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29. Juli 2009, 12:32 Uhr

"Der Osten hat mich geprägt"

Franziska van Almsick, Schwimmen, WM, Interview

Britta Steffen (l.) ist van Almsicks legitime Nachfolgerin im deutschen Schwimmsport. Mit einem kleinen Unterschied: Steffen hat schon olympisches Gold gewonnen, was van Almsick nie gelang© Bernd Theissen/DPA

Ihnen ist bewusst, dass Sie zum Anwalt des kleinen Sportlers nur bedingt taugen? Sie haben schon als Kind auf die Karte Schwimmen gesetzt und gleich ein Vermögen verdient. Da brauchte es keine Vorbereitung auf ein Leben danach.

Das stimmt, ich hatte unglaubliches Glück. Das heißt aber nicht, dass ich nach zehn, 15 Jahren in Trainingsgruppen den Alltag der Kollegen nicht kenne. Klar, ich hatte zu meinen Hoch-Zeiten einige Werbeverträge. Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: Nach dem Mauerfall suchte das wiedervereinte Deutschland einen gemeinsamen Star. Ich war gerade da. Heute stecken wir in einer Wirtschaftskrise, da ist es mit Werbeverträgen sehr schwierig geworden.

Wie müssen wir uns das vorstellen: Rufen bedürftige Sportler bei Ihnen an, und Sie nutzen dann die Kraft Ihres Namens?

Das könnten sie tun, aber ich glaube, das trauen sie sich noch gar nicht. Außerdem haben wir für solche Fälle eine gut funktionierende Förderabteilung mit acht hauptamtlichen Mitarbeitern, die ihre Aufgaben hervorragend wahrnehmen.

Bei der Sporthilfe sind 3.800 Sportler registriert. Ihr Büro könnte schnell zum Call-Center werden.

Na ja, es sollten schon Ausnahmesituationen sein - nicht gerade eine verspätete Überweisung. Ich werde mich eher um die grundsätzlichen Strategien kümmern.

Sie sprechen ja schon so wolkig wie eine Politikerin.

Tut mir leid, es ist halt noch nichts spruchreif. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe ist ein Team, und wenn es soweit ist, kommunzieren wir unsere Strategien dann auch gemeinsam.

Bislang geht die Sporthilfe ja mit der Gießkanne durchs Land. Wer gewisse Kriterien erfüllt, bekommt ein paar Hundert Euro. Müsste man nicht viel stärker die absoluten Toptalente fördern, um im Vergleich mit Nationen wie China mitzuhalten, wo der Nachwuchs selbst in Randsportarten wie Vollprofis trainiert?

Für mich wäre das ein diskutabler Ansatz. Vielleicht sollten wir unsere Topleute mehr pushen, sonst haben sie heute keine Chance mehr. Allerdings gilt auch: Wenn sich einer mal verletzt, muss er aufgefangen werden, klar. Aber wir müssen die unterstützen, die ganz nach oben wollen, die ein Quäntchen mehr machen als andere. Nur die schaffen es auch.

Wünschen Sie sich mitunter das alte DDR-Fördersystem zurück?

Nein, das System ist Geschichte, das würde nicht mehr in unsere Zeit passen. Aber in der DDR war es durchaus so, dass man sich um seine Schützlinge gekümmert hat, und dass man in der Lage war, Jobs zu besorgen. Bei uns fuhren die Lehrer damals mit ins Trainingslager. Da gab's richtige Schulräume, das habe ich selbst noch erlebt. Viele Probleme, die wir heute diskutieren, wurden damals durch das System abgefangen.

Liegt es aber wirklich nur an der mangelnden sozialen Absicherung, dass die Deutschen inzwischen zum Beispiel hinterherschwimmen?

Es gibt natürlich Länder, in denen kannst du unheimlich viel erreichen durch den Sport. In Australien sind Schwimmer Superstars, wie bei uns Fußballer. In Amerika gibt’s Massen von Menschen. In China gibt’s Massen von Menschen. Wenn da einer ausfällt, so schnell kann man gar nicht gucken, ist der Nächste schon da. Im Osten konnte man früher ein besseres Leben führen, wenn man ein erfolgreicher Sportler war. Ich weiß nicht, was ein chinesischer Olympiasieger heute vom Staat bekommt. Wenn aber so ein Kerl aus irgendeinem armen Dorf die Aussicht hat, sich durch den Sport womöglich eine Wohnung oder ein Auto leisten zu können, ist das natürlich ein Anreiz. Einen Deutschen können Sie damit nur schwer hinter dem Ofen hervorlocken.

Mit anderen Worten: Uns geht es zu gut.

Ich glaube schon, dass es heutzutage viele Jugendliche gibt, die sich nicht mehr quälen können. Um Hochleistungssport zu betreiben, braucht man unheimlich viel Leidenschaft. Und es tut halt auch weh, wenn man körperliche und mentale Grenzen überwinden will. Das wollen nicht mehr viele.

Warum konnten Sie sich so gut quälen?

Der Osten hat mich geprägt, dort habe ich viele positive Dinge gelernt. Ich war in der fünften Klasse einer Sportschule und war um sieben Uhr im Wasser, um zehn in der Schule. Um Viertel nach vier war der Unterricht zu Ende, dann bin ich noch mal ins Wasser gegangen. So war das mit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren, und dann kam Olympia 1992, Barcelona. Ich hab nie etwas anderes gemacht. Ich habe mit fünf Jahren angefangen zu schwimmen und bin mein ganzes Leben lang geschwommen. Ich habe nie nach rechts und links geguckt und war von Ehrgeiz besessen. Wenn ich erfahren hätte, dass es cool ist, mit Freunden mal ins Kino zu gehen oder Party zu machen, hätte ich vielleicht auch gesagt: Ach, aufs Training hab ich jetzt keinen Bock. Aber meine Freunde sind mit mir geschwommen. Da gab’s nie die Ablenkung, die es heute gibt.

Sie werden den Zeitgeist kaum ändern können.

Und deshalb müssen wir mal wieder ein bisschen realistischer werden in Deutschland. Wir müssen schauen, was wir für Voraussetzungen haben und wo wir stehen. Es ist nämlich gar nicht so schlecht, was wir leisten. Aber wir haben immer die größten Erwartungen. Wir wollen die Besten sein auf der ganzen Welt. Wenn man sich anguckt, wie groß wir sind als Land, dann finde ich das sehr mutig. Das Problem ist, dass wir nach der Wende mit den alten DDR-Athleten mega-erfolgreich waren. 1992 haben wir ja auch in der Leichtathletik abgeräumt. An solchen Zeiten orientiert man sich immer.

Und vergisst dabei gern, dass viele Erfolge auf gezieltem Doping in der DDR fußten - wie auch in der alten BRD fleißig gedopt wurde.

Vermutlich richtig.

Der Rückschluss muss dann doch sein, dass sich der deutsche Sport endlich eingesteht, mit Nationen wie China oder den USA nicht mehr mithalten zu können.

In Bezug auf China und die USA - ein klares Ja. So viel Arsch in der Hose sollte man haben, dass man das einmal klar anspricht: Wir können mit unseren beschränkten Mitteln nicht mitbieten. Es gibt vielleicht mal ein Jahrhunderttalent, das es dann schafft, aber in der Breite hat man einfach keine Garantie.

Das heißt: Wir alle müssen demütiger werden?

Ich würde es anders ausdrücken: Vielleicht müssen wir gemeinsam die Ziele und Erwartungen neu definieren.

Interview: Christian Ewers, Mathias Schneider
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