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"Wer nicht dopt, fliegt raus"

Er war einer der Ersten, die im Radsport auspackten. Jetzt legt Jesús Manzano nach, greift auch die Beichten der Telekom-Fahrer an. Der Spanier spricht von Lügen und Erpressung - und belastet einen Favoriten der Tour de France schwer.

Señor Manzano, Sie haben vor drei Jahren mit Ihrer umfassenden Dopingbeichte den Radsport erschüttert und die Polizei auf die Spur des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes gebracht. In Deutschland gaben vor wenigen Wochen ehemalige Telekom-Fahrer wie Erik Zabel und Rolf Aldag lediglich den Missbrauch des Blutdopingmittels Erythropoietin, Epo, zu. Glauben Sie, dass die Deutschen die ganze Wahrheit gesagt haben?

Nein, sie haben bestimmt nicht alles zugegeben. Sie hätten weitere Geständnisse ablegen und auch mehr Details liefern können. Hätten klar die Dopingzyklen benennen müssen, die sie durchgemacht haben.

Rolf Aldag, heute Sportdirektor bei T-Mobile, sagt, Doping sei für ihn eine ganz intime Angelegenheit gewesen. Er wisse nichts über andere Fahrer aus dem Team Telekom. Ist Doping im Radsport tatsächlich Privatsache?

Das ist eine Riesenlüge. Da lügt Rolf Aldag. Aldag lebt weiter vom Radsport. Er ist ja Direktor, er muss seine Einnahmequelle sichern. Wenn Aldag richtig auspackt, dann stellt er sich gegen Tausende von Radfahrern. Das ist ihm bewusst. Also spricht er von einer sehr persönlichen Sache. Das klingt nach einer Ausnahme, aber es gibt keine Ausnahmen im Radsport. Festina, Liberty Seguros, Phonak, mein ehemaliges Team Kelme und nun Telekom und T-Mobile - alles Teams, in denen gedopt wurde. Doping ist eben nicht die Privatangelegenheit von ein paar Leuten. Es ist ein Krebs, der wuchert. Und alle wissen es.

Wie offen wird in Radteams das Thema Doping behandelt?

Schauen Sie! (Manzano zeigt auf eines der beiden Betten in der Hotelsuite) Wir fahren eine Tour, die Etappe ist vorbei, hier schlafe ich, mein Teamkollege schläft direkt nebenan. Irgendwann abends klopft es an der Tür, bum, bum, bum. Hallo, ich bin Yolanda Fuentes (Schwester von Eufemiano Fuentes, die Red.), ich komme, um dir Kortison zu spritzen. Der Kollege, der danebenliegt, kriegt alles mit, er sieht, was sie mir injiziert. Und ich sehe, was sie ihm gibt. Mitten in der Nacht plötzlich wieder: bum, bum, bum. Ich bin’s, der Arzt, ich will dir ein Testosteronpflaster aufkleben. Beim nächsten Rennen liegt ein anderer Kollege neben einem. Dann geht das Spiel von vorne los: Bum, bum, bum, hallo, hier kommt die Gutenachtspritze. Jeder Fahrer weiß, was läuft. Also: Aldag soll den Leuten nicht so einen Quatsch erzählen.

Spricht man auch in großer Runde darüber?

Na klar. Du bist morgens im Teambus, ziehst dich um, und der Arzt sagt, ich werde dir dies und jenes geben. Und alle neun Fahrer sind dabei. Oder während der Tour de France 2003. Da gab es eine Krankenschwester, die dem Team Kelme von Hotel zu Hotel hinterherfuhr. Von den Fahrern wurde sie Paloma Blanca genannt...

...die weiße Taube...

...sie bekam 27 000 Euro, jeder Fahrer zahlte ihr aus eigener Tasche 3000 Euro für Epo, Testosteron und anderes Zeug.

Gibt es einen Erfahrungsaustausch unter den Fahrern, verrät man seine Dopingtricks?

Ja, und das sogar unter ärztlicher Anleitung. Ich kann mich an ein Rennen erinnern, da rief der Doktor abends: Alle Fahrer in Zimmer 215! Das heißt, im Zimmer 215 waren wir vielleicht fünf Fahrer. Jene Fahrer, die Insulin gespritzt bekommen hatten. Der Arzt wollte hören, wie es jedem Einzelnen mit dem Insulin ergangen ist und was man beim nächsten Mal besser machen könnte. Ich weiß von Fahrern, dass es in ihren Teams ähnlich war. Warum soll es ausgerechnet bei Telekom und später bei T-Mobile anders gewesen sein?

Haben die Fahrer denn nicht die Möglichkeit zu sagen: Ich will kein Doping, ich mache nicht mehr mit.

Nein, der Druck ist gewaltig. Die Teamchefs erpressen die Fahrer.

Womit?

Wenn du zum Arzt sagst, du willst kein Hundehämoglobin, dann meldet der Arzt das dem Teamchef, und der sagt dir dann: Du willst das Hämoglobin nicht? Macht nichts, dann wird dein Vertrag nicht erneuert. Niemand hat mir eine Pistole an den Kopf gesetzt und gesagt: Wenn du diese Pille nicht schluckst, erschieße ich dich. Nein, so nicht. Aber man hat mir gesagt, wenn ich nicht mitmache, werde ich nächstes Jahr rausgeschmissen.

Verlangten alle Teamchefs, die Sie erlebt haben, dass Sie dopen?

Klar. Denn wenn du dich nicht dopst, hältst du eine Rundfahrt nicht durch. Du kannst noch so gut sein. Man kann einfach keine Etappen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45 km/h fahren.

Wer alles im Team wusste vom Doping?

Der Manager wusste es, der Direktor wusste es, der Trainer wusste es, die Ärzte wussten es, die Fahrer sowieso. Bei Kelme wussten es alle – bis hin zum Sponsor.

T-Mobile-Direktor Rolf Aldag und Bjarne Riis, Chef des dänischen CSC-Rennstalls, haben in ihrer aktiven Zeit gedopt. Heute geben sie sich als Vorkämpfer einer Anti-Doping- Bewegung. Sind sie glaubwürdig?

Man sollte Aldag und Riis rauswerfen. Im Radsport braucht man neue Leute mit einer neuen Mentalität. Wir müssen bei null anfangen. Das geht nicht mit den Sündern von gestern.

Jan Ullrich schweigt bis heute eisern. Was wissen Sie über seine Verwicklung in den Fuentes-Skandal?

Ich weiß, dass er Kunde von Fuentes war. Fuentes hatte einen Masseur, der bei Kelme arbeitete. Er hieß Francisco Javier Fernández Rojo, wir nannten ihn El Rubio, den Blonden. Einmal, es war 2000 oder 2001, guckten wir Radrennen im Fernsehen, wir hatten gerade eine Trainingspause. El Rubio sagte: Schaut mal, da ist Jan Ullrich, der wird von Eufemiano geführt. Wenn der Bursche ein bisschen auf sich aufpasst, gewinnt er dieses Jahr die Tour de France.

Sind Sie Ullrich auch mal in der Praxis von Fuentes begegnet?

Nein, aber viele andere Berühmte habe ich gesehen. Marco Pantani zum Beispiel. Bevor man in die Praxis kam, musste man sich telefonisch anmelden. Gegenüber der Praxis war ein Café, dort habe ich gewartet. Von da aus habe ich beobachtet, wer alles ein- und ausging. Irgendwann kam dann ein Anruf auf meinem Handy, und dann durfte ich hoch zu Fuentes.

Wen haben Sie außer Radprofis gesehen?

Leichtathleten und Fußballer.

Waren darunter auch Spieler von Real Madrid und dem FC Barcelona?

Dazu sage ich nichts. Fußball taste ich nicht an.

Warum nicht?

Die Fußballwelt ist mächtig. Sie ist viel mächtiger als der Radsport, sehr viel mächtiger. Schweigen ist besser. Ich habe Fußballer gesehen in der Klinik von Doktor Fuentes, und ich glaube nicht, dass sie da Kaugummis oder Sonnenblumenkerne abgeholt haben. Aber ich weiß es nicht.

Was treibt einen Arzt wie Fuentes an, Hunderte von Sportlern über Jahre mit Dopingpräparaten zu versorgen?

Fuentes ist unersättlich. Er will immer mehr Geld. Und er liebt die Gefahr und das schnelle Leben. Er ist sehr von sich überzeugt und kann andere für sich einnehmen. Er gibt einem Athleten Sicherheit, er spricht in kurzen und klaren Sätzen, er sagt: Nimm das, es passiert dir gar nichts, das kriegt man nicht raus. Man geht beruhigt aus seiner Praxis.

Fuentes soll - trotz laufender Ermittlungen gegen ihn - weiterhin praktizieren, nach Informationen des stern von Portugal aus. Hat er seine Kunden mitgenommen?

Dass er in Portugal sein Ding macht, habe ich auch gehört. Allerdings nicht mehr im großen Stil wie früher. Wenn es früher 200 Patienten waren, die er betreute, sind es heute vielleicht noch 20. Nur Edelkunden.

Ist das eine Vermutung von Ihnen?

Nein, das haben mir verschiedene Leute erzählt. Leute aus der Radszene.

Fuentes läuft frei herum, die Fahrer dopen munter weiter - haben Sie noch Vertrauen in die spanische Justiz?

In Spanien will man die Wahrheit nicht wissen. Nach Aussage eines Richters ist Epo, das zu einem Hämatokritwert von 56 im Blut führt, nicht schlimm. Es kann eine Embolie im Kopf provozieren, ist aber nicht schlimm! Du stirbst, und es ist nicht schlimm! Die Operación Puerto (Name der Ermittlungsaktion gegen Fuentes, d. Red.) muss keinem Fahrer Angst machen.

In den Akten finden sich Hinweise auf Ihren Landsmann Alejandro Valverde, einen der Favoriten bei der Tour de France. Es sind Blutbeutel gefunden worden, die den Namen seiner Schäferhündin tragen. Ivan Basso und Ullrich, die ebenfalls Kunden bei Fuentes waren, fahren nicht mehr. Valverde aber sitzt weiter im Sattel.

Man müsste einen DNA-Abgleich machen, feststellen, ob die Blutbeutel von Valverde stammen. Dann könnte man ihn packen. Italien hat es so mit Basso gemacht, Deutschland hat es so mit Ullrich gemacht. Nur Spanien tut es nicht.

Haben Sie als Valverdes Teamkollege bei Kelme mitbekommen, dass er dopt?

Dasselbe Zeug, was sie mir gegeben haben, haben sie auch ihm gegeben. Ich erinnere mich an einen Abend nach einer Vuelta-Etappe im Jahr 2002, da kam Valverde mit einem Testosteronpflaster zum Essen. Nach einer Stunde hat er es abgerissen, sonst wäre er positiv getestet worden.

Sind Valverde und Sie auch während der Rennen von Fuentes versorgt worden?

Ja, Fuentes tauchte einmal mit seinem Porsche und einer Kühlbox voll mit Epo auf. Eine blaue Kühlbox, die mit einem Handtuch abgedeckt war. Die Ampullen sollten an die Fahrer verteilt werden, damit sie sich auf die kommenden Rennen vorbereiten können.

Doping lässt Radprofis unglaubliche Leistungen vollbringen, die Folgen bekommen sie erst später zu spüren. Ihr Freund José Maria Jiménez starb 2003 mit 32 Jahren an einem Herzinfarkt. Er lag in der Psychiatrie. Hat ihn am Ende das Doping umgebracht?

Natürlich. Er war durch das ganze Zeug, das er schlucken musste, depressiv geworden. So wie Marco Pantani und andere auch. Viele Fahrer bekommen Antidepressiva. Während ein Fahrer das Zeug nimmt, fühlt er sich ein bisschen wie Superman. Wenn er dann auf Entzug ist, wird er apathisch, ist völlig am Boden. Einige greifen dann zu härteren Sachen. Der Radsport ist die Vorstufe zur Drogenabhängigkeit. Bestimmt nicht für alle Fahrer, ich selbst habe nie Drogen genommen. Aber Jiménez, Pantani und zuletzt der Belgier Frank Vandenbroucke, der vor Kurzem versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden – sie haben am Ende alle Kokain gebraucht.

Nehmen die Fahrer die Antidepressiva nur, um ihre Stimmung aufzuhellen?

Nein, diese Pillen machen dich auch härter. Sie vertreiben zum Beispiel auch den Hunger. An den Tagen, an denen wir lange Strecken gefahren sind, haben wir mehr davon konsumiert. Ich habe damals bis zu neun Pillen Prozac am Tag genommen. Du fühlst dich dann besser, wirst euphorisch, dein Kopf arbeitet anders. Wenn sie neben dir eine Bombe hochgehen lassen würden, du würdest nichts mitbekommen.

<Sie haben nach Ihrer Beichte 2004 aufgehört. Wie geht es Ihnen heute?

Ganz okay. Das Knie schmerzt noch immer, das ganze Kortison hat es angefressen. Mal sehen, mit welchen Schäden ich mich in Zukunft noch herumplagen muss.

Wurden Sie nach Ihren Enthüllungen bedroht?

Die Guardia Civil musste mich damals beschützen. Ich bekam Drohanrufe wie: "Wenn du weiter redest, dann bringen wir dich um." Ich war ja mit meinen Aussagen dabei, Leuten ihr Millionengeschäft kaputt zu machen. Pro Fahrer kassieren die Hintermänner etwa 60 000 Euro für Dopingmittel und die medizinische Betreuung. Für die wäre es also ein Leichtes gewesen, jemanden zu finden und ihm zu sagen: Wir geben dir 300 000 Euro, und dafür liquidierst du Jesús Manzano.

Sie haben die Operación Puerto in Gang gebracht. Können die Ermittlungen dopende Fahrer tatsächlich abschrecken?

In der Radwelt ist es so: Wenn du dabei bist, bleibst du dabei und wechselst nur den Arzt. Die Fahrer, die noch mit mir sprechen, erzählen: Alles ist gleich geblieben, alle sind nur vorsichtiger geworden. Es wird nicht mehr so oft telefoniert, weil Gespräche ja abgehört werden. Oder man vereinbart immer wieder neue Treffpunkte, wo die Fahrer ihr Doping bekommen.

Wer wird die Tour de France gewinnen?

Alexander Winokurow vom Team Astana.

Glauben Sie, dass Winokurow sauber ist? Kann er sauber sein?

Das weiß ich nicht.

Kann man die Tour de France gewinnen, ohne gedopt zu sein?

Nein.

Wie lange würde man bei der dreiwöchigen Fahrt durch Frankreich mithalten können, ohne sich zu dopen?

Maximal eine Woche, eher fünf Tage.

Haben Sie noch Lust auf Radsport?

Viel lieber gucke ich mittlerweile Formel 1. Nur wenn es in die Berge geht, schaue ich mir einige Etappen an. Aber ganz ehrlich: Diese Scheinheiligkeit kotzt mich schon an. Der Radsport ist verdorben, durch und durch verdorben.

Interview: Guiseppe di Grazia, Christian Ewers
Mitarbeit: Barbara Platsch

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