30. Mai 2007, 15:39 Uhr

ARD und ZDF drohen mit Rückzug

Nach den Doping-Beichten der vergangenen Tage denken die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ernsthaft über einen Ausstieg der Tour-de-France-Berichterstattung nach. Ex-Radsportler sollen in Zukunft nicht mehr als Experten vor die Kameras treten.

Kameramänner vor dem Träger des Gelben Trikots, ARD und ZDF denken jetzt über einen Ausstieg der Berichterstattung nach©

ARD und ZDF wollen den Ende 2008 auslaufenden Vertrag über die Berichterstattung zur Tour de France vorerst nicht verlängern. "Wir werden die Option zur Vertragsverlängerung nicht wahrnehmen, bevor wir sicher sein können, dass Doping bei der Tour de France keine Chance mehr hat", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender am Mittwoch in Berlin. "Darüber sind wir uns mit der ARD einig."

Die ARD-Intendanten vereinbarten in einer Schaltkonferenz, zunächst an den Übertragungen von der Tour de France und der Deutschland-Tour festzuhalten, aber über eine Verlängerung über das Jahr 2008 hinaus erst nach dem Ende der Saison 2007 zu entscheiden. Die ARD will außerdem bis auf Weiteres keine ehemaligen Profi-Radsportler als Co-Kommentatoren in der Live-Berichterstattung mehr einsetzen. Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff betonte, dies sei eine grundsätzliche Entscheidung und kein Misstrauensvotum gegen die Experten.

"Es fehlt noch an Aufklärung"

Brender betonte, bei neuen Sportverträgen - etwa beim Boxen - sei eine Doping-Klausel eingebaut, die dem ZDF den Ausstieg aus Sportverträgen wegen Vertragsverletzung ermöglicht. Der Sender habe Gespräche mit dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und den deutschen Rennställen angesetzt. Danach will das ZDF entscheiden, ob es für dieses Jahr an der Berichterstattung von der Tour de France festhält. "Zum jetzigen Zeitpunkt auszusteigen wäre falsch", betonte der Chefredakteur. "Wenn wir bei den Treffen aber feststellen, dass trotz Zusagen System und Einstellungen der Beteiligten sich nicht geändert haben, müssten wir Konsequenzen ziehen."

Brender bezeichnete es zum Beispiel als Problem, dass der Sportdirektor des T-Mobile-Teams, Rolf Aldag, im vergangenen Jahr beim Runden Tisch gegen Doping im ZDF große Anstrengungen im Kampf gegen Sportbetrug gefordert und angekündigt habe. Er könne nicht schlafen, wenn er selbst gedopt hätte, habe Aldag 2006 gesagt. "Nach seinem Dopinggeständnis bedarf es nun intensiver Gespräche, um das zu klären. Ob wir das akzeptieren können, weiß ich nicht", sagte Brender. "Es fehlt noch an Aufklärung, gerade über die Jahre 2000 bis 2006."

Eine Lehre für viele Fernseh-Reporter

Sollten die Bemühungen für den sauberen Sport nicht gelingen, brachte der Chefredakteur eine Vereinbarung aller Medien ins Gespräch, über Radrennen wie über die Tour de France nicht mehr im großen Stil zu berichten. "Auch Zeitungen und Zeitschriften haben Ullrich, Zabel, Aldag und Co. zu Heroen stilisiert. Das war nicht nur das Fernsehen." In der Sportberichterstattung müsse die Gratwanderung zwischen Emotionen und Distanz künftig besser gelingen. "Das Fernsehen als Bildmedium ist sicher anfälliger, als andere Medien, in eine kritiklose Live-Berichterstattung abzurutschen. Begeisterung ist Reportern ja nicht verboten, aber zum guten Journalismus gehört ebenso die Distanz zu Personen und Organisationen." Die Doping- Affären der letzten Monate seien für viele Fernseh-Reporter eine Lehre.

DPA/kbe

 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
ZenoTurtle (30.05.2007, 19:16 Uhr)
Tour nein danke - erstmal
Ich meine, die Sport-Übertragungen sollten ausgesetzt werden.
Herr Minister Schäuble sollte den Mund weniger vollnehmen. Ein neues Gesetz, das den Besitz von Dopingmitteln in geringen Mengen unbestraft lässt, ändert die Verhältnisse nur geringfügig.
Damit werden die Interessen an einem ungedopten Sport wieder nicht vertreten!
Ohne den Zwang zur unnatürlichen Hochleistung wäre der ganze Tour-Zirkus etwas langsamer, aber dafür reeller und authentischer. Für mich ist die Tour de France mit Dopingkünstlern uninteressant. Ich werde mir das so nicht mehr ansehen!
catchme (30.05.2007, 17:15 Uhr)
Es wäre eine logische Konsequenz ...
... doch es fehlt der Glaube an den Mut der Verantwortlichen ! Eine totale Verweigerung der Berichterstattung würde dem gesamten Tour-Spektakel die Grundöage entziehen - das Geld ! Doch es wird sicher wieder so sein, wie es immer im öffentlich-rechtlichen TV ist: die Verantwortlichen haben Angst vor der eigenen Courage und sie werden wieder von der Epo-Tour berichten - wetten das ?
Cairol (30.05.2007, 17:01 Uhr)
-
Ich wäre dafür das in den nächsten Jahren ab sofort gar kein "Radsport" mehr gesendet wird, am allerwenigsten auf den Öffentlich Rechtlichen Sendern die mit Gebühren diese Betrüger finanzieren. Auch die Telekom sollte sich so schnell es geht aus diesem "Sport" zurückziehen und anderen Unternehmen platz machen. Wir haben in Deutschland doch einige große Pharamaunternehmen, schade das Bayer sich immer mehr aus dem Sport zurückzieht denn gerade der "Radsport" wäre doch optimal zum Testen neuer Wundermittel
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