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Die Rache des Texaners

Eine Figur wie aus einem Italo-Western, ein unbeugsamer, eisenharter Kämpfer, der sich durch nichts aufhalten lässt - das ist Selbstbild von Lance Armstrong. Mit seinem Comeback bezweckt er vor allem eines: Er will es allen Zweiflern und seinen zahlreichen Feinden in der Welt des Radsports nochmal so richtig zeigen. Vermutlich wird ihm das gelingen.

Von Nico Stankewitz

Die Reaktionen auf das Comeback von Lance Armstrong hätten unterschiedlicher kaum sein können. Während vor allem in Europa, überwiegend mit Skepsis auf die mögliche Doping-Vergangenheit des Texaners verwiesen wurde, feierten die US-Medien überschwänglich die Rückkehr einer amerikanischen Ikone. Deutlicher könnte die unterschiedliche Wahrnehmung Armstrongs kaum sein.

Es gibt zwei Armstrongs

In den USA, wo der Radsport keine mit Europa vergleichbare Tradition hat, gilt Armstrong als eine Art nationaler Superheld und wird in erster Linie als Kämpfer gegen den Krebs und erst in zweiter Linie als Sportler wahrgenommen. Der siebenfache Tour de France-Sieger spielt hier in einer Liga mit den größten Sportikonen überhaupt, hat ähnlich wie etwa ein Michael Jordan den Prominenten-Status der höchsten Stufe. So füllte Armstrong durch Beziehungen mit der Sängerin Sheryl Crow und der Schauspielerin Kate Hudson die Seiten der Regenbogenpresse, ist mit Ex-Präsident Bill Clinton befreundet und pflegte auch ein gutes Verhältnis zu seinem texanischen Landsmann, Präsident George W. Bush.

Als globales Aushängeschild von Nike schuf er mit den gelben Armbändern seiner Stiftung "Livestrong", die durch den Sportartikelkonzern hergestellt und vertrieben wurden, das erste Symbol im Kampf gegen den Krebs, was zig-millionenfach verkauft und gezeigt wurde. Das Bild von Lance Armstrong in seiner Heimat ist fast uneingeschränkt positiv und wird immer noch geprägt durch seinen Bestseller "It's not about the bike" (dt. "Tour des Lebens") in dem er glaubhaft und realistisch seinen Kampf gegen den Krebs beschrieben hat. Der skeptisch betrachtete Armstrong in Europa scheint eine ganz andere Person zu sein, aber beide Bilder haben den gleichen Ursprung.

Der Buhmann des europäischen Radsports

Auf dem Radsportkontinent Europa wird der zukünftige Kapitän der kasachischen Astana-Equipe ganz anders wahrgenommen: Ein unnahbarer, eiskalter Perfektionist, arrogant und brutal, ohne Respekt vor europäischen Traditionen, avancierte der Radsportler zum unbeliebtesten Amerikaner auf dem alten Kontinent nach Präsident Bush. Hinzu kamen Doping-Verdächtigungen, die den wohl meistgetesteten Fahrer der Radsportgeschichte über seine sieben unbesiegten Tourjahre begleiteten, und eine Reihe von tiefgefrorenen B-Proben aus dem Jahr 1999, die EPO enthielten und 2005 geöffnet wurden.

Festzuhalten bleibt dazu: Armstrong hat 1999 vermutlich mit EPO gedopt - wie vermutlich alle anderen Spitzenfahrer auch, einigen, wie Riis, Virenque, Zülle ist es auch nachgewiesen worden. Da die ersten Nachweisverfahren erst 2000 eingeführt wurden, kann man nach heutigem Wissensstand als sicher annehmen, dass es zwischen etwa 1993 und 2000 kaum nicht mit EPO gedopte Ausdauersportler der Spitzenklasse gegeben hat. Seither - also von 2000 bis 2005 - erschöpfen sich die Verdachtsmomente größtenteils in Vermutungen, bei Kontrollen ist Armstrong nie auffällig geworden.

Bereit zum letzten Gefecht

Nun sammelt Armstrong seine Freunde wieder um sich, ganz im Stil des alternden Westernhelden, der mit seiner Gang nochmal zurückkehrt und es allen Feinden und Neidern noch einmal zeigen will. In sein archaisches Weltbild passt es dabei bestens, dass er mit den Freunden und Kollegen aus seinem ehemaligen Team Discovery jetzt für Astana startet, die ungeliebte und zwielichtige kasachische Mannschaft. An Konkurrenz im Radsattel wird es nicht mangeln, an Sperrfeuer seitens der Medien auch nicht, die die Rückkehr des Erzfeindes mit Hassliebe betrachten - einerseits kehrt der übermächtige Schatten einer finsteren Zeit zurück, andererseits dürfen sich alle auf ein spektakuläres und ereignisreiches Radsportjahr 2009 freuen.

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