Zwar werden die Spitzenkräfte wie Bolt, Powell oder Gay mehr oder weniger regelmäßig durch den Leichtathletikweltverband und die Wada kontrolliert, doch ein negativer Dopingtest heißt noch lange nicht, dass der Athlet wirklich sauber ist. Das gilt für Leichtathleten wie Radfahrer gleichermaßen. "Das Kontrollsystem wird unterlaufen, das ist längst bewiesen. Wir müssen in die wissenschaftlichen Netzwerke rein durch Polizei und Staatsanwaltschaft", sagt Helmut Digel, Councilmitglied des Internationalen Leichtathletikverbandes.
Mediziner weisen darauf hin, dass für die schwer nachweisbaren so genannten modifizierten Steroide ein reger Schwarzmarkt herrsche. Noch immer wird diesen Steroiden, in den 80er und 90er Jahren verstärkt zum Einsatz gekommen, eine massiv leistungssteigernde Wirkung zugeschrieben, obgleich der Sprintertyp von heute über erheblich weniger Muskelmasse verfügt als früher. Der berühmte Leichtathletiktrainer Stephen Francis, der auf Jamaika neben Powell zahlreiche Olympiasieger wie Melaine Walker (400 Meter Hürden) oder Shelly-Ann Fraser betreut, erklärte jüngst im Gespräch mit stern.de, dass Steroide zur Unterstützung des Muskelzuwachses durchaus eine große Hilfe sein könnten. "Die Muskelkraft ist der limitierende Faktor. Das könnte etwas nutzen." Er selbst verabscheue Doping allerdings kategorisch. "Ich will nicht oben stehen, weil ich schummle."
Neben Steroiden vermuten Experten weiterhin den Einsatz von Wachstumshormonen, die auch dem Muskelaufbau zu Gute kommen. Dazu werde auch Erythropoetin, besser bekannt als Epo, zur Vermehrung der roten Blutkörperchen verabreicht. Auf diese Weise regeneriert der Athlet schneller. Die Folge: Er kann öfter und länger trainieren.
Dass unzählige Mittel die Leistungen auch mittelbar beeinflussen können, öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. So wurden zuletzt vier jamaikanische Sprinter auf die Substanz 4-Methyl-2-Hexanamine positiv getestet. Die Substanz findet sich in Nasentropfen, öffnet die Atemwege und verbessert damit die Sauerstoffzufuhr in die Muskulatur.
Eine flächendeckende Verfolgung der Sünder fällt schwer. In vielen Regionen kann der Kampf gegen das Doping schon der wirtschaftlichen Schwäche des Landes wegen nicht mit Nachruck geführt werden. Jamaika, derzeit mit seinen zahlreichen Olympiasiegern das Kraftwerk des Sprints, steht stellvertretend für die Lücke im System. Erst in diesem Jahr nahm die Nationale Antidopingagentur (Jadco) dort die Arbeit auf.
Die Seriosität des Kampfes gegen das Doping im Land ist dadurch allerdings noch nicht gewährleistet. Nicht jedes nationale Antidopingorgan operiert angeblich im Einklang mit den Richtlinien. So wird auf Jamaika unter hochrangigen Offiziellen offen darüber spekuliert, dass die USA Dopingsünder bewusst nicht angezeigt habe, um die eigenen sportlichen Helden nicht zu demontieren. Dass Jamaikas Nada in Zukunft selbst die Heroen des Landes als Dopingsünder brandmarkt, davon geht nicht einmal Francis aus, der als Trainer in Kingston eigentlich von der Immunität seiner Athleten profitieren müsste. "Die meisten Nadas helfen doch eher dem Doping. Es bräuchte einen internationalen Pool. Beim Fußball pfeift das Spiel Deutschland gegen England ja auch kein Deutscher", erklärt er und gibt indirekt all jenen Recht, die nicht daran glauben, dass die Dopingkontrolleure wirklich unabhängig agieren. "Ich misstraue dem Prinzip. Überall wird einer aus dieser Institution den Landsmann schützen, wenn es hart auf hart kommt."
Es sind solch düstere Vermutungen, die Usain Bolt und seine Kollegen am Sonntagabend auf die Bahn begleiten. Bolt wird sich dann wieder vor dem Start als Bogenschütze gebärden und den Leuten eine tolle Show bieten. In Peking, nach seinem ersten von drei Weltrekorden, ist er gefragt worden, was er denn vor dem Rennen zu sich genommen habe. "Nuggets", antwortete Bolt. Frittierte Hühnchenstücke. Und Yams. Wenn es nur so einfach wäre.