Lindsey Vonn - unerwünscht in der Macho-Welt

9. Oktober 2012, 18:21 Uhr

Ein einfacher Wunsch und seine Folgen: Weil Skirennfahrerin Lindsey Vonn bei einer Herrenabfahrt an den Start gehen will, dreht die Männerwelt durch. Dabei geht es auch um Neid. Von Klaus Bellstedt

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Glamour-Girl des Skisports: Lindsey Vonn mit der großen Kristallkugel für den Gewinn des Gesamtweltcups in der vergangenen Saison©

Lindsey Vonn ist die kompletteste Skifahrerin der Welt. In der vergangenen Saison gewann die Amerikanerin zum vierten Mal nach 2008, 2009 und 2010 den Gesamtweltcup. Besonders in den Speed-Disziplinen ist Vonn, Abfahrts-Olympiasiegerin von Vancouver, eine Klasse für sich. Das Glamour-Girl des alpinen Skizirkus liebt die Geschwindigkeit. Schon früher konnte es ihr bei Weltcuprennen manchmal nicht schnell genug gehen. Sie stieg deswegen schon mal auf Männerski um. Die 27-jährige Blondine war die erste Frau, die sich so einen Wettbewerbsvorteil verschaffte. Mittlerweile machen es ihr viele der Kolleginnen nach. Aber keine beherrscht die langen Bretter so perfekt wie Vonn.

Mit Männerskiern den Hang herunter zu heizen, ist das eine, als Frau sich mit den harten Jungs der Schöpfung im direkten Vergleich auf der Piste auch zu messen, eine ganz andere Geschichte. Aber auch dazu ist Lindsey Vonn bereit. Die Amerikanerin hat am vergangenen Wochenende beim Internationalen Skiverband Fis um die Starterlaubnis für das Abfahrtrennen im kanadischen Lake Louise am 24. November gebeten - und damit viel Wirbel in der Szene ausgelöst.

"Das ist ihre Entscheidung"

"Wir haben darüber gesprochen, aber es wurde noch keine Entscheidung gefällt", sagt Damen-Renndirektor Atle Skaardal. "Es ist notwendig, in die Regeln zu schauen, um zu sehen, ob es möglich ist und einen Grund zu finden, warum es überhaupt möglich sein soll", so der Norweger weiter. Eine Entscheidung soll es im November geben. Fest steht: Das Reglement der Fis verbietet es Männern, an Frauen-Rennen teilzunehmen. Im umgekehrten Fall ist allerdings kein Verbot vorgesehen. Problematischer ist die Tatsache, dass eine Woche nach dem Herren-Rennen die Damen zwei Abfahrten in Lake Louise bestreiten. Vonn hätte durch einen Einsatz zuvor also einen Wettbewerbsvorteil. Daran könnte ihr kühner Plan noch scheitern. Die Männerwelt im alpinen Skisport hätte nichts dagegen. Das beweisen die Reaktionen.

"Sie kann das machen, das ist ihre freie Entscheidung. Aber für mich sieht das aus wie ein guter PR-Gag", sagt DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier über Vonns Pläne. Dabei müsste Maier eigentlich besser wissen, dass die Skikönigin gar keine PR nötig hat. Auf den roten Teppichen Hollywoods und in TV-Shows ist sie ein gern gesehener Gast. Auch in Sachen Werbung liegt Vonn ganz weit vorn. Seit Jahren schon stellt sie Red Bulls Aushängeschild im Skisport dar. Ein anderer Werbepartner ist zum Beispiel Rolex. Besser vermarktet ist im Wintersport niemand. Und so ist dann wohl auch ein bisschen Neid dabei, wenn die männlichen Kollegen nun ihr Vorhaben im Macho-Stil kleinreden.

Neureuther reagiert abfällig

"Lindseys Vorhaben ist absolut lächerlich. Auch sie wird wissen, dass sie bei uns keine Chance auf eine Platzierung in den Top-30 haben wird. Darum kann es sich hier nur um einen PR-Gag halten", sagt auch Super-G-Weltmeister Christof Innerhofer aus Italien. Wo man sich in diesen Tagen umhört, fast überall winken die harten Burschen ab und vermuten andere Beweggründe für Vonns Plan. So wie Österreichs Klaus Kröll, der im vergangenen Winter die kleine Abfahrts-Kugel gewinnen konnte: "Sehr wahrscheinlich hat sich Lindsey darüber geärgert, dass in den letzten Tagen nicht sie selber, sondern Maria Riesch mit ihrem 'Sex-Buch' das mediale Hauptthema war. Ich glaube, dass sie nur deshalb bei uns starten will, damit die Schlagzeilen wieder ihr gehören."

Könnte Vonn den sportlich überhaupt mithalten? Natürlich nicht, sagen die Männer. Liechtensteins Womanizer auf Skiern, Marco Büchel, ist überzeugt, dass die zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Vergleich mit den Herren kläglich scheitern wird: "Bei regulären Bedingungen wird Lindsey in Lake Louise vier Sekunden verlieren. Dabei gehört die Abfahrt in Kanada noch zu den leichtesten Männerstrecken. In Kitzbühel würde sie sie eine Packung von mindestens sechs Sekunden ausfassen." Und Felix Neureuther, Deutschlands bester Skirennfahrer, meint nur abfällig: "Wenn sie das machen möchte, dann kann sie das gerne mal als Vorläuferin machen." Frei nach dem Motto: "Not in our house!"

Lindsey Vonn, die aus Colorado stammt, hat seit ihrem Olympiasieg 2010 neun der letzten 19 Abfahrten gewonnen. Sie war nie schlechter als Vierte. Bei der WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen gewann sie zwar nur Silber, war aber gesundheitlich angeschlagen. Ein Start bei den Männern wäre für die Ausnahmeathletin im Grunde nur der logische Schritt. Und es wäre wohl auch nur eine einmalige Sache. Vonn erklärte nämlich Anfang der Woche in einem Telefoninterview mit der "New York Times", sie wolle einfach einmal in ihrem Leben gegen die besten Männer antreten. "Ich möchte keine Weltcuppunkte, sondern nur die Chance, mich mit den Männern zu messen", sagte Vonn weiter. Und dann bekamen auch die Machos noch eine Ansage: "Es gibt einige Leute, die denken, ich hätte bei den Männern keine Chance. Jeder beharrt auf seiner Meinung, aber ich will sehen, wo ich stehe. Mein Ziel ist definitiv die Top 30." So viel Ehrgeiz verdient Applaus - und Respekt.

Entscheidung im November

US-Abfahrer Steven Nyman ist übrigens einer der ganz wenigen, der nicht vorschnell urteilen will. "Ich bin dafür. Lindsey Vonn ist die seit Jahren dominanteste Frau auf der Abfahrt", zitiert ihn die "New York Times". "Wenn sie denkt, sie könne die Jungs schlagen, soll sie es versuchen. Ich finde, sie hat das Recht dazu. Aber sie soll nicht nur als Vorläuferin starten, sondern mitten im Rennen. Mit der Nummer, die sie sich im Training verdient hat."

Anfang November wollen sich die Herren von der Fis nun mit der kniffligen Thematik befassen. Und es gibt Hoffnung für Lindsey Vonn. Laut Renndirektor Günter Hujara steht einem Start der Olympiasiegerin bei der Männer-Abfahrt nichts im Wege - sofern der amerikanische Ski-Verband einen entsprechenden Antrag einreicht. "Ich habe absolut keine Bedenken", sagte Hujara der Internetseite des "Ski Racing Magazines". Machos, zieht Euch warm an!

mit DPA

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