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29. Juli 2009, 12:32 Uhr

"Der Osten hat mich geprägt"

In Rom bei der WM sind die Schwimm-Wettbewerbe in vollem Gange. Franziska van Almsick ist als TV-Expertin wieder mit von der Partie. Im stern.de-Interview spricht die frühere Weltklasse-Schwimmerin über Mutterglück, den neuen Job bei der Sporthilfe und warum das Sportsystem der DDR auch Vorteile hatte.

Franziska van Almsick, Schwimmen, WM, Interview

Franziska van Almsick ist auch nach ihrer aktiven Schwimm-Karriere eine vielbeschäftigte Frau geblieben© Henning Kaiser/DDP

Frau van Almsick, fünf Jahre ist es her, dass Sie bei den Olympischen Spielen von Athen zum letzten Mal ein Rennen geschwommen sind. Wie oft springt eine frühere Weltklasseathletin wie Sie noch ins Becken?

Puh, um ehrlich zu sein, schwimme ich heute kaum noch. Ich glaube nicht, dass ich in einem öffentlichen Bad in Ruhe meine Bahnen ziehen könnte. Ich gehe deshalb lieber ins Fitness-Studio und jogge. Man will ja fit bleiben.

Sie leben mit ihrem zweijährigen Sohn Don Hugo mittlerweile in Heidelberg. Seit einigen Monaten sind Sie Stellvertreterin der deutschen Sporthilfe, die residiert in Frankfurt. Ihr privates Büro liegt in Hockenheim. Sie scheinen die Hektik zu brauchen.

Mich zu Hause auf meinen Hintern setzen will ich nicht. Ich brauche einfach eine Aufgabe.

Nehmen Sie Ihr Kind auch mal mit ins Büro?

Selten. Die Schreibtische räumen wir dann doch lieber selbst ab... Aber wie es ist, Mutter zu sein, habe ich mir früher leichter vorgestellt. Das ist ein ganz schöner Spagat, ein echter Mörderjob.

Anstrengender als früher Ihr Beruf als Schwimm-Profi?

Damals war die körperliche Anstrengung natürlich größer, dafür drehte sich alles um mich. Als Mutter merkt man schnell, dass man das letzte Glied der Kette ist. Es geht immer in erster Linie ums Kind.

Wünschen Sie sich manchmal Ihr altes Leben zurück?

Um Gottes Willen, nein! Ich gebe niemanden aus meiner Familie mehr her. Mein Leben heute ist wesentlich aufregender als mein altes. Ich bin glücklich.

Glücklicher als in Ihrer aktiven Zeit, oder fehlt Ihnen der Rausch der Siege?

Berauscht von meinem Glück, das bin ich im Moment. Es ist ein Glück, das mit dem Glück von früher nicht zu vergleichen ist. Es geht nicht mehr um Siege, es geht nicht mehr um Erfolg. Das ist alles in den Hintergrund gerückt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr dankbar für meine sportliche Karriere. Ich bin wahnsinnig viel gereist und habe viel erlebt. Das schafft eine gewisse innere Ruhe. Heute muss ich dem Erfolg nicht mehr hinterherrennen. Ich bin viel ausgeglichener. Ich muss nicht mehr die Beste sein. Das gibt mir eine innere Zufriedenheit, die ich bisher nicht kannte. Ich fühle mich nicht mehr so gehetzt.

Franziska van Almsick, Schwimmen, WM, Interview

Auf Promi-Partys ist van Almsick ein gern gesehener Gast. Auch bei Boris Beckers Hochzeit war sie mit von der Partie© Daniel Roland/AP

Viele Weltklasseathleten fallen nach der Karriere in ein tiefes Loch. Es fehlt der Kick, es fehlt die Aufmerksamkeit. Boris Becker sucht noch immer seinen Weg, Lance Armstrong kehrt gerade mit 37 Jahren in den Sport zurück. Steffi Graf geht dagegen wie Sie in ihrer Mutterrolle auf. Frauen scheinen durch ein Kind den Übergang in ein neues Leben problemloser vollziehen zu können.

Ich glaube schon, dass wir als Frauen da Vorteile haben. Seit der Geburt meines Sohnes sind viele Erfolge und viele Medaillen nichtig geworden.

Wirklich nichtig oder nicht mehr so wichtig?

Nichtig. Es gibt nichts, was in der Vergangenheit die Geburt meines Sohnes toppen kann. Er ist mein ganzer Stolz. Das ist eine Riesenaufgabe für mich. Wir fangen gerade an "Bitte" und "Danke" zu sagen, und er verlangt unheimlich viel von mir und gibt mir viel zurück. Ich würde alles, was ich in der Vergangenheit erreicht habe, eintauschen für meinen Sohn.

Sie kommentieren bei Großereignissen für die ARD, engagieren sich jetzt bei der Sporthilfe - haben Sie ihre neue Rolle in der Öffentlichkeit schon gefunden?

Ich bin sicher noch in der Findungsphase. Ich hatte ja erst mal ein Jahr Auszeit genommen, nachdem mein Sohn geboren war.

Was reizt Sie an Ihrem Amt bei der Sporthilfe?

Zunächst einmal den Athleten zu helfen. Dass die Sporthilfe in Frankfurt sitzt, ist bei meiner privaten Situation natürlich wichtig, denn bei Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen muss man vor Ort sein.

Was ist denn Ihre Aufgabe?

Die Sporthilfe ein bisschen mit weiblicher Intuition aufzumischen. Da sitzen ja fast nur Männer. Außerdem kenne mich im Sport aus. Unserem Chef Werner Klatten kann ich viele Sorgen und Nöte der Athleten näher bringen. Es ist ja nicht so einfach, sich in ein Sportlerleben hineinzuversetzen. Werner Klattten kümmert sich dagegen vor allem um die wirtschaftliche Seite, er sucht Sponsoren und Gönner. Wir begreifen uns als Team. Das Ziel ist: den Leuten draußen zu erklären, worum es eigentlich geht. Wenn jeder Deutsche nur einen Euro spendet oder stiftet, dann wäre vielen, vielen Sportlern geholfen. Und ich glaube, dass viele Leute nicht wissen, was wir alles noch leisten könnten.

Was meinen Sie genau?

Ich will unseren Athleten mehr Perspektiven geben. Es geht nicht nur um mehr Fördergelder. Einem Hochleistungssportler ist nicht damit geholfen, dass man sagt, na gut, du kriegst bisher 600 Euro im Monat, ab jetzt bekommst du 800 Euro. Leistungssportler, die wirklich am Limit trainieren, brauchen eine Perspektive für die Zeit nach der Karriere. Jedem Leistungssportler ist bewusst, dass irgendwann Schluss ist. Dann muss ein normales Leben folgen. Ich denke, das ist bei der Förderung in der Vergangenheit bislang vernachlässigt worden.

Das heißt, die Sporthilfe muss mehr geben als nur Geld?

Es geht darum, gemeinsam mit den Laufbahnberatern an den Olympiastützpunkten Ausbildungsplätze zu organisieren oder mit Hochschulen zu sprechen, damit ein Olympiateilnehmer mal eine Klausur verschieben kann. Ein Beispiel: Ich habe jahrelang mit Torsten Spanneberg in Berlin trainiert, der war top in der Staffel, wichtig für das Team, hat es aber im Einzel nie ganz geschafft. Einmal musste der aus dem Trainingslager abreisen, um eine Klausur zu schreiben. Als er wieder kam, hat ihm der Kopf gequalmt, und er war vier Tage mausetot. Manche Athleten brauchen wegen des Leistungssports 15, 20 Semester für ihr Studium. Die sind hinterher oft schwer vermittelbar. Da müssen wir von der Sporthilfe mit potenziellen Arbeitgebern sprechen. Und es gibt andererseits unheimlich viele Athleten, die ihr Potenzial im Sport nicht ausreizen, weil sie mit der Zeit nach der Karriere beschäftigt sind. Manche hören sogar ganz auf, um sich um ihre Zukunft zu kümmern, noch bevor sie ihren Zenit erreicht haben. Das darf nicht sein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich Franziska van Almsick richtig quälen konnte, was die Vorteile des DDR-Sportsystems waren und weshalb der deutsche Schwimmsport im internationalen Vergleich hinterherhinkt.

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