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Ausgebremst und abgehängt

Ende. Aus. Vorbei. Mercedes-Motosportchef Norbert Haug wurde von der Piste gerempelt. Er ist vor allem am eigenen Anspruch gescheitert.

Von Harald Kaiser

  • Harald Kaiser

Die steile Karriere endete kurz vor einer Mauer. Einer, an der sich im Falle eines Crashs alle Beteiligten des Manövers vermutlich schlimme Beulen geholt hätten. Deswegen der sanfte Knall mit der Sprachregelung: Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug und die Daimler AG trennen sich in gegenseitigem Einvernehmen. Im Klartext: Es gibt Geld, im Gegenzug ist strenges Maulhalten das Verhaltensmuster.

Gründe? Erstens, objektiv, die Erfolglosigkeit auch im Jahr drei nach Gründung der deutschen Formel 1-Nationalmannschaft im Zeichen des dreizackigen Sterns. Michael Schumacher und Nico Rosberg sahen nicht nur fast immer die Auspuffrohre der Konkurrenz von Red Bull, Ferrari oder McLaren. Schlimmer: Sie mussten sich oft auch überrunden lassen. Beide Rennwagen waren viel zu langsam. Einmal sogar twitterte ein Reporter der Londoner Times den bösen Spruch in die Welt: "Es scheint so", tippte er vom Rennkurs in Istanbul, "dass ich der Einzige bin, der Schumacher heute nicht überholt hat." Für dieses permanente Hinterherfahren und Verbrennen eines dreistelligen Millionenbetrages trägt der 60-Jährige die Verantwortung.

Zweitens ist schon schwieriger. Wie immer, wenn jemand Wichtiges abgesägt worden ist, gibt es Gerüchte. Zumal bei Charakteren wie Norbert Haug, der in der staubigen Daimler-Administration oft aneckte, stets meinungsstark war und der, seiner bodenständig-schwäbischen Herkunft folgend, gerne auch mal derb polterte oder brüllte. Je nach Notwendig- oder Wichtigkeit. Zeugen diverser Brachialszenen wollen glauben machen, dass der nach außen stets joviale Norbert immer dann aus der Haut zu fahren pflegte, wenn etwas nicht so lief, wie er sich das vorstellte. Übelmeinende wollen dabei sogar beobachtet haben, dass er vor Erregung aus den Ohren rauchte. Dieses Gebaren und auch die anhaltende Erfolglosigkeit sollen aber nicht alleine maßgeblich für Haugs Absetzung gewesen sein.

Gigantische berufliche Beschleunigung

Wer in den Konzern hineinhört und fragt, ob sich im Zusammenhang mit dieser delikaten Personalie womöglich über Monate oder Jahre etwas zusammengebraut hat, bekommt das englische Wort "Compliance" genannt. Damit ist die Regeltreue gemeint, sich an selbst gegebene Statuten in der Firma zu halten. Wie gesagt, das sind Gerüchte. Unwahr vielleicht und womöglich von Leuten gestreut, die schon lange darauf gewartet haben, dass etwas passiert.

Nimmt man die Eckdaten eines Automobils als Grundlage für die Bewertung Norbert Haugs Karriere, dann muss man seine berufliche Beschleunigung als gigantisch bezeichnen. Der aus der Nähe Pforzheims stammende gelernte Journalist volontierte bei der Pforzheimer Zeitung, schaltete danach einen Gang höher und wechselte nach Stuttgart zum Motor-Presse-Verlag. Dort erkannte man rasch seine Durchsetzungsfähigkeit, so dass Haug 1988 auf die Überholspur einbog und stellvertretender Chefredakteur bei "auto motor und sport" wurde, dem bis heute wichtigsten Blatt des Hauses. Zwei Jahre später schließlich das Angebot, die Pole Position bei Mercedes-Benz einzunehmen, Chef der Abteilung Motorsport zu werden.

Für Haug ging ein Jungentraum in Erfüllung. Endlich musste er mit Hilfe seines hochtourig laufenden Zweizylinders in der Brust nicht mehr nur über sein Steckenpferd Motorsport schreiben, sondern er bekam die Chance, in dem Gewerbe wesentlich die Politik bestimmen zu dürfen. Er blieb 22 Jahre im Amt. Unter anderem holte er mit seinem Partner McLaren sechs Weltmeistertitel und 87 Formel 1-Siege.

Der Lack blieb stumpf

Bis 2010. Als Mercedes das eigene Formel 1-Team gründete, das alleinige Sagen haben wollte und sich vom langjährigen Partner McLaren trennte. Damit verbunden war auch die Sensation, Michael Schumacher aus dem Ruhestand zurück ins Silberpfeil-Cockpit geholt zu haben. Damals strahlte die Medien-Sonne noch auf alle Beteiligte. Ob es Konzernchef Dieter Zetsche war, Teamchef Ross Brawn, die Fahrer Schumacher und Rosberg oder eben Norbert Haug. Man war ihnen gewogen, man beklatschte den Mut und die Konsequenz, Mercedes in der höchsten Motorsportklasse zum Glänzen bringen zu wollen.

Doch soviel man auch zu polieren versuchte, der Lack blieb stumpf. Man fragt sich, was jemand wie Haug nun macht, der mehr als zwei Jahrzehnte die Hebel der Macht bewegt hat und nun von der Piste geschubst wurde. Geld zählen? Ein Enthüllungsbuch schreiben? Wohl kaum. Eher schon, dass er als Berater seine Finger im Grand-Prix-Zirkus behält. Wirtschaftlich gesehen dürfte er es schon lange nicht mehr nötig haben, arbeiten zu müssen. Bei Figuren wie ihm geht es um etwas anderes. Sie sind abhängig von der Droge Macht.

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