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Österreichs Albtraum & Hirnschmalz-Debatte

Gold: 0, Silber: 0, Bronze: 0. Das Nachbarland hat so schlecht abgeschnitten wie zuletzt vor 48 Jahren. Nach der "Schmach von London" verspürt Österreich Sehnsucht nach einem frühen Winter.

Von Thomas Schmoll

  Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in London: Können die Österreicher nur Winter?

Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in London: Können die Österreicher nur Winter?

Endlich konnten doch noch zwei Österreicher jubeln. Herbert Jerich und Gaston Glock durften sich über einmal Silber und zweimal Bronze im Dressurwettbewerb freuen. Allerdings waren es nicht sie, sondern ihre Pferde, die die Medaillen holten. Die Reiter, die es aufs Podest schafften, sind Holländer: Adelinde Cornelissen und Edward Gal.

Ansonsten sah es trübe aus für Österreich, sehr trübe, eigentlich sogar tiefschwarz. Das deutsche Nachbarland steht nach dem Ende der Olympischen Sommerspiele im Medaillienspiegel hinter Afghanistan, Kuwait, Armenien, Bahrain, Puerto Rico, Ägypten und Grenada, die mindestens einen Sportler auf dem Treppchen unterbringen konnten. Bei Österreich steht im Medaillenspiegel hinter Gold, Silber und Bronze jeweils eine Null. Es ist damit eins von drei EU-Ländern ohne Plakette. Die anderen sind Luxemburg und Malta.

Für Österreich ist es das schlechtestes Abschneiden seit 48 Jahren. Aus Tokio kehrte das Team 1964 ohne jede Medaille nach Hause zurück. Bei den Sommerspielen 1908 in London gab es wenigstens eine aus Bronze. Die ganze Nation fragt sich: Können wir nur Winter?

In Vancouver 2010 erkämpften österreichische Sportler viermal Gold und jeweils sechsmal Silber. Das Nachrichtenmagazin "Profil" machte schon nach der ersten Londoner Olympia-Woche "Sehnsucht nach einem baldigen Wintereinbruch" aus. In der kalten Jahreszeit dominiert das Alpenland Jahr für Jahr diverse alpine Disziplinen, besonders im Skispringen ist es eine Macht mit sensationell hoher Leistungsdichte in der absoluten Weltspitze.

Dafür ging in der britischen Hauptstadt gar nichts. Da radelten, rangen, ritten, liefen, warfen, paddelten und schwammen Österreicher der Konkurrenz nur hinterher.

"Riesenvorteil, wenn du weniger denkfähig bist"

So wundert es nicht, dass das Land heftig über Ursachen und Schuldige der "Schmach von London" diskutiert, seine Förderung und Strukturen im Leistungssport komplett überdenkt und das Thema sogar im Parlament zur Sprache kommen soll. Politiker und Sportfunktionäre liefern sich eine verbale Schlammschlacht. "Statt der erhofften Medaillenernte wird nur Hass gesät", befand das auflagenstarke Boulevardblatt "Kronen Zeitung". In der Hoffnung, doch etwas vom Ruhm der Sieger abzubekommen, fragte der "Der Standard", "ob Usain Bolts Mutter nicht irgendwann doch eine Sachertorte gegessen hat".

Einen ersten bizarren Höhepunkt der Sommer-Winter-Schlacht erlebte das Land kurz vor Beginn der Londoner Spiele, als Schwimmer Markus Rogan die "Gehirnschmalz-Diskussion" entfachte: Er behauptete, im Spitzensport sei es ein "Riesenvorteil, wenn du weniger denkfähig bist". Die Attacke richtete sich gegen den zweifachen alpinen Olympiasieger Hermann Maier - eine Ikone zwischen Wien und Innsbruck, weshalb er "Herminator" genannt wird. Rogan verfehlte das Finale über 200 m Lagen. Er wurde wegen eines Wendefehlers disqualifiziert. "Einer hält dem Druck mehr stand, ein anderer weniger", kommentierte Maier.

Für den für die Sportförderung zuständigen Verteidigungsminister Norbert Darabos hat das olympische Motto "Dabei sein ist alles" offenkundig begrenzte Strahlkraft. Er verärgerte die Athleten mit der Aussage: "Nur zu Olympia zu fahren und die gute Atmosphäre zu genießen - das ist zu wenig." Und weiter: "Olympia-Tourismus ist nicht das Ziel. Es ist schon auch das Ziel, Medaillen nach Österreich heimzubringen." Karl Stoss, Chef des Österreichischen Olympischen Komitees, bezeichnete die ministerialen Sätze als "wirklich sehr anmaßend". "Er war ja selber hier als Tourist und hat gesehen, was wir hier tun, dass wir Tag und Nacht im Einsatz sind."

Sportler aus Austria schwanken zwischen Schönrederei und gesunder Selbsteinschätzung. Die Kanutinnen Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz, die vor einem Jahr sensationell Weltmeisterinnen wurden, mussten sich im Kajak-Zweier mit Rang fünf begnügen. "Ein Wahnsinnsergebnis" nannte es Schwarz. "Die anderen waren knallhart schnell", urteilte Sportkoordinator Günther Briedl.

"Wir sind Weltmeister im Schönreden"

Olympiateilnehmer gaben ohne Wenn und Aber zu, gerade nichts mit der Weltspitze zu tun zu haben. Tischtennisspieler Werner Schlager, Einzelweltmeister von 2003, verlor in Runde drei gegen den Weltranglistenvierten Wang Hao aus China. "Als ich ihn beim Einschlagen gesehen habe, habe ich mir gedacht, wie soll ich da einen Punkt machen“, zitiert "Profil" den Mann aus Wiener Neustadt. Badmintonakteur Michael Lahnsteiner verriet nach seiner Niederlage gegen den Indonesier Simon Santoso: "Sobald er einen Gang zugelegt hat, ist er mir zu schnell geworden.“

Austria erlebte vor knapp 30 Jahren ein ähnliches Debakel mit einer einzigen Bronzemedaille: und zwar 1984 bei den Winterspielen in Sarajevo. Danach krempelte Österreich vieles um - mit Erfolg. Der Präsident des Schwimmverbandes (OSV), Paul Schauer, erinnert an die damalige Zeit: "Dann ist der Peter gekommen und er hat dem Sport eine Struktur gegeben."

Die Rede ist von Peter Schröcksnadel, Chef des mächtigen Skiverbandes (ÖSV). "Der Peter" aber will nicht Leiter einer "Arbeitsgruppe Sommersport" werden, wie es Verteidigungsminister Darabos vorgeschlagen hat, sondern dem Wintersport treu bleiben und die Ski-WM 2013 in Schladming vorbereiten. Um seine vielen Kritiker zu beruhigen, stellt sich Darabos an die Spitze der Reformbewegung. Das Gießkannenprinzip bei der Verteilung der Fördergelder will er ändern. Er plant eine Konzentration auf "Prime-Sportarten": Die "Kronen Zeitung" berichtete über eine "Geheimakte Rio" mit dem Ziel, schon bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro Boden aufzuholen. "Ich möchte einen Talente-Pool ganz gezielt für Rio 2016 aufbauen. In Rio müssen wir uns zum Ziel setzen, Medaillen zu machen."

Der Minister heizte damit allerdings vorerst nur den Streit mit den Verbänden weiter an. Komitee-Chef Stoss nannte die Pläne "eher lustig" und meinte laut "Kronen-Zeitung: "Wenn wir eine Arbeitsgruppe einsetzen wollen, brauchen wir keinen ministeriellen Rat." Das Darabos-Ministerium habe in den vergangenen 18 Monaten fünf Millionen Euro in den Spitzensport investiert. Lediglich 850.000 Euro seien den 70 in London gestarteten Athleten zugekommen. "Ziemlich die gleiche Summe ist für Marketingkosten aufgewendet worden", stellte Stoss nicht ohne Bitternis fest und empfahl: "Das könnte vielleicht effizienter verwendet werden."

Darabos riet in der Online-Ausgabe der Zeitung "Österreich": "Wir dürfen jetzt nicht typisch österreichisch zur Tagesordnung übergehen. Wir sind immer Weltmeister im Schönreden." Einen Trost gibt es für das Land schon heute: In zwei Jahren sind Winterspiele.

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