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Stiftung Stern

Wie Ihre Spenden Flüchtlingskindern helfen

Für eine ARD-Reportage hat Reinhold Beckmann die Jesiden im Nordirak besucht. Ein Volk, das an Hunger, Kälte und der Angst vor dem Islamischen Staat leidet - und dem Ihre Spendengelder konkret helfen.

  Die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge im Nordirak leben, sind alles andere als ideal - gelinde gesagt

Die Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge im Nordirak leben, sind alles andere als ideal - gelinde gesagt

Er ist immer noch sichtlich angefasst von dem, was er nahe der türkischen Grenze im Irak gesehen hat. Oft gehen Reinhold Beckmanns Gedanken zurück zu den jesidischen Flüchtlingen, die dort im Freien leben müssen; mitten im Winter immer noch ohne Heizung, ohne Decken, ohne ärztliche Versorgung. Zwei Wochen war er unterwegs für den ersten Film seiner neuen Reportage-Reihe "#Beckmann" im Ersten, gemeinsam mit seinem Co- Autor Helmar Büchel. Jetzt ist er zurück in Hamburg, trägt grauen Kapuzenpullover und helle Jeans, er empfängt in seinem Büro und zeigt auf dem Laptop Ausschnitte seines Filmmaterials. Ihm sei aufgefallen, sagt er, dass hier in Deutschland die Propaganda-Videos des Islamischen Staats (IS) alle anderen Nachrichten aus der Region verdrängen. Beckmann glaubt, wir alle seien geblendet von diesen perfekt inszenierten Filmen des IS mit ihrer gnadenlosen Brutalität. Er möchte diesen Videos etwas entgegenstellen: die Bilder der Opfer.

  Beckmann ist immer noch schockiert über die Zustände, unter denen die Flüchtlinge im Nordirak leben müssen.

Beckmann ist immer noch schockiert über die Zustände, unter denen die Flüchtlinge im Nordirak leben müssen.

Herr Beckmann, man kennt Sie als Gastgeber einer Talkshow und als Moderator der "Sportschau". Warum gehen Sie neuerdings dahin, wo es wehtut?

Die Idee dazu entstand in einer meiner letzten Talkshows, als Songül Tolan zu Gast war. Songül Tolan ist eine junge Jesidin aus Oldenburg; sie hat bei ihrem Besuch sehr eindringlich über den Exodus der Jesiden im Irak gesprochen. Das Thema hat uns damals sehr berührt.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit und zumeist Kurden; sie fliehen vor dem IS, der sie als "Ungläubige" verfolgt und ermordet.

Ich glaube, uns allen war gar nicht klar, wie groß ihre Gemeinden hier in Deutschland sind. Wir blieben mit Songül in Kontakt, ich habe dann die Jesiden in Oldenburg besucht.

Und dann reisten Sie mit ihr in den Irak.Wie erlebten Sie die Situation vor Ort?

Wie es dort wirklich aussieht, das hatte auch Songül Tolan sich so nicht vorgestellt. Wir wollten nach Sachu unweit der türkischen Grenze und mussten Mossul umfahren, weil die Stadt vom IS kontrolliert wird. Auf dem Weg hatten wir einige Checkpoints zu passieren. Außerhalb von Sachu stießen wir dann auf ein Camp, in dem 2800 Jesiden unter schlimmsten Bedingungen in Betonruinen hausen müssen.

Wie muss man sich das Leben dort vorstellen? Es ist jetzt bitter kalt dort, nachts sogar bis zu minus zehn Grad. Und es regnet viel. Eine vergessene und vertriebene Gemeinde kämpft dort um ihr Überleben. Etwas besser ist die Situation in Khanke, einem UNHCR-Camp mit etwa 30 000 Flüchtlingen, wo auch Angelina Jolie kürzlich war. Natürlich sind auch dort zu wenig Toiletten und Duschen, aber es gibt zumindest Zelte, Essen, medizinische Hilfe und Menschen, die sich kümmern. Wir sprachen mit einem Nepalesen, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat: Er baut und organisiert Flüchtlingsdörfer und sagte, er habe die größte Scheiße gesehen – aber das hier sei schlimmer als alles zuvor.

Warum?

Weil viele Flüchtlinge in ihrer Not allein gelassen werden. Wie die Menschen in den Betonruinen von Sachu. Die Bedingungen dort sind unerträglich. Babys schlafen auf Betonböden, bestenfalls eine dünne Decke drunter. Du gehst von Familie zu Familie, und alle berichten von schrecklichen Erlebnissen.

Zum Beispiel? Da sind Frauen, die von den IS-Milizen auf der Flucht vergewaltigt wurden, aber das Wort Vergewaltigung fällt nicht, weil sie es nicht aussprechen können. Sie formulieren es anders und sagen: "Man hat uns die Ehre genommen." Dann sind da die vielen Männer, allein in tiefer Trauer. Sie halten die Ausweise ihrer Frauen hoch. Etwa 5000 Frauen werden vermisst, vom IS entführt, versklavt und möglicherweise verkauft, nach Saudi-Arabien, Katar oder in den Jemen. Ein Mann zeigte uns ein Video in seinem Handy, ein altes Handy mit zersplittertem Display. Aber was man dahinter gerade noch erkennen und hören kann, ist ein Baby, das ruft und winkt. Dies ist das Einzige, was ihm von seiner kleinen Tochter geblieben ist. Ein letzter Ruf. Ein Nachruf. Sie wurde mit ihrer Mutter verschleppt, er weiß nicht, wo die beiden sind. Und dann sind da natürlich die Kinder …

Wie reagieren diese Kinder auf die Flucht, auf den Krieg?

Ich erinnere mich an zwei Jungen, 12 und 13. Die beiden hielten sich nur an den Händen fest. Sie haben auf der Flucht gesehen, wie ihre Eltern erschossen wurden. Die Kinder sind verstummt. Traumatisiert.

Sie begegneten unterwegs Pater Emanuel Youkhana, einem Geistlichen, der Flüchtlingen hilft. Pater Emanuel ist von der christlich-assyrischen Kirche; ein charismatischer Typ, hochgebildet. Er hat auch eine deutsche Geschichte: Priester der Assyrischen Kirche dürfen heiraten, er hat vier Kinder, die alle in Deutschland leben. Pater Emanuel ist im Irak geblieben und hilft jeden Tag. Mit seiner Organisation "Capni", die er mitgegründet hat. "Capni" wird von der Diakonie, der Caritas und auch Misereor beliefert. Wir zeigten ihm die Bilder aus dem Camp bei Sachu, das er nicht kannte, und sagten ihm, dass wir etwas für die Flüchtlinge dort tun müssen.

Der Pater organisierte eine Lieferung mit Decken, Kleidung und Benzin, die Sie selbst auslieferten. Tat es gut, helfen zu können?

Ja, angesichts der akuten Notlage im Camp konnten wir nicht einfach nur darüber berichten. Sondern mussten selbst mit anpacken.

Wie war es, als Sie nach Deutschland zurückkehrten? Sagen wir so: Keiner von uns im Team hat sich im Irak über die alltäglichen kleinen Widrigkeiten beschwert oder gestöhnt. Du veränderst dich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Du klagst nicht über ein Hotel, das keine Heizung hat, du wickelst dich halt mit zwei Decken ein und legst noch den Parka drüber. Man denkt gar nicht mehr daran, über irgendwas zu meckern.

Stöhnen wir hier zu viel?

Klar. Dreimal am Tag zum Therapeuten, viermal zur Physiotherapie und wenn es geht auch noch zum Chiropraktiker – natürlich stöhnen wir zu viel. Und merken es nicht mal, wie gut es uns geht.

Sie wurden nach Ihrer Reise erst einmal krank, von einem Erschöpfungssyndrom war die Rede. Richtig?

Blödsinn. Ich hatte eine kleine Grippe. Wir alle im Team kamen mit laufenden Nasen aus dem Irak zurück. Ich war leider so unklug und bin am nächsten Morgen zu meiner Schwimmtrainingsgruppe gegangen. Da habe ich wohl ein bisschen zu viel Wasser verdrängt. Jedenfalls lag ich danach ein paar Tage flach und musste eine "Sportschau" absagen. Mehr war es nicht.

Sie drehen künftig weiter Dokumentationen – werden Sie jetzt der neue Peter Scholl-Latour?

Nein, keine Sorge. Unsere zweite Reportage wird ganz anders sein. Ich darf noch nichts verraten. Ich fahre aber sicher nicht als Nächstes nach Afghanistan, in den Sudan und auch nicht nach Nigeria. Mittlerweile kann ich aber ein wenig verstehen, dass es Leute gibt, die oft in Krisenregionen unterwegs sind. Man stellt sich dort ganz existenziellen Fragen.

  Endlich Ruhe, endlich wieder spielen: Flüchtlingskinder im Nordirak

Endlich Ruhe, endlich wieder spielen: Flüchtlingskinder im Nordirak

Ihre Spenden für Kinder-Hilfsprojekte

Rund 50.000 Euro sind bei dem Spendenaufruf des stern für den Nordirak bislang zusammengekommen. Dafür schon einmal herzlichen Dank.

Die Summe werden für den Aufbau von drei "Child Friendly Spaces" in der Region verwendet - sichere Zufluchtsorte für Flüchtlingskinder. Die kinderfreundlichen Räume sollen den hohen Stress, den sie in der ihrer unsicheren Situation als Flüchtlinge ausgesetzt sind, reduzieren. Den Kleinen wird ermöglicht, ihre Zeit positiv und konstruktiv zu nutzen, um Neues zu erlernen und mit anderen Kindern zu kommunizieren. Durch ein angemessenes Bildungsangebot erhalten die Kinder Anreize, zu lernen und durch traumapädagogische Angebote können sie ihre innere Sicherheit wieder erlangen und ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten.

Die Eckdaten in Kürze

  • Kosten für drei "Child Friendly Spaces" in der Autonomen Region Kurdistan: rund 50.000 Euro.
  • Als Standortorte sind Semele, Zakho und Dohuk-Stadt in der Provinz Dohuk, weil sie besonders von der Flüchtlingssituation betroffen sind. Gedacht sind die Einrichtungen für Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren.
  • Organisiert werden die kinderfreundlichen Orte vom Christian Aid Program Northern Iraq (CAPNI), das sich seit dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2003 um Wiederaufbau und und Flüchtlingshilfe kümmert. Unterstützung bekommt CAPNI von der Stiftung Wings of Hope Deutschland, die Erfahrung in der Traumabewältigung einbringt.
Cornelia Fuchs/Ulrike von Bülow