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Karjakin vs. Carlsen - Plaudertasche hält Constrictor in Schach

Damit hatte kaum einer gerechnet: Magnus Carlsen hat bei der Schach-WM in New York mehr Mühe als erwartet. Der Russe Sergej Karjakin erweist sich als zäher Herausforderer – und der Titelverteidiger agiert nun schon zweimal ungewohnt fahrig.

Magnus Carlsen und Sergej Karjakin bei der Schach-WM in New York

Bei der Schach-WM in New York tut sich Titelverdeidiger Magnus Carlsen (r.) gegen seinen russischen Herausforderer Sergej Karjakin ungewohnt schwer

Vier Partien im Kampf um die Schachweltmeisterschaft sind in New York gespielt. Und selbst die Experten sind überrascht, welch gute Figur der Herausforderer aus Russland macht. Viermal gelang es ihm, Titelverteidiger Magnus Carlsen ein Remis abzuringen. 2:2 steht es vor der fünften Begegnung am heutigen Abend in Manhattan. Zum Gewinn sind 6,5 Punkte nötig.

Dabei schien das Duell für Laien anfangs eine ziemlich klare Angelegenheit zu sein. Zu groß sind auf den ersten Blick die Unterschiede zwischen den Kontrahenten. Hier: der weltgewandte Geschäftsmann , ein Nationalheld in Norwegen, mit millionenschweren Werbeverträgen ausgestattet. Der in US-Talkshows auftritt, Showmatches gegen Bill Gates und Mark Zuckerberg bestreitet, in Simpsons-Folgen auftaucht und inzwischen sogar die Kinoleinwand ausfüllt: Pünktlich zum WM-Start lief in deutschen Kinos der Dokumentarfilm "Magnus - Der Mozart des Schachs" an.

Karjakin - Herausforderer ohne Glamour

Herausforderer Karjakin hat da deutlich weniger Glamour zu bieten. Er gilt als netter Kerl, der sein Herz auf der Zunge trägt. In Interviews lobt er schon mal ungefragt den russischen Präsidenten Putin oder bedankt sich überschwänglich bei seiner zweiten Frau Galija Kamalowa. Er wuchs auf auf, tauschte aber 2009 seine ukrainische Staatsbürgerschaft gegen einen russischen Pass ein, weil er sich dort bessere Trainings- und Lebensbedingungen versprach. Inzwischen hat ihn das russische Schachsystem komplett als einen der Seinen vereinnahmt.

Eines hat Karjakin seinem Gegner jedoch voraus: Bereits im Alter von zwölf Jahren und sieben Monaten errang er den begehrten Titel eines Großmeisters – als bisher jüngster Schachspieler in der Geschichte. Carlsen gelang dies erst als 13-Jährigem. Fortan galten beide als ähnlich hochbegabte Wunderkinder. Doch Carlsen machte mehr aus seinem Talent. 2010 wurde er als bislang jüngster Spieler die Nummer eins der Weltrangliste. Seit 2011 hat er die Position nonstop inne. Karjakin steht derzeit auf Platz neun. Von 21 bislang gespielten Partien mit klassischer Bedenkzeit gegen Karjakin gewann Carlsen vier, eine ging an den Russen, 16 endeten Remis.

Dennoch: Das Selbstbewusstsein von Karjakin ist trotz der ernüchternden Bilanz spürbar. "Ich kam hierher, um die Schachkrone nach zu holen. Da gehört sie ja hin", sagte er vor Beginn des Turniers. Und Carlsen weiß um die Stärke seines Kontrahenten: "Sergej ist sehr gut vorbereitet und extrem zäh in der Verteidigung. Selbst in schwierigen Stellungen findet er Ressourcen", meinte der 25-Jährige.

Carlsen - ein Titelverteidiger, der seine Gegner langsam erwürgt

Von Experten auf der ganzen Welt wird Karjakin für sein umsichtiges und couragiertes Spiel gelobt. Er gilt als hartnäckiger Verteidiger, der sich zäh gegen jede Niederlage stemmt. Ex-Weltmeister Garri Kasparow stellte beiden WM-Finalisten via Twitter unterschiedliche Zeugnisse aus: "Ich denke, sie spielen in verschiedenen Ligen. Karjakin ist exzellent, Carlsen speziell." Was er damit meint, hatte Kasparow zuvor einmal so beschrieben: Carlsen sei wie eine Boa Constrictor, die den Gegner nicht mit einem Schlag erledigt, sondern langsam erwürgt.

Bislang allerdings hat die Boa ihr vermeintliches Opfer noch nicht recht zu fassen gekriegt. Schlimmer noch: In der dritten und vierten Partie agierte der Weltmeister ungewohnt fahrig und verdarb durch mehrere Ungenauigkeiten klare Gewinnstellungen, so dass sich Karjakin jeweils in ein Remis retten konnte. Fabiano Caruana, Zweiter der Schachweltrangliste, war verblüfft: "Es passiert nicht jeden Tag, dass Carlsen zweimal in klar besserer Stellung den Sieg verpasst."

Und der entschuldigte sich gleichsam auf der Pressekonferenz nach der vierten Partie: "Das ist nicht der Standard, auf dem ich sein will." Er habe schlampig gerechnet, so Carlsen, weil er sicher gewesen sei, eine gewonnene Stellung vor sich zu haben. Und klang dabei recht deprimiert.

So erhält die fünfte Partie am heutigen Abend ihren ganz eigenen Reiz. Gelingt es Carlsen, der heute die weißen Steine führt, eine vorteilhafte Stellung endlich in einen Sieg zu verwandeln? Oder hat es Karjakin mit seiner zähen Verteidigung tatsächlich geschafft, dass den hoch favorisierten Weltmeister die Furcht packt und lähmt? Aufgrund des Modus' reicht womöglich schon ein einziger Sieg zum Titel. Und dazu scheint Karjakin durchaus in der Lage.

Boa oder Plaudertasche – Ausgang ungewiss.

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