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4. Juli 2006, 22:26 Uhr

Der Traum ist aus

Was für eine Trauer: In einem dramatischen Halbfinale unterlag die Klinsmann-Elf Italien in der Verlängerung mit 0:2. Wenige Sekunden fehlten zum Elfmeterschießen. Von Klaus Bellstedt, Dortmund

Miroslav Klose im Kopfballduell mit Gianluca Zambrotta© Luca Bruno/AP

Jürgen Klinsmann schickte im Halbfinal-Klassiker gegen Italien eine im Vergleich zum Argentinien-Spiel auf zwei Positionen geänderte Startformation ins Rennen: Für den gesperrten Torsten Frings rückte wie erwartet Lokalmatador Sebastian Kehl in die Mannschaft. Und für den zuletzt etwas überspielt wirkenden Bastian Schweinsteiger begann Tim Borowski. Die "Squadra Azzurra" weiter ohne den verletzten Nesta, dafür aber wieder mit Mauro Camoranesi in der ersten Elf. Die Stimmung kurz vor dem Anpfiff im Dortmunder WM-Stadion schien überzukochen, als beide Teams bei tropischen Temperaturen den Rasen in der stimmungsvollsten Arena der Republik betraten. Ein großes Spiel, vielleicht das Spiel der WM, konnte beginnen.

Intensive Anfangsphase in Dortmund: Beide Mannschaften versuchten von Beginn an, das Spiel an sich zu reißen. Sowohl Ballack auf deutscher, als auch Totti auf italienscher Seite bemühten sich, Linie in die Bemühungen zu bringen. Das gelang dem Regisseur der "Azzurri" zunächst besser, wobei Totti auch selber den Abschluss suchte, wie in der 3. Minute, als er einen Freistoß auf das Tor der Gastgeber zirkelte - Jens Lehmann aber sicher abfing. Italien erwischt den besseren Start, kombinierte auch in der Folgezeit ansehnlich durch die eigenen Reihen und hatte neben Totti im einzigen Angreifer Luca Toni seinen auffälligsten Akteur. Der Stürmer vom AC Florenz beschäftigte die deutsche Hintermannschaft fast im Alleingang, allerdings ohne echte Torgefahr auszustrahlen.

Schneider mit Riesenchance

Die Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann brauchte etwa eine Viertelstunde, um die Anfangsnervosität gänzlich abzulegen. Tim Borowski war es, der das Heft in dieser Phase in die Hand nahm und die Stürmer Podolski und Klose in Szene zu setzen versuchte. Schrecksekunde dann in der 17. Minute: Nach einem Zuckerpass von Totti tauchte Perrotta plötzlich allein vor Lehmann auf, aber der deutsche Goalie stürzte aus seinem Kasten und begrub die Kugel im Nachfassen unter sich. Auf der Gegenseite sorgte kurz danach Podolski für Torgefahr. Poldi versuchte es mit einer Direktabnahme (nach schöner Vorarbeit Kehl), doch sein Seitfallzieher landete im Oberrang.

Das Tempo in diesem Halbfinale blieb auch nach einer halben Stunde weiter hoch, wobei sich die Italiener mehr und mehr ein leichtes optisches Übergewicht erspielten. Und prompt durch den brandgefährlichen Toni aus kurzer Distanz auch die nächste Torchance zu verzeichnen hatten. Der Angreifer kam in dieser Szene aber doch eine Sekunde zu spät an den Ball, Metzelder konnte klären (31.). Dann die 34. Minute: Nach wunderschöner Kombination über Klose und Podolski war es der aufgerückte Schneider, der freie Bahn zum Tor hatte, jedoch viel zu überhastet abschloss. Das Leder strich einen halben Meter über die Querlatte. Da hätte man mehr draus machen können.

Starker Wiederbeginn des DFB-Teams

Kurz vor dem Halbzeitpfiff wog das Spiel hin und her, beide Teams suchten weiter den direkten Weg zum gegnerischen Gehäuse, es entwickelte sich die erwartete Nervenschlacht. Während Italien bis zur Pause cool und lässig aus der eigenen Abwehr agierte und auch nach vorne gute Ansätze zeigte, versuchte es die deutsche Nationalelf zunehmend über die Außenpositionen, um so die bei hohen Flanken anfällig wirkende Defensive der "Squadra" in Verlegenheit zu bringen. Das gelang jedoch nur in Ansätzen, so dass es nach 45 Minuten beim leistungsgerechten 0:0-Unentschieden blieb.

Beide Mannschaften machten nach dem Wechsel da weiter, wo sie kurz zuvor aufgehört hatten: Mit schnellem schnörkellosem Spiel in die Spitze. Erst war es Miro Klose, der nach einem sehenswerten Alleingang in letzter Sekunde vom Ball getrennt wurde, auf der Gegenseite fand Grosso nach einer ähnlichen Szene in Jens Lehmann seinen Meister (50./51.). Das war hier jetzt Action pur, ein offener Schlagabtausch. Kurz danach waren wieder die Deutschen am Drücker: Erst versuchte es Lukas Podolski mit einem Schuss aus der Drehung, den Buffon allerdings parierte, den Abpraller nahm Arne Friedrich direkt und hämmert aus 16 Metern über das Tor, eine Stunde war da gespielt. Und irgendwie lag jetzt die Führung für die Klinsmänner in der Luft.

Klinsmann "zündet" Geheimwaffe Odonkor

Die Italiener schienen nun ihrem hohen Tempo aus dem ersten Abschnitt Tribut zollen zu müssen. Ihre Angriffe wurden nur noch selten zu Ende gespielt. Allerdings wurde mit zunehmender Spieldauer auch klar: Hier standen sich zwei Teams gegenüber, die sich mehr und mehr neutralisierten. Neuen Schwung auf deutscher Seite sollte die Einwechslung von Bastian Schweinsteiger (für Tim Borowski) bringen, genauso wie die auf der Gegenseite von Alberto Gilardino für Luca Toni.

Aber daraus wurde zunächst nichts. Die Partie lebte nun fast ausschließlich von der Spannung, blieb ohne große Höhepunkte, geprägt von viel Vorsicht und Taktik. Allen war jetzt klar: Gut zehn Minuten vor dem Ende einer kurzweiligen und dennoch ereignisreichen zweiten Hälfte würde das erste Tor die Entscheidung herbeiführen. Und Jürgen Klinsmann setzte tatsächlich alles auf eine Karte und brachte mit Flügelsprinter David Odonkor für den defensiveren Bernd Schneider eine weitere Offensivkraft. Nicht noch einmal sollte es in die Verlängerung gehen.

Zweimal Aluminium für die "Azzurri"

Sechs Minuten vor dem Ende dann noch einmal einer dieser berühmten Nadelstiche der "Azzurri", als urplötzlich und wie aus dem Nichts Perrotta allein auf Jens Lehmann zustürmte, der sich aber auf dem Posten zeigte und per Hechtsprung rettete. Das war eine äußerst prekäre Situation. Danach beschränkten sich die WM-Halbfinalgegner wieder darauf, bloß keine Fehler mehr zu machen. Keine Spur von einer durchdachten Schlussoffensive, jetzt wollte man sich nur noch in die Verlängerung retten. Und dieser Plan ging auf, nach exakt 93 gespielten Minuten pfiff Schiedsrichter Archundia die Partie ab. Es ging in die Extra-Time!

Und fast die kalte Dusche für die deutsche Nationalelf: Zwei Minuten waren in der Verlängerung gespielt, als Gilardino auf der rechten Seite Metzelder vernaschte und auch zum Abschluss kam, sein Schuss jedoch vom Innenpfosten zurück ins Spiel prallte. Was für eine dicke Chance für die Italiener, die sofort nachsetzten und kurze Zeit später durch einen Distanzschuss von Zambrotta ihren nächsten Aluminiumtreffer zu verzeichnen hatten. Jetzt war es glückliches 0:0 für das DFB-Team, das sich nur langsam von diesem Doppelschock erholte. Erst kurz vor Ablauf der ersten Hälfte der Verlängerung blitzte noch einmal das Offensivpotenzial der Mannschaft von Jürgen Klinsmann auf. David Odonkor hatte sich auf der rechten Seite durchgetankt und flankte in die Mitte. Lukas Podolski schraubte sich mustergültig hoch, verpasste aber mit seinem Kopfball das Gehäuse doch um gut einen Meter. Es wurden erneut die Seiten gewechselt.

Grosso trifft kurz vor dem Ende

Das Taktieren hatte nun ein Ende: Die Partie wurde immer hitziger mit Chancen auf beiden Seiten: Zunächst war es der eingewechselte Del Piero, der die halbe deutsche Defensive narrte, aber nicht zum Abschluss kam. Wenig später nach einem Konter hätte aber auch auf der Gegenseite das 1:0 fallen können, ja müssen. Völlig freistehend scheiterte jedoch Lukas Podolski aus aussichtsreicher Position am überragenden Buffon, der irgendwie noch seine Fäuste dazwischen bekam (112.). Es ging rauf und runter, was für eine Nervenschlacht! Der nächste Hochkaräter nun wieder auf Seiten der Italiener, aber Lehmann fischte den Ball von Pirlo aus dem Winkel. Dann aber war es um die deutsche Mannschaft geschehen: Fabio Grosso kam im 16-Meter-Raum an den Ball und zirkelte die Kugel unhaltbar für Jens Lehmann ins lange Eck, 1:0 für Italien (120.). Ein letztes Mal rannte die deutsche Mannschaft an - vergeblich. Stattdessen machte Alessandro Del Piero in der letzten Szene dieses atemberaubendes Halbfinal-Thrillers den Sack endgültig zu, als er dem deutschen Keeper keine Chance ließ und eiskalt zum 2:0 für die "Squadra Azzurra" vollendete.

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Von Klaus Bellstedt, Dortmund
 
 
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