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16. August 2009, 19:41 Uhr

Wundersame Beschleunigung

Kein Lauf in der Leichtathletik ist so durch Doping in Verruf geraten wie das Finale über 100 Meter bei den Männern. Dass der Jamaikaner Usain Bolt Fabelzeiten am Fließband produziert, nährt Zweifel. Mathias Schneider

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Usain Bolt, Tyson Gay, Doping, 100 Meter, Sprint

Usain Bolt lief bei den Olympischen Spielen 2008 einen neuen Weltrekord über die 100 Meter© Kay Nietfeld/EPA

Die Yam-Wurzel ist bislang nicht aufgefallen als eines der führenden Dopingmittel in der Welt der Leichtathletik. Dabei hat sie sich auf Jamaika längst als eine Art Designer-Droge für Sprinter etabliert, glaubt man einem der prominentesten Bewohner der Insel. Das Gewächs, das aussieht wie eine Riesenkartoffel, beschleunigt seinen Konsumenten angeblich auf atemberaubende Weise. Es wird vor allem im District Trelawny angebaut, der Heimat des schnellsten Mannes der Welt. Für Wellesley Bolt, Vater des Sprintheroen Usain Bolt, ist der Fall damit klar: "Es sind die Yams, die meinen Sohn so schnell machen."

Die Yams also, ein Erzeugnis der heimischen Landwirtschaft. Man möchte die Geschichte vom Sohn, den die Natur beschleunigt, gern glauben. Tatsächlich ist der Name des dreifachen Olympiasiegers Usain Bolt noch nie im Umfeld eines Dopingfalles aufgetaucht. Wenn Bolt, 22, heute in Berlin über 100 Meter auf die Bahn tritt, um zum ersten Mal Weltmeister zu werden, gilt für ihn - wie für jeden Sportler - die Unschuldsvermutung. Zumindest bis zum Beweis des Gegenteils.

Bolt und der Generalverdacht

Und doch wird Bolt weiter mit dem Generalverdacht leben müssen, der auf seiner Disziplin lastet. Zu viele der ehemaligen Spitzensprinter entpuppten sich nach bravourösen Läufen als Betrüger. Sie heißen Ben Johnson, Justin Gatlin oder Linford Christie. Alle gewannen sie olympisches Gold. Keiner von ihnen hat eine dopingfreie Vita. Und auch Maurice Greene, der beste Sprinter der 90er Jahre, steht ebenfalls im Verdacht, exzessiv gedopt zu haben. Nachgewiesen wurde ihm dies allerdings nie, wenn auch die Indizien zahlreich sind. So viele Fälle wurden rückwirkend aufgedeckt, dass schnell zu laufen irgendwann zwangsläufig mit virtuosem Betrug einher zu gehen schien.

Nun gibt es derzeit keine konkreten Anhaltspunkte, dass heute mehr oder weniger gedopt wird als vor zehn oder 20 Jahren. Dass Bolt, dessen Landsmann Asafa Powell oder auch der Amerikaner Tyson Gay erheblich schneller laufen, als die mit Steroiden voll gepumpten Monster-Athleten Linford Christie oder Ben Johnson, sorgt unter Experten jedoch für Stirnrunzeln.

Niemals war Mann so flink wie heute. Bolt (9,69 Sekunden), Powell (9,72) und Gay (9,77) führen die Weltrangliste der schnellsten jemals gelaufenen Zeiten an. Schon deshalb fällt es Wissenschaftlern schwer, an das Gute im Athleten zu glauben. Und dabei gibt vor allem Bolts Leistungsvermögen den Forschern Rätsel auf. "Nach 60 oder 70 Metern werden die Leute normalerweise langsamer, bei ihm ist das fast gar nicht der Fall", sagt Professor Joachim Mester, Leiter des Instituts für Trainings- und Bewegungslehre an der Sporthochschule Köln.

Wie schnell kann ein Mensch laufen?

Verdächtig macht sich Bolt aber für Mester noch nicht. Bis heute weiß niemand sicher, wie schnell der Mensch ohne Hilfsmittel - nur Kraft seiner Anatomie und Physiologie - rennen kann. Abweichungen von der Norm, wie sie Bolt immer wieder liefert, müssen deshalb - bis zum Beweis des Gegenteils - als Laune der Natur eingestuft werden. Dass seit geraumer Zeit eine Substanz namens S 107 auf dem Markt ist, die eine Ermüdung des Muskels hinauszögert, bestätigt allerdings all jene, die nicht allein an das herausragende Talent der Athleten glaubt.

Noch immer operieren weltweit schwarze Labors, für die das Doping ein äußerst einträgliches Geschäft ist. Sie liefern nicht nur verbotene Substanzen, sondern auch Expertisen, die den Athleten über das Risiko eines positiven Befundes informieren. Zwar hält die Weltantidopingagentur (Wada) die Athleten bewusst im Unklaren, welche Substanzen mittlerweile nachweisbar sind. Aber Dopingbekämpfer vermuten, dass Mitarbeiter von Wada-Laboren gezielt bestochen werden, um genau an diese Informationen zu kommen. Selbst heimliche Dopingproben, durchgeführt von geschmierten Antidopingkämpfern, sind heute angeblich an der Tagesordnung. Der betrügende Athlet mag kein Risiko mehr eingehen, am Ende doch geschnappt zu werden, also lässt er sich lieber gleich heimlich selbst testen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein negativer Dopingtest keine Sauberkeit garantiert, weshalb eine Seriösität im Anti-Doping-Kampf noch lange nicht gewährleistet ist und warum die flächendeckende Verfolgung der Sünder so schwer fällt.

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