Ringe hat sie sich auf den Oberarm tätowiert. Als Erinnerung. Auch als Stachel.

Sie reagiert nicht mehr

Auf Whatsapp hat sie noch einmal ihr Profil geändert. Ihr Emoji blickt auf einmal nachdenklich. Auf Botschaften, die man ihr sendet, reagiert sie nicht mehr. Sie ist jetzt ganz bei sich.

Judo hat viel mit Geduld zu tun. Geduld, das war nie ihre Stärke. Aber nun wartet sie ab. Krallt sich an der Gegnerin fest. Und irgendwann schlägt sie zu, schon nach einer Minute. Reißt die Mongolin auf den Boden. 10 Punkte. Nah am Sieg.

Jetzt muss die Mongolin kommen. Sie greift an, aber Rafaela bleibt stehen. Das ist ihre große Stärke. Sie ist nicht schwerer als die anderen, aber standfester. Die anderen zerren, reißen an ihr, aber sie bleibt stehen.

Die Sekunden vergehen, es sind noch zwanzig, noch zehn, Rafaela bleibt stehen, noch fünf, und dann bricht Freudentaumel aus. Rafaela springt in die Arme ihres Trainers. Sie springt ins Publikum zu ihrer Schwester Raquel, umschlingt sie, hält sich an ihr fest. Nebenan in der Handballhalle während des Spiels Brasilien gegen Rumänien brüllen die Fans plötzlich: Rafa! Rafa! Beifall setzt ein. Die Nachricht breitet sich im gesamten Olympiapark aus.

Olympia-Gold für die Kinder der Favela

Später am Ausgang warten hundert Journalisten auf sie. Auf einmal will sie jeder haben. Sie erzählt die Kurzversion ihrer Geschichte. Cidade de Deus. Armut. Gewalt. Aber eine heile Familie. Eine Mutter. Ein Vater. Eine Schwester.

Die einheimischen Medien denken bei dieser Goldmedaille zunächst ans Land, an die Krise im Land und an Rafaela, die für ein paar Minuten etwas Linderung bringt, einen Hoffnungsschimmer.

Rafaela denkt eher an sich, an ihren Leidensweg und ihre Favela. Und sie sagt: "Dieser Gewinn ist für die Kinder in Cidade de Deus." Die Kinder, für die sie jetzt da sein will. Denen sie den Sport vermitteln will, der auch sie von der Straße holte. Eine Schule will sie aufmachen. Eine Judoschule. 

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