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München setzt zum Schlussspurt an

München will Olympia 2018 und fährt groß auf beim IOC-Treffen in Durban. Dabei stehen die Chancen ohnehin nicht schlecht. Was vor Wochen noch undenkbar schien, ist möglich.

Von Sebastian Kemnitzer

Sie können gut präsentieren, das wissen sie. Trotzdem üben sie seit Wochen. Damit jeder Gesichtsausdruck sitzt, jede Sekunde in der finalen Präsentation die knapp 100 stimmberechtigten IOC-Mitglieder überzeugt, für München und damit gegen Pyeongchang und Annecy zu stimmen. Am Mittwoch um 8.45 Uhr ist es soweit: Dann präsentieren Eisprinzessin Kati Witt und Deutschlands oberster Sportfunktionär Thomas Bach in Durban 45 Minuten lang das Münchner Konzept.

Die Münchener haben in Südafrika groß aufgefahren: Mit von der Partie sind Bundespräsident Christian Wulff, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, einige Wintersportler - und Franz Beckenbauer als der vielleicht entscheidende Trumpf. Der Kaiser hat bereits die WM 2006 quasi im Alleingang nach Deutschland geholt. Am Mittwoch soll er für emotionale Momente sorgen, den IOC-Mitgliedern klar machen: "Wir können wieder so ein rauschendes Fest feiern." Ob München den Zuschlag erhält, entscheidet sich gegen 17 Uhr Dann öffnet IOC-Präsident Jacques Rogge den Umschlag und spricht die entscheidenden Worte: "Die Olympischen Spiele 2018 gehen nach …"

Vor ein paar Wochen wäre die Antwort sicher gewesen: Pyeongchang. Die Südkoreaner bewerben sich bereits zum dritten Mal hintereinander um die Winterspiele – zweimal sind sie äußerst knapp gescheitert. Weiterhin spricht vieles für die Kleinstadt 180 Kilometer östlich von Seoul: Die Südkoreaner haben Geld, viel Geld – Samsung und anderen potenten Unternehmen sei dank – und erfüllen dem IOC jeden Wunsch. Bis zu den Spielen 2018 sollen noch einmal viele Milliarden Dollar fließen, unter anderem für eine Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Seoul und ein Wintersportprogramm. Die Südkoreaner werben mit dem Slogan "Neue Horizonte" – der Slogan ist gleichzeitig ihr Hauptargument: Das IOC kann in Asien viel Geld verdienen, der Wintersport spielt (noch) keine große Rolle.

Was für München spricht

Deutschland dagegen liebt den Wintersport: Erst erlebte das Skispringen einen Boom, seit ein paar Jahren fiebern Millionen Deutsche beim Biathlon mit. Viele Wettkämpfe sind ausverkauft, die Athleten lieben die Stimmung. Auf eben jene Athleten setzt München. "Wir bieten ein optimales Umfeld für die Athleten", sagte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympisches Sportbundes stern.de. Auf der letzten Pressekonferenz vor dem Abflug nach Durban strahlten er und Kati Witt um die Wette. Beide setzen auf den Endspurt, wollen bei der Kür in Durban überzeugen. "Es gab noch nie so viele Unentschlossene", ist sich Kati Witt sicher.

Natürlich muss sie das sagen, doch die Aussage macht Sinn: Die vergangenen Wochen hat München oft die richtigen Töne getroffen, ordentlich an Boden gut gemacht. Einige Beobachter, so zum Beispiel der IOC-nahe Internet-Branchendienst Around the rings, sehen München mittlerweile sogar in der Favoritenrolle.

Die Deutschen haben bei internationalen Präsentationen gepunktet. Kati Witt selbst spielt eine wichtige Rolle. Sie macht das, was sie am besten kann: Sie strahlt und lacht, begeistert mit ihrem Charme die internationalen Sportfunktionäre. Aber es gibt noch mehr Gründe: Den Olympiaplanern ist es gelungen, das knappe Ergebnis des Bürgerentscheids in Garmisch-Partenkirchen als Rückenwind zu vermarkten. "Wir sind die einzige Bewerbung mit Bürgervotum", sagt Thomas Bach mittlerweile oft. Außerdem betont die Bewerbungsgesellschaft nun häufiger die große Wintersporttradition in Deutschland - auch, dass gerade deutsche Unternehmen den Wintersport massiv unterstützen. Die Olympiaplaner machen also einen besseren Job.

Was gegen Pyeongchang spricht

Doch auch international hat sich der Wind gedreht: Konkurrent Pyeongchang hat eine Rüge wegen umstrittener Sponsorenverträge bekommen. Ein weiteres Argument für München: Tokio will die Olympischen Sommerspiele 2020 ausrichten – zweimal hintereinander Spiele in Asien sind äußerst unwahrscheinlich und mit Spielen in Japan könnte das IOC nach der Atomkatastrophe ein symbolisches Zeichen setzen. Folgende Reihenfolge würde Sinn machen: Erst Altbewährtes in Deutschland, dann emotionale Spiele in Japan und 2022 auf zu neuen Ufern.

Thomas Bach gilt als einflussreich – schließlich ist Bach auch Vizepräsident des IOC. Doch genau das macht ihn auch angreifbar: Kritiker sagen, dass er die Münchner Bewerbung dazu benutzt, seine eigenen Chancen auf den IOC-Chefposten zu steigern. Beides zusammen aber, Olympia 2018 und Bach als IOC-Präsident, ist nicht denkbar.

Wie wirkt das Bürgervotum nach?

Daneben bleibt fraglich, welche Wirkung die Olympiagegner entfaltet haben. Das IOC war nicht begeistert über die niedrigen Zustimmungsraten in Deutschland. Zuletzt ließen die Olympiagegner ein Rechtsgutachten über den Olympia-Vertrag erstellen, den der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) im Falle des Zuschlags um 17.30 Uhr unterzeichnen darf. Ihr Fazit: sittenwidrig und rechtsunwirksam. Ude gab sofort kontra und sprach von Rechtssicherheit. So läuft es meistens: Die Olympiagegner sprechen von Green-Washing, die Olympiaplaner von grünen Spielen. Die Olympiagegner befürchten ein Milliardengrad, die Planer sprechen von Milliarden Euro Gewinn. Fazit: Das IOC dürfte auf jeden Fall bemerkt haben, dass in Deutschland beim Stichwort Olympia nicht alle "Hurra" schreien.

Ob es darauf ankommt? Vermutlich nicht. Viele IOC-Mitglieder werden sich spontan entscheiden. Das liegt vor allem daran, dass viele von ihnen keinen Bezug zum Wintersport haben. Ein paar Stimmen wird Annecy bekommen; das gebührt der Respekt. Ansonsten gilt der französische Ort als chancenlos. Die IOC-Mitglieder müssen sich entscheiden: Altbewährtes oder neue Märkte, München oder Pyeongchang. Abgestimmt wird per Knopfdruck, das Ergebnis kommt in dem bekannten Umschlag. Egal, wie es ausgeht: An der Präsentation hat es nicht gelegen, dazu wurde viel zu viel geübt. Und schließlich war der Kaiser auch noch da.

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