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Wie sich eine Sportart ihr eigenes Grab schaufelt

Der im Rad einer Belgierin entdeckte Elektromotor bestätigt, was viele schon lange vermuten: Im Radsport werden nicht nur die Athleten, es wird auch das Material manipuliert. In Deutschland läuft der Sport so Gefahr, sich endgültig ins Aus zu befördern.

Ein Kommentar von Moritz Dickentmann

John Degenkolb (l.) und André Greipel bei einem Sprint der letztjährigen Tour de France

Die beiden deutschen Aushängeschilder John Degenkolb (l.) und André Greipel bei einem Sprint der letztjährigen Tour de France. Sollte sich der Skandal um E-Doping ausweiten, könnte dem Radsport in Deutschland endgültig das mediale Aus drohen

Etwas mehr als zwölf Monate ist es her, als die ARD Anfang Januar erklärte, nach dreijähriger Pause erstmals wieder über die Tour de France zu berichten. Das Publikum sei "teilweise massiv" mit dem Wunsch nach Bildern von der Großen Schleife auf den Sender zugekommen, begründete ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky den Wiedereinstieg damals. Gleichzeitig hielten sich die Verantwortlichen die Hintertür offen, im Falle neuer (Doping-)Skandale sofort wieder aus der - im Vergleich zu den Vorjahren ohnehin stark abgespeckten - Berichterstattung auszusteigen.

Dass die vor allem hierzulande stark in Verruf geratene Sportart so etwas wie eine zweite Chance auf Bewährung erhielt, verdankte sie auch der neuen Generation deutscher Fahrer. Profis wie John Degenkolb, Tony Martin, Marcel Kittel oder André Greipel gewinnen nicht nur Rennen, sondern - und damit aus deutscher (Medien-)Sicht noch wichtiger - sie positionieren sich auch vehement gegen Doping, welches, da sind sich Experten einig, weiterhin eine große Bedeutung hat.

Bestätigung, was viele längst vermuteten

Seit dem vergangenen Wochenende schreibt der Radsport wieder einmal negative Schlagzeilen. Anders als bei den Skandalen zuvor geht es diesmal jedoch nicht um leistungssteigernde Substanzen, sondern um sogenanntes E-Doping: Hilfsmotoren am oder im Rad. Bei der Cross-Weltmeisterschaft in Zolder hatten Kontrolleure eine eben solche elektronische Antriebshilfe im Ersatzrad der belgischen Nachwuchsathletin Femke van den Driessche entdeckt. Verdächtige Kabel im Sattelrohr hatten die Prüfer veranlasst, die Rennmaschine des 19-jährigen Talents genauer zu begutachten. Letztlich stießen sie dabei auf das sorgfältig im unteren Teil des Rahmens versteckte Hilfsutensil.

Van den Driessche bestreitet, von dem Motor gewusst zu haben, und beteuerte unter Tränen, das Rad gehöre nicht ihr, sondern einem Freund. Ihre Mechaniker hätten es irrtümlicherweise für ihres gehalten, wodurch es ins Fahrerlager gelangt sei.

Auch wenn van den Driessche das getunte Gefährt nicht im Rennen einsetzte, ihr Fall bestätigt Vermutungen, die den Radsport schon seit Längerem begleiten: Dass längst nicht nur der Körper der Athleten, sondern auch das Material manipuliert wird. Bereits 2010 war beispielsweise dem mehrfachen Zeitfahr-Weltmeister Fabian Cancellara vorgeworfen worden, elektrische Antriebe zu benutzen. Beweisen konnte man es dem Schweizer nicht.

Weltverband UCI weiß um "technologischen Betrug"

Dass der Radsport-Weltverband die Gerüchte um E-Doping - zumindest inzwischen - ernst nimmt, bewies er Anfang vergangenen Jahres, als er seinen Strafenkatalog um den Punkt "technologischer Betrug" erweiterte. Danach sollen erwischte Fahrer mit sofortiger Disqualifikation, einer anschließenden Sperre von mindestens sechs Monaten und Strafzahlungen belegt werden. Auch die Teams der Betrüger müssen seitdem mit Sperren und empfindlichen Geldstrafen zwischen 100.000 und einer Million Schweizer Franken rechnen.

Der nun entdeckte E-Dopingfall lässt indes umso mehr aufhorchen, weil es sich um Betrug im Nachwuchsbereich handelt. Dieser ist medial und für Sponsoren kaum von Interesse, auch verdienen nur die wenigsten Jungfahrer bereits Geld mit ihrem Sport. All das wirft die Frage auf: Wenn schon die Jüngsten ihre Rennräder aufmotzen (müssen), um mithalten zu können, was ist dann erst in der Eliteklasse gang und gäbe? Dort, wo die Besten Jahresgehälter im siebenstelligen Bereich kassieren und Unternehmen Millionenbeträge in ihre Rennställe pumpen.

Aus einem Durchschnittsprofi wird Superman

Glaubt man dem Rad-Experten Claudio Ghisalberti, Journalist der italienischen Sportzeitschrift Gazetto dello Sport, ist der nun bekannt gewordene Fall nur die Spitze des Eisbergs, die der Belgierin vorgeworfene Betrugsmasche (der Motor beschleunigt die Kurbel) zudem längst veraltet. Ein wie von van den Driessche "im Sitzrohr versteckter Motor ist altes Zeug, fast schon Handwerk", zitiert Ghisalberti einen Insider der Szene. Die Methode sei überholt und ein "Arme-Leute-Doping", führt die namentlich nicht genannte Quelle in dem Artikel aus. State of Art sei demnach eine im Hinterrad der federleichten Carbonrenner versteckte Technologie, die elektromagnetisch 20 bis 60 Watt Extraleistung produziere. Kostenpunkt: bis zu 200.000 Euro, behauptet der Insider.

Geld, das offenbar gut investiert ist. Die Technologie, die per Fernbedienung aktiviert werde, reiche jedenfalls aus, "um einen durchschnittlichen Radprofi in ein Phänomen zu verwandeln". Allein 2015 habe er 1200 solcher Geräte verkauft. "Das System ist so perfekt ins Rad integriert, dass die Fahrer oft gar nicht begreifen, dass sie von einem Motor angetrieben werden", berichtet er. "Oft denken sie, dass sie einfach einen tollen Tag erwischt haben."

Eine dritte Chance bekommt der Radsport nicht

Die UCI bezeichnete den Vorfall von Zolder als "inakzeptabel". Mit dem Fund des Hilfsmotors habe man ein klares Zeichen gesetzt, dass man Betrüger aufdecken könne und bestrafen werde. "Früher oder später werden sie für den Schaden bezahlen, den sie dem Sport zufügen", betonte UCI-Chef Brian Cookson am Sonntag.

Es bleibt zu hoffen, dass der - zumindest in Sachen Dopingaufklärung - nicht immer sonderlich resolute Radsport-Weltverband seiner Kampfansage Taten folgen lässt. Denn sollte sich der Verdacht gegen van den Driessche bestätigen und schlimmer noch, weitere Skandale dieser Art folgen, droht es sich der Radsport nicht nur hierzulande endgültig mit seinen Fans zu verscherzen.

Eine dritte Chance werden Degenkolb, Martin und Co., sollte der Radsport weiter so offensichtlich am eigenen Grab schaufeln, vom deutschen Publikum ganz sicher nicht bekommen.

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