Tödliches Drama mit Ansage

10. Mai 2013, 13:27 Uhr

Beim Training für den America's Cup gerät ein Superkatamaran außer Kontrolle. Die Folge: Olympiasieger Andrew Simpson stirbt. Ein Unfall in einem Wettbewerb, der mit Segeln nicht mehr viel zu tun hat. Von Klaus Bellstedt

Nein, die Winde in der Bucht von San Francisco, dem Austragungsort des diesjährigen America's Cup, waren nicht stärker als sonst. "Ein bisschen über normal", sagt Bart Rugo, Mitglied der Coast Guard. Rugo war dabei, als Rettungskräfte vergeblich versuchten, Andrew Simpson nach dem Trainingsunfall wiederzubeleben.

Vier bis fünf Windstärken mögen es an diesem wechselhaften Donnerstagnachmittag gewesen sein. Das klingt so harmlos, aber ein Riesenkatamaran - mit diesem Bootstyp treten dieses Mal alle Teams beim America's Cup an - bringt damit locker eine Geschwindigkeit von bis zu 40 Stundenkilometern aufs Wasser. Und: Das Segelrevier zwischen dem Festland und Treasure Island ist tückisch. Es ist ruppig.

"Ein herausragender Segler"

"Es gibt dort sehr viel Strom und steile Wellen", sagt Tim Kröger zu stern.de. Kröger ist einer der erfolgreichsten deutschen Segler. Der Bremer hat zwei Mal die Welt umsegelt, und er ist ein Kenner des America's Cup. 2003 und 2007 war Kröger selbst bei der berühmtesten Regatta der Welt dabei. Jetzt ist der 48-Jährige bestürzt. Die ganze Segelszene steht wegen des Todes von Simpson, der, nachdem das Schiff kenterte, zehn Minuten unter dem Boot eingeschlossen war, unter Schock.

Der 36-jährige Goldmedaillengewinner von Peking und Olympia-Zweite von London im Starboot war ein Star in England. Kröger und Simpson waren beim America's Cup 2007 vor Valencia mit ihren Crews Nachbarn. "Er war ein unglaublich lustiger Typ, total bescheiden und umgänglich. Und dazu ein herausragender Segler", sagt Kröger. Noch sind die Umstände des tödlichen Trainingsunfalls vor San Francisco unklar, aber an einen Fehler von Simpson mag Kröger nicht glauben.

Alles Irrsinn

Der Brite war seit Februar als Stratege an Bord seines Teams Artemis Racing, einer schwedischen Mannschaft, die als Herausforderer der amerikanischen Cup-Verteidiger vom Oracle Team USA antritt. Simpson, den sie in der Segelszene alle nur "Bart" riefen, war verantwortlich für die richtige Taktik. Das eigene Boot perfekt zu positionieren und den Gegner dabei in Schach zu halten, so muss man sich die Aufgabe eines Strategen an Bord eines Matchrace-Bootes vorstellen. Aber was heißt schon Boot? Die Rennmaschinen vom Typ AC72 sind eher vergleichbar mit Formel-1-Boliden. Genau das ist das Problem.

"Das ist alles ein Irrsinn, was die da machen", sagt Kröger. Mit "die da" meint Kröger die Ausrichter des diesjährigen America's Cup, und hier in erster Linie Larry Ellison. Der Chef der Softwarefirma Oracle gewann den vorigen Cup und darf das Rennen vor San Francisco deshalb ausrichten. Der Titelverteidiger wollte es so, dass mit Katamaranen gesegelt wird. "Wir wollen die besten Segler auf den schnellsten und coolsten Booten präsentieren. Der Wettbewerb soll das Fred-Feuerstein-Zeitalter verlassen und die Facebook-Generation erreichen", sagte Russell Coutts, Geschäftsführer von BMW Oracle, bei der Präsentation des America's Cup 2013.

Das Ergebnis sind Superkatamarane aus schwarzer Kohlefaser und Epoxydharz, 22 Meter lang, 14 Meter breit und knapp sechs Tonnen schwer, die eine Wahnsinns-Geschwindigkeit von etwa 80 Kilometern pro Stunde schaffen. Mit Segeln hat das nur noch wenig zu tun. "Kein Boot ist schwerer zu segeln, als die AC72", so James Spithill, Skipper des Oracle Teams, zum "Spiegel". "Wir brauchen bärenstarke Männer; und jeder Fehler kann katastrophale Folgen haben."

Aus Spaß wurde tödlicher Ernst

"Es geht den Leuten nur noch ums Spektakel. So läuft die Nummer neuerdings beim America's Cup", sagt Kröger. "Wer eins und eins zusammenzählen kann, der weiß, dass Katamarane durchaus die Eigenschaft haben, zu kentern. Und wenn so ein Unfall mit diesen Geschossen dann wirklich passiert - aus welchen Gründen auch immer - dann soll man sich nicht über Tote wundern. Das, was in der Bucht von San Francisco geschehen ist, war eine Katastrophe mit Ansage." Tim Kröger ist erschüttert über den Tod seines Seglerkollegen, aber er ist auch wütend.

Simpson zog im Februar mit seiner Ehefrau Leah und dem gemeinsamen Sohn nach San Francisco. Sechs Monate wollte er hier bleiben. Im März twitterte der 36-Jährige voller Vorfreude folgende Sätze: "Moving the family to San Fran for 6 months is pretty hectic!!! The cup should be fun though!!" Aus Spaß wurde nun tödlicher Ernst.

Lesen Sie auch
Schlagwörter powered by wefind WeFind
America's Cup Kröger San Francisco Segeln Stratege Tod
Sport
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker