"Dieser fette Bastard"

2. Januar 2008, 11:24 Uhr

Der furiose Auftritt einer eifersüchtigen Ehefrau bei der Präsentation eines neuen Sport-Fernsehsenders hat in China für einen Skandal gesorgt. Der Versuch der Zensurbehörden, den Vorfall sieben Monate vor Beginn der Olympischen Spiele geheim zu halten, scheiterte kläglich. Von Jörg Isert

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TV-Moderatorin Hu Ziwei (l.) versucht sich Gehör zu verschaffen. Ihr Ehemann, Sport-Moderator Zhang Bin (M.), will sie davon abhalten©

Einen schlechteren Start ins Olympiajahr 2008 hätte sich China nicht wünschen können. Ein Vorfall vom vergangenen Freitag, der eigentlich unter den Teppich gekehrt werden sollte, sorgt für weltweites Aufsehen: Die Ehefrau eines bekannten Sportmoderators outete ihren Mann als Fremdgeher. Jetzt stehen Chinas Blogger Kopf.

Alles war perfekt geplant an diesem Freitagabend. Vor rotem Hintergrund stand ein Redepult. Auf ihm prangten die Buchstaben CCTV, darunter die fünf olympischen Ringe. Sämtliche Manager von Chinas TV-Sportsender Nummer eins saßen im Publikum. Der Anlass der Zeremonie: die Namensumbenennung von CCTV 5 in "Olympischer Kanal".

Die stolze Präsentation nahm unerwartete Wende

Zunächst lief alles wie am Schnürchen. Dann nahm die Veranstaltung eine unerwartete Wendung. Als der Fernsehmoderator und Sportnews-Chef von CCTV 5, Zhang Bin, den Tischtennisspieler und Olympiateilnehmer Wang Nan ankündigte, erschien stattdessen seine eigene Frau am Pult. Sie begann schnurstracks mit einer Ansprache der besonderen Art: "Eines Tages war ich nicht mehr nur eine Fernsehmoderatorin, sondern auch die Ehefrau des Mannes neben mir, Zhang Bin", begann Hu Ziwei, die 2005 von einer chinesischen Webliste zur schönsten Fernsehdame für Finanznachrichten gekürt wurde. Entsprechend stehe sie hier heute nicht als bekannte Fernsehpersönlichkeit, sondern als Privatperson: "Ich bitte Sie, mir eine Minute Ihrer Zeit zu schenken."

Dass die präsenten Sicherheitskräfte der 38-Jährigen keine Zeit schenken wollten, hinderte Hu Ziwei nicht daran fortzufahren. "Lassen Sie mich los", rief sie, während sie sich am Podium festkrallte. Dann legte sie richtig los: "Heute ist ein besonderer Tag für den Olympia-Kanal. Und ein besonderer Tag für Mister Zhang Bin. Auch für mich ist es ein besonderer Tag. Denn vor zwei Stunden habe ich erfahren, dass mein Mann seit Längerem eine ungebührliche Beziehung zu einer anderen Frau unterhält."

Die betrogene Ehefrau redete sich in Rage

Während Ehemann Zhang unbeholfen um seine Frau herumtänzelte - sichtlich nicht wissend, was er tun sollte -, setzte die für den Pekinger Sender Beijing TV moderierende Ziwei ihre spontane Ansprache fort und redete sich in Rage: "Nächstes Jahr ist Olympia, und die ganze Welt wird nach China schauen. Es gibt einen französischen Auslandsdiplomaten, der meinte: "Wenn die Chinesen nicht beginnen, auch gewisse Werte ins Ausland zu importieren, was ist der Wert von dem allem? Was soll das Ganze dann überhaupt?"

Spätestens in diesem Moment waren die chinesischen Veranstalter vollends alarmiert. Mehrere Männer versuchten nun energisch, Hu Ziwei von der Bühne zu entfernen. Die aber wehrte sich: " Ist das die Art, eine schwache Frau zu behandeln? Können wir uns nicht alle benehmen?" Und sie setzte hinzu: "Bevor China nicht beginnt, die eigenen Werte zu exportieren, wird das Land auch nie zu einer echten Weltmacht werden. Was uns hier vorgesetzt wird, wirkt so wunderbar. Aber auf der anderen Seite besitzt ein Mann wie Zhang Bin nicht einmal den Anstand, seiner verletzten Frau gegenüber zu treten und ihr ins Gesicht zu schauen." Während ein Anwesender der Moderatorin zurief, ob diese Ansprache denn sein müsse, meinte diese: "Wissen Sie, wir sind weit davon entfernt, ein großartiges Land zu sein." Dann endete Hu Ziwei mit den Worten: "Ab morgen gehen die meisten von uns für ein paar Tage in Urlaub. Zhang Bin und ich definitiv nicht." Zhang Bin blieb nur noch, ein verlegenes "Tut mir leid!" in die Menge zu stammeln.

Die Zensur ist hilflos

Eigentlich wäre es das gewesen in China. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde die Zeremonie aufgezeichnet und nicht live gesendet - und natürlich wurde der Vorfall nicht ausgestrahlt im Fernsehen, sondern herausgeschnitten. Da war es aber bereits zu spät, um den delikaten Vorfall unter den Teppich zu kehren. Alles Flehen eines umsichtigen Anwesenden beim ganzen Trara - "Bitte machen Sie keine Bilder" - hatte nichts geholfen. Die Kameras hatten geklickt, die anwesenden Journalisten fleißig mitgeschrieben. Schon bald kursierten erste Meldungen und Bilder im Internet.

Es kam noch schlimmer: Eine besonders aufmerksame Person aus dem Reich der Mitte war auf die Idee gekommen, das Geschehen per Handy aufzuzeichnen - und online zu stellen. Obwohl umsichtige chinesische Zensoren das Filmchen relativ rasch von den "Video Sharing"-Websites tudou.com and sina.com entfernten - war doch alles zu spät: Der dreiminütige Film ist inzwischen der erste Clip-Bestseller 2008 im World Wide Web. Er wurde hunderttausendfach angeklickt. Und wird es weiter - Youtube und Co. sei Dank.

Chinas Blogger geben sich furchtlos

Chinas Blogger sind nicht nur furchtloser als der Rest der Bevölkerung, sondern traditionell auch recht interessiert am Privatleben ihrer Moderatoren. Viele freuen sich vor allem über die Demütigung des - etwas fülligen - Zhang Bin. In manchmal gewöhnungsbedürftiger Sprache: "Dieser fette Bastard, jetzt setzt er nirgendwo mehr einen Fuß auf den Boden." Der Gescholtene entschloss sich zu einem öffentlichen - und natürlich auch gleich wieder gelöschten - Statement in eigener Sache. Der Internetauftritt fiel peinlich aus: Zhang behauptete, das Verhalten seiner Noch-Frau habe mit beruflichem Stress zu tun gehabt. Ganz China lachte.

Zumindest partiell könnte Hu Ziweis Rundumschlag allerdings tatsächlich berufliche Gründe haben. Noch vor einem halben Jahr war sie bei ihrem Haussender Beijing TV nicht für Olympia zuständig. Stattdessen war sie Moderatorin und Produzentin eines sehr bekannten und erfolgreichen TV-Journals. Dort wurde Anfang Juli ein mit versteckter Kamera gefilmter Bericht über eine Pekinger Garküche gezeigt. Die Bilder waren recht unappetlicher Natur. Gedämpfte Wecken wurden mit einer in Lauge und Fleischextrakt aufgeweichten Pappe gefüllt, das ganze sei Usus. Eigentlich gehört in die "Baozi" Schweinefleisch.

Anderer TV-Skandal kam Behörden gelegen

Der Bericht sorgte für einen Aufschrei in der chinesischen Öffentlichkeit. Drei Tage später lief die Ekel-Enthüllungsstory im nationalen Kanal CCTV, zu dem auch der Sportsender CCTV 5 gehört. Noch einmal sechs Tage später ruderte Beijing TV zurück. Ein Dementi und eine Entschuldigung wurden ausgestrahlt. Der Bericht sei von dem zuständigen Reporter inszeniert worden. Der Sender zog sämtliche bisherigen Mitarbeiter von der Sendung ab, inklusive der Gesamtverantwortlichen Hu Ziwei.

Keine Frage: Eine Fälschung war es wohl. Doch Fakt ist auch, dass der Skandal Chinas Zensurbehörden äußerst gelegen kam. Der Parteitag der Kommunistischen Partei stand unmittelbar bevor. Und so mutmaßten viele Blogger, ob der Baozi-Skandal vielleicht von staatlicher Seite in Szene gesetzt wurde, um die Medien danach umso besser auf Linie bringen zu können. Wurde die betrogene Ehefrau Hu Ziwei zum Opfer einer noch viel größeren Inszenierung - und holte deshalb zum medialen Rundumschlag aus?"

TV-Moderatorin Ziwei ist kein Unschuldslamm

Ein Unschuldslamm sei die resolute Dame allerdings auch nicht, finden manche chinesische Blogger - zumindest was die Liebe zu ihrem korpulenten Kollegen angeht. "Sie wusste doch, dass dieses Dickerchen sich wegen ihr von seiner Exfrau scheiden ließ", bekommt auch Ziwei ihr Fett weg. "Also hätte sie sich auch denken können, dass es ihr eines Tages selbst so geht." Einst, so heißt es, habe Ziwei ihre Beziehung zu Zhang Bin zu einem Zeitpunkt forciert, als dieser noch mit seiner ersten Frau verheiratet war. Der chinesische Blogger Icorbie schimpft: "Jetzt weiß sie, wie sich so etwas anfühlt. Ein paar Jahre vorher hat eine andere Frau ähnliche Tränen geweint."

Es gibt Gerüchte im Netz, dass Hu Ziwei ihre Vorgängerin in einem Fall körperlich angriff. Eines darf als gesichert gelten nach ihrem furiosen Auftritt: Hu Ziwei ist nicht zimperlich. Neben der Moderatorin hat nun auch Gatte Zhang ein Problem. Bei einer Sportsendung am Wochenende, die der Fernsehstar bisher immer moderierte, glänzte er bereits durch Abwesenheit. Jetzt ist die Frage, ob er noch einmal zurückkehrt. Zusammengefasst: Hu Ziwei und einige mutige chinesische Blogger haben China den ersten großen Olympiaskandal beschert. Und zwar ganz anders als gedacht - diese Affäre hat rein gar nichts mit Doping zu tun.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 15)
 
Barthez007 (03.01.2008, 11:14 Uhr)
wo bleibt die Pointe?
ich wundere mich über diesen Artikel und seine Wichtigkeit für den Stern Leser. Ich finde diesen Bericht ist nicht die Zeit Wert, die die Leser vegeuden um ihn zu lesen und auch nicht die des Stern Redakteurs. Müssen Sie jetzt alles aus China kritisieren auch, wenn es nicht mal Wert ist?
redunicorn (02.01.2008, 22:08 Uhr)
Nee,
seh ich anders. Ich finde es interessant wie sich Chinas Menschen von "Mao's Ameisen" zu Individuen entwickeln bzw. schon haben. Und wenn auch Privatfehden nicht ins TV gehören, lustig wars allemal, auch mutig, wie die Zensur umgangen wurde.
Offtopic: Mut stände auch dem Stern-Wettbewerber Spiegel gut an, anstatt vor dem Urteil des Hamburger LG zu kuschen, und Beiträge nur nach Freischaltung durch einen Moderator zu veröffentlichen. Naja.
Licorice (02.01.2008, 19:36 Uhr)
Der eigentliche Skandal...
Ich kann dem Beitrag von Pastafari nur zustimmen und ihn noch einmal hervorheben:
"Während solch ein Eifersuchts-Geschichtchen als "Olympiaskandal" bezeichnet wird und auch noch als Top-Story für Stern Online dient, schaffen es wirkliche Skandale wie Verhaftungen von Menschenrechtlern es höchstens als Mini-Beiträge in die Rubrik "Panorama"."
Isla (02.01.2008, 18:11 Uhr)
Mutig!!
..und absolut kein Unsinn noch eine Bagatelle, auch, wenn viele es gerne zur Bagatelle machen würden..wollen. Genau die scheinbar "unwichtigen" Dinge werden nämlich oft bagatellisiert und die ach so " wichtigen" dummerweise beklatscht und bejubelt. Heucheleien und Lügen sind in unserer Welt ja scheinbar normal, Wahrheit wird als unnormal empfunden. Bravo!-
pups (02.01.2008, 17:13 Uhr)
Guennie04
Hallo wer sich immer hinter diesen Namen Guennie04 verbirgt,man sollt die Kirche mal im Dorf lassen.Wie sollten froh sein das es noch solche Internet Platformen gibt wie Stern de oder die Zeitschrift Stern an sonsten sähe es sehr trostlos in unser Zeit aus, oder sehen Sie kein Fernsehen da verdumt im große Stil und wenn in eine Land wie China in dem ich selbst schone gewesen bin immer so tu als wollen Sie und die perfekten Spiele bieten dann müssen auch solche berichte her um zu zeigen das man nichts mehr verheimlichen kann uned das ist auch gut so denn verarschen könne wir uns selbst. Das tun die Chinesen bei den Olymischen Spiele in diesem mit sicherheit noch oft genug .
climate-swindle (02.01.2008, 16:57 Uhr)
Zeitverschwendung
...das zu lesen. Der Autor räumt wohl besser seinen Schreibtisch für diesen Schwachsinn.
ikaron (02.01.2008, 16:13 Uhr)
Skandal hin oder her
...muss ich dennoch den Stern in Schutz nehmen. Auch wenn das Thema einigen nicht spektakulär genug zu sein scheint, hier wurde in jedem Fall mal die andere Seite beleuchtet - die junge Dame hat´s selbst faustdick hinter den Ohren. Eine Tatsache die zu recherchieren sich nicht jeder die Mühe gemacht hat.
Was allerdings die Fotos nebst Untertiteln angeht, das ist reisserisches Bild-Level, das hätte nicht sein müssen. Da sollten wir uns unsere eigenen Spitzensportler mal zu Rate ziehen, und mal dort nachfragen wie diese denn trainieren mussten.
CeeTo (02.01.2008, 16:00 Uhr)
-.-
lol
interessiert das jemanden im Hinblick auf die olympischen Spiele? ich glaube nicht. Das gibt es in China sicher wichtigeres zu kritisieren.
Ragism (02.01.2008, 15:55 Uhr)
China
Skandalös, wie schlampig die chinesischen Zensurbehörden da arbeiten! Wie sollen denn so auf zuverlässige Weise ein realistisches Bild dieses prachtvollen Staates entstehen? Das strahlende China soll schließlich in die Welt exportiert werden, die Olympiade soll China wieder beliebt machen. Wenn da solche Peinlichkeiten passieren, was soll die Welt nur davon halten? Ich verlange mehr Zensur, sofort!
Guennie04 (02.01.2008, 15:55 Uhr)
Es war ein schwerer Schlag für mich diesen Unsinn zu lesen!
Habt Ihr in Eurer Redaktion keine anderen Schlagzeilen oder ist euch der Stoff ausgegangen. Es rührt einen zum Weinen, diesen hanebüchenen Unsinn auch noch im Internet vorgesetzt zu bekommen. Schande über euch. Dasselbe gilt auch für die Fotos. Fahrt mal nach München in die Werbestudios und schaut euch da mal um, was deutsche Mütter alles unternehmen um mit ihren Kiddies zu Ruhm und vor allem zu Geld zu kommen.
Oder fragt doch mal Herrn Becker (sBobberle) wie er als Kind zum Training gejagt wurde damit aus ihm mal was wird.
Ich habe so den Eindruck als ob der Startschuss für de Diffamierung der Olympischen Spiele gegeben wurde. Naja, dann werde ich mir wohl eine andere Startseite aussuchen, wenn das so weitergeht. Schämt euch, hoffentlich das letzte mal in diesem Jahr.
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