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Chronik einer Enttäuschung

Am Dienstagnachmittag verkündete die Telekom ihren Ausstieg aus dem Radsport. stern-Redakteur Christian Ewers hat das Team T-Mobile während der gesamten Saison begleitet. Ein persönlicher Rückblick.

Von Christian Ewers

  • Christian Ewers

Welch ein Anfang. Deutschland tausende von Kilometern entfernt, weit weg die alten schmutzigen Geschichten, der ganze Ballast. Hier oben in den Irish Hills von Obispo, Kalifornien, geht ein lauer Wind, und die Dinge sind so einfach. Teammanager Bob Stapleton baut ein Radteam auf. Er legt Messer, Gabel und Löffel auf den Gartentisch, nebeneinander, in gleichmäßigem Abstand. Das Messer, das sind die Fahrer. "Alles junge, hungrige Leute", sagt Stapleton. Er hebt die Gabel kurz hoch. "Management, Trainer und Ärzte müssen eine Einheit sein. Sie sind Dienstleister für die Mannschaft."

Die Doping-Fälle bei Telekom und T-Mobile im Jahr 2007

Und dann der Löffel. Stapleton spricht jetzt leise, es ist mehr ein Murmeln, er gestikuliert kaum, wirkt wie versunken in dieses Thema, sein Thema: den Kampf gegen Doping. Er erzählt von den strengen internen Kontrollen beim Team T-Mobile, von DNA-Profilen und Blutvolumentests. Er erzählt von Cash-back-Klauseln, die er seinen Fahrern in die Verträge geschrieben hat: Wer dopt, fliegt raus und muss alle seine Gehälter zurückzahlen. "Wir können den Radsport retten", sagt Stapleton. "Aber dafür müssen wir hart gegen uns selbst sein."

Stapletons Monolog auf der Terasse seiner Villa hatte etwas Missionarisches

, das schon, aber da mischte sich kein Pathos in seine Worte. Es ging um die Sache, nur um die Sache, und am Ende des Gesprächs, als Stapleton Messer, Gabel und Löffel in einer Faust umschließt, hatte ich das Gefühl: Er schafft es. Nicht gleich den ganzen Radsport retten, aber einen Neuanfang machen, ein Vorbild sein.

Ich hätte dieses Gefühl schon damals, im Februar, hinterfragen müssen. Wie es kommt, dass mich ausgerechnet jemand aus dem Radsport überzeugen kann - obwohl das Wort "Radsport" schon damals kaum noch mehr war als ein Synonym für Lug und Trug. Im vergangenen Jahr hatte die Tour de France ihre Favoriten schon vor dem Start verloren, Jan Ullrich und Ivan Basso. Wegen Dopingverdachts. Der Sieger Floyd Landis war dann wenige Tage nach dem Zieleinlauf kein Sieger mehr. Wegen Dopings.

Es muss Bob Stapletons ruhige, ernsthafte Art gewesen sein, die mich beeindruckte. Von der ich mich auch gern beeindrucken ließ. Stapleton redete nicht wie die anderen Teamchefs dieses kraftstrotzende Zeugs, das nur kaschiert, dass es keine neue Haltung, keine neue Ideen gibt. Dass weitergemacht und gedopt wird wie bisher.

Stapleton und T-Mobile hatten im Winter einen außergewöhnlichen Plan für den Kampf gegen Doping geschmiedet. Es war der Plan für eine kleine Revolution. Heute, kurz vor dem Start der Tour de France, scheint mir, als sei er vor allem eine Marketingaktion gewesen. Eine neue Masche, seine alte Einstellung zu behalten. Seine Einstellung zumindest nicht so zu überdenken, so zu ändern, wie es nötig wäre, um glaubwürdig zu bleiben.

Und was wäre wichtiger gewesen für T-Mobile, als Vertrauen zurückzugewinnen? Im Sommer 2006, nach der Tour de France, liegt das Team in Trümmern. Jan Ullrich steht unter Verdacht, Kunde des spanischen Dopingarztes Fuentes zu sein, sein Teamkollege Oscar Sevilla auch. Tatsächlich nur Ullrich und Sevilla? Und der Rest der Mannschaft? T-Mobile gibt keine Antwort. T-Mobile holt Bob Stapleton. Einen ehemaligen Mobilfunkmanager, nicht verstrickt in die alten Männerbünde des Radsports, in dieses Netz von Abhängigkeiten, das den Kampf gegen Doping seit Jahrzehnten lähmt. Ein Mann für die Zukunft.

Aber keiner für die Vergangenheit. Das wird mir im April bewusst, am Vorabend des Amstel Gold Race, zwei Monate nach der Kalifornienreise. Lothar Heinrich, der Mannschaftsarzt, steht auf dem Hotelparkplatz in Riemst, Belgien, und scherzt mit den Mechanikern, die gerade die Räder waschen. "Herr Heinrich, eine Frage zum Thema Doping." Heinrich dreht sich um und nuschelt im Weggehen: "Keine Zeit." Ein paar Minuten später sitzt er an der Hotelbar und trinkt Kaffee.

Auch mit Stapleton ist an diesem Abend kein Gespräch über Doping möglich, jedenfalls nicht in Bezug auf seine Ärzte Heinrich und Andreas Schmid. Dass es ernstzunehmende Gerüchte gibt, denen zufolge die beiden Mediziner das Team jahrelang mit Dopingmitteln versorgt haben, will er nicht hören. "Gerüchte", zischt Stapleton. "Ich bitte Sie, ich soll Gerüchten vertrauen? Mein Herz sagt: Lothar und Andreas sind sauber." Er legt eine Hand auf die linke Brust. Er steht kerzengerade, wie ein Soldat beim Fahneneid.

Dieser Abend war der Beginn einer Enttäuschung

. Einer Enttäuschung, die in den kommenden Monaten immer größer werden sollte. Ich hatte mit Stapleton sprechen wollen über den Umgang mit der Doping-Vergangenheit des Teams, über die Schwierigkeit zu unterscheiden: Was ist wahr? Was ist üble Nachrede? Was ist ein Gerücht, das es zu prüfen lohnt? Für Stapleton sind das keine Fragen. Es sind Angriffe. Er stellt sich vor seine Mannschaft, wie ein Vater sich vor seine Kinder stellt, egal was sie verbrochen haben. Vielleicht war ich auch einfach naiv in meiner Hoffnung, dass Stapleton innehält, dass er Kritik an sich heranlässt - zumindest einen anderen Ton findet. Einen Ton des Zweifelns, des Hinterfragens, denn welche Gewissheiten kann es im Radsport noch geben? Wie sind Ehrenerklärungen möglich, nach all den Skandalen, nach der Festina-Affaire, nach der Operacion Puerto, nach "Oil for drugs"? Nach den Tonnen von Anabolika, Steroiden, Epo, Testosteron, Wachstumshormonen, Antidepressiva, Kortison und Amphetaminen, die in den letzten Jahrzehnten gespritzt und geschluckt wurden?

Dennoch, der Abend in Riemst hatte mir nicht alle Hoffnungen nehmen können. Als Stapleton zwei Wochen nach unserem Gespräch die beiden Ärzte suspendierte, weil sie von einem ehemaligen Pfleger schwer belastet worden waren, verspürte ich keine Triumphgefühle. Kein: Hab ich's doch gewusst. Da war eher so ein Gefühl von Mitleid, für das Projekt, für Stapleton.

Aber dann kommt der 24. Mai. Bonn, Pressekonferenz im Haus des Sponsors, auf dem Podium Rolf Aldag und Erik Zabel, beide ehemalige Fahrer des Teams Telekom. Aldag, jetzt Renndirektor bei T-Mobile, starrt auf einen imaginären Punkt hinten im Konferenzraum. Wenige Tage zuvor hatte sein frührer Teamkollege Bert Dietz Blutdoping gestanden. Aldag rasselt ein paar Daten seiner Karriere herunter und sagt, dass auch er mit Epo gedopt habe. Von anderen Fahren wisse er nichts.

Bob Stapleton dankt Aldag dafür, dass er so "offen und ehrlich" über seine Vergangenheit gesprochen hat. Und dann sagt er, dass er mit Aldag als Sportchef weiterarbeiten werde, denn niemand anders könne den jungen Fahrern so gut erklären, wie schlimm Doping sei. Stapletons Stimme tanzt jetzt, sie lotet Höhen und Tiefen aus, ein Flöten, da ist nichts mehr von diesem bescheidenen, selbstvergessenen Murmeln aus dem Februar in Kalifornien. In Bonn passiert etwas mit Stapleton. Er ist jetzt so, wie er nie sein wollte. Oder vorgab, nie sein zu wollen. Er ist einer von diesen vielen opportunen Teamchefs, die er in Kalifornien noch selbst zum Teufel gewünscht hatte. Die mit ihrer Doppelmoral den Radsport zugrunde richten würden, die öffentlich Kampf gegen Doping ausrufen, auf die gemeinsame Sache schwören, und dann doch machen, was sie wollen.

Kein Wort des Bedauerns kommt Stapleton in Bonn über die Lippen, keine Empörung ist zu spüren

, dass ihn Rolf Aldag, sein Freund und wichtigster Mitarbeiter, belogen hat. Stapelton weiß es und will es nicht wissen. Er will weitermachen mit Aldag, mit Brian Holm, einem Sportlichen Leiter, der auch noch schnell gebeichtet hatte. Stapletons Ziel ist die Tour de France. Sechs Wochen noch, er braucht jetzt Ruhe.

Für mich war Bonn ernüchternd, desillusionierend, was auch immer die Steigerung von enttäuschend sein mag. Ich war erschrocken über meine eigene Gutgläubigkeit. Ich hatte Stapleton vertraut und gemeint, überzeugende Gründe dafür zu haben. Ideen, Mut, Unabhängigkeit, alles schien da zu sein für eine kleine Revolution.

Stapleton hält sie natürlich bis heute für nicht gescheitert. Er und Aldag haben sich in eine Welt verabschiedet, in der es nur eine Wahrheit gibt, ihre eigene. In dieser Welt ist es kein Problem, dass an der Spitze eines Anti-Doping-Programms ein Sportchef mit Dopingvergangenheit steht. Es ist auch kein Problem, dass Aldag mit seiner Beichte nicht aufklären, sondern seinen Job bei T-Mobile retten wollte. Und Aldag findet so ein taktisches Geständnis auch in völlig Ordnung.

Anfang Juni, als die Mannschaft in den Pyrenäen auf die Tour vorbereitet

, gibt es in Toulouse ein Pressegespräch mit Aldag. In den ersten Minuten wird auffallend laut gelacht über mittelmäßige Witze, es ist eine Spannung zu spüren. Niemand traut sich, Aldag auf die Dopinggeschichte anzusprechen. Irgendwann sagt jemand: "Rolf, Du bist damals in Bonn eher kühl rübergekommen…" Aldag fällt ihm gleich ins Wort. "Weiß ich. Ich wollte nicht auf die Tränendrüse drücken. Hätte ich das gemacht hätte, würden mich meine Jungs ja heute auslachen, wenn ich sie bei Wind und Wetter zum Training schicke. Dann sagen die: Von der Heulsuse lass' ich mich nicht durch den Regen scheuchen."

Nach einer Stunde kommt Bob Stapleton hinzu. Er legt einen Arm auf Aldags Schulter. Stapleton sagt, man habe in einer schwierigen Situation Charakter gezeigt. Er werde das Anti-Doping-Programm mit aller Entschlossenheit vorantreiben. "Das bin ich gerade den jungen Fahrern schuldig. Die wollen ja beweisen, dass man auch sauber siegen kann."

Im Juli dann die Tour de France. Eine Tour mit höchsten Höhen und tiefsten Tiefen für T-Mobile. Linus Gerdemann fährt in den Alpen ins Gelbe Trikot, Bob Stapleton glüht vor Stolz, ja, er habe immer an das Team geglaubt, Wahnsinn, diese Aufbruchsstimmung, endlich wieder positive Schlagzeilen - "ich freue mich so sehr für meine Jungs". Ein paar Tage später macht einer seiner geliebten Jungs alles kaputt. T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz positiv getestet - die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Stapleton bleibt gelassen. Äußerlich. Er gibt Interviews, antwortet ausschweifend auf kurze Fragen, viele Worte, keine Botschaft. Nur die: "Wir machen weiter."

Es geht nicht weiter. An diesem Tag im Juli ist das Team bereits Geschichte, bloß weiß das noch niemand.

Patrik Sinkewitz legt ein paar Monate später ein umfassendes Geständnis ab, das den Verdacht nahelegt, dass sich im Saubermann-Team von Stapleton nicht viel geändert hat. Dass Sinkewitz nicht der einzige war, der einfach weitergedopt hat, trotz des angeblich so strengen internen Kontrollprogramms. Stapleton will weitermachen, wie immer.

Aber der Sponsor will nicht mehr. Am 27. November verschickt die Presseabteilung ein paar Zeilen. Nur Phrasen, sofortiger Ausstieg, Verpflichtung gegenüber Kunden, Mitarbeitern, Aktionären und so weiter. Ein paar Minuten nach der Pressemitteilung von T-Mobile sendet auch Bob Stapleton eine Erklärung. Er schreibt, er wolle weitermachen.

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