Chronik einer Enttäuschung

27. November 2007, 17:24 Uhr

Am Dienstagnachmittag verkündete die Telekom ihren Ausstieg aus dem Radsport. stern-Redakteur Christian Ewers hat das Team T-Mobile während der gesamten Saison begleitet. Ein persönlicher Rückblick. Von Christian Ewers

Teammanager Bob Stapleton beim Blick aus dem Mannschaftsbus©

Welch ein Anfang. Deutschland tausende von Kilometern entfernt, weit weg die alten schmutzigen Geschichten, der ganze Ballast. Hier oben in den Irish Hills von Obispo, Kalifornien, geht ein lauer Wind, und die Dinge sind so einfach. Teammanager Bob Stapleton baut ein Radteam auf. Er legt Messer, Gabel und Löffel auf den Gartentisch, nebeneinander, in gleichmäßigem Abstand. Das Messer, das sind die Fahrer. "Alles junge, hungrige Leute", sagt Stapleton. Er hebt die Gabel kurz hoch. "Management, Trainer und Ärzte müssen eine Einheit sein. Sie sind Dienstleister für die Mannschaft."

Die Doping-Fälle bei Telekom und T-Mobile im Jahr 2007

Und dann der Löffel. Stapleton spricht jetzt leise, es ist mehr ein Murmeln, er gestikuliert kaum, wirkt wie versunken in dieses Thema, sein Thema: den Kampf gegen Doping. Er erzählt von den strengen internen Kontrollen beim Team T-Mobile, von DNA-Profilen und Blutvolumentests. Er erzählt von Cash-back-Klauseln, die er seinen Fahrern in die Verträge geschrieben hat: Wer dopt, fliegt raus und muss alle seine Gehälter zurückzahlen. "Wir können den Radsport retten", sagt Stapleton. "Aber dafür müssen wir hart gegen uns selbst sein."

Stapletons Monolog auf der Terasse seiner Villa hatte etwas Missionarisches, das schon, aber da mischte sich kein Pathos in seine Worte. Es ging um die Sache, nur um die Sache, und am Ende des Gesprächs, als Stapleton Messer, Gabel und Löffel in einer Faust umschließt, hatte ich das Gefühl: Er schafft es. Nicht gleich den ganzen Radsport retten, aber einen Neuanfang machen, ein Vorbild sein.

Ich hätte dieses Gefühl schon damals, im Februar, hinterfragen müssen. Wie es kommt, dass mich ausgerechnet jemand aus dem Radsport überzeugen kann - obwohl das Wort "Radsport" schon damals kaum noch mehr war als ein Synonym für Lug und Trug. Im vergangenen Jahr hatte die Tour de France ihre Favoriten schon vor dem Start verloren, Jan Ullrich und Ivan Basso. Wegen Dopingverdachts. Der Sieger Floyd Landis war dann wenige Tage nach dem Zieleinlauf kein Sieger mehr. Wegen Dopings.

Es muss Bob Stapletons ruhige, ernsthafte Art gewesen sein, die mich beeindruckte. Von der ich mich auch gern beeindrucken ließ. Stapleton redete nicht wie die anderen Teamchefs dieses kraftstrotzende Zeugs, das nur kaschiert, dass es keine neue Haltung, keine neue Ideen gibt. Dass weitergemacht und gedopt wird wie bisher.

Stapleton und T-Mobile hatten im Winter einen außergewöhnlichen Plan für den Kampf gegen Doping geschmiedet. Es war der Plan für eine kleine Revolution. Heute, kurz vor dem Start der Tour de France, scheint mir, als sei er vor allem eine Marketingaktion gewesen. Eine neue Masche, seine alte Einstellung zu behalten. Seine Einstellung zumindest nicht so zu überdenken, so zu ändern, wie es nötig wäre, um glaubwürdig zu bleiben.

Und was wäre wichtiger gewesen für T-Mobile, als Vertrauen zurückzugewinnen? Im Sommer 2006, nach der Tour de France, liegt das Team in Trümmern. Jan Ullrich steht unter Verdacht, Kunde des spanischen Dopingarztes Fuentes zu sein, sein Teamkollege Oscar Sevilla auch. Tatsächlich nur Ullrich und Sevilla? Und der Rest der Mannschaft? T-Mobile gibt keine Antwort. T-Mobile holt Bob Stapleton. Einen ehemaligen Mobilfunkmanager, nicht verstrickt in die alten Männerbünde des Radsports, in dieses Netz von Abhängigkeiten, das den Kampf gegen Doping seit Jahrzehnten lähmt. Ein Mann für die Zukunft.

Aber keiner für die Vergangenheit. Das wird mir im April bewusst, am Vorabend des Amstel Gold Race, zwei Monate nach der Kalifornienreise. Lothar Heinrich, der Mannschaftsarzt, steht auf dem Hotelparkplatz in Riemst, Belgien, und scherzt mit den Mechanikern, die gerade die Räder waschen. "Herr Heinrich, eine Frage zum Thema Doping." Heinrich dreht sich um und nuschelt im Weggehen: "Keine Zeit." Ein paar Minuten später sitzt er an der Hotelbar und trinkt Kaffee.

Auch mit Stapleton ist an diesem Abend kein Gespräch über Doping möglich, jedenfalls nicht in Bezug auf seine Ärzte Heinrich und Andreas Schmid. Dass es ernstzunehmende Gerüchte gibt, denen zufolge die beiden Mediziner das Team jahrelang mit Dopingmitteln versorgt haben, will er nicht hören. "Gerüchte", zischt Stapleton. "Ich bitte Sie, ich soll Gerüchten vertrauen? Mein Herz sagt: Lothar und Andreas sind sauber." Er legt eine Hand auf die linke Brust. Er steht kerzengerade, wie ein Soldat beim Fahneneid. Dieser Abend war der Beginn einer Enttäuschung. Einer Enttäuschung, die in den kommenden Monaten immer größer werden sollte. Ich hatte mit Stapleton sprechen wollen über den Umgang mit der Doping-Vergangenheit des Teams, über die Schwierigkeit zu unterscheiden: Was ist wahr? Was ist üble Nachrede? Was ist ein Gerücht, das es zu prüfen lohnt? Für Stapleton sind das keine Fragen. Es sind Angriffe. Er stellt sich vor seine Mannschaft, wie ein Vater sich vor seine Kinder stellt, egal was sie verbrochen haben. Vielleicht war ich auch einfach naiv in meiner Hoffnung, dass Stapleton innehält, dass er Kritik an sich heranlässt - zumindest einen anderen Ton findet. Einen Ton des Zweifelns, des Hinterfragens, denn welche Gewissheiten kann es im Radsport noch geben? Wie sind Ehrenerklärungen möglich, nach all den Skandalen, nach der Festina-Affaire, nach der Operacion Puerto, nach "Oil for drugs"? Nach den Tonnen von Anabolika, Steroiden, Epo, Testosteron, Wachstumshormonen, Antidepressiva, Kortison und Amphetaminen, die in den letzten Jahrzehnten gespritzt und geschluckt wurden?

Dennoch, der Abend in Riemst hatte mir nicht alle Hoffnungen nehmen können. Als Stapleton zwei Wochen nach unserem Gespräch die beiden Ärzte suspendierte, weil sie von einem ehemaligen Pfleger schwer belastet worden waren, verspürte ich keine Triumphgefühle. Kein: Hab ich's doch gewusst. Da war eher so ein Gefühl von Mitleid, für das Projekt, für Stapleton.

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