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Stiftung Stern

Fürs Leben gestärkt

Vor einem Jahr berichtete der stern über Kinderarbeit
 in Bolivien – und Leser spendeten für die Ausbildung junger Frauen in La Paz. Was bringt die Hilfe? Ein Ortsbesuch 

Mónica Chura, 18, (vorne links) muss wie alle Stipendiatinnen seit Jahren arbeiten, um zu überleben 

Mónica Chura, 18, (vorne links) muss wie alle Stipendiatinnen seit Jahren arbeiten, um zu überleben 

Am Anfang waren sie noch fünf in Mónicas Familie. Dann haute der Vater ab, da waren sie nur noch vier. Dann starb die Mutter an Gebärmutterhalskrebs. Da waren sie noch drei: Mónica, 18, und ihre jüngeren
Geschwister Rubén, 16,
und Rocío, 9. Sie hatten nicht viel mehr als eine kleine Hütte und 11 500 Euro Schulden beim Krankenhaus.

„Ich bin gleichzeitig Mama und Papa“, sagt Mónica. „Und Brotverdiener. Und Hausfrau. Und Studentin. Das ist manchmal etwas viel.“

Es ist ein windiger, kalter Tag auf 3650 Meter Höhe in Boliviens Metropole La Paz. Mónica Chura hat ihre Geschwister in der Steinhütte in der Vorstadt zurückgelassen und ist mit dem Bus anderthalb Stunden zur Stiftung „Fundación La Paz“ gefahren, in ein Hinterhaus der Innenstadt. Hier nehmen 77 Mädchen an Workshops teil und erhalten ein Teilstipendium für ihr Studium, je 30 Euro im Monat. „Ohne diese Hilfe hätte ich nie studieren können“, sagt Mónica.

Wie alle hier ist Mónica Chura vom indigenen Volk der Aymara die Erste ihrer Familie, die zur Universität geht. Sie studiert Sozialwissenschaften im vierten Semester und hat beste Noten. Ihr Vater hatte kein Verständnis für so viel akademischen Ehrgeiz. Die Mutter war zwar einverstanden, bestand aber darauf, dass Mónica schon als Zehnjährige Geld verdient.

Also ging sie putzen und verkaufte Obst und bezahlte so ihre Schuluniform, Bücher, Hefte, Stifte und den Schulbus. „Ich bin stolz auf meine Arbeit als Kind“, sagt sie. „Aber meine Hoffnung ist es, als Akademikerin einmal besser zu verdienen und meinen Geschwistern ein Studium zu ermöglichen.“

Zwei Jahre haben die meisten jungen Frauen nun studiert, es ist Halbzeit. Nur drei von 80 sind abgesprungen, weil sie die Doppelbelastung von Schule und Arbeit nicht mehr bewältigen konnten. In der Stiftung bekommen sie Rechtsberatung und spielen Theater, sie halten öffentliche Reden und lernen, sich gegen häusliche Gewalt zu wehren, Boliviens größtes Problem.

„Ich musste mich gegen meinen Vater und drei Brüder durchsetzen“, erzählt Wilma, die Kommunikationswissenschaften studiert. „Die wollten, dass ich arbeite – nicht studiere. Heute sagt Vater voller Stolz, ich sei die Anführerin der Familie.“ Eugenia, die jedes Mal zwei Stunden vom Land anreist, erzählt: „Ich bin das einzige Mädchen in meinem Maschinenbaustudium. Aber trotz der Machosprüche habe ich die Angst abgelegt. Ohne das Stipendium müsste ich wählen zwischen Studium und Essen.“ An der Wand hängt der Spruch: „Ausbildung ist ein Menschenrecht – kein Privileg.“

Die Studentinnen wirken gefestigt und selbstbewusst. Hier in diesen Stunden holen sie sich die Rückenstärkung für das machistisch geprägte, oft rohe Leben in ihrem Dorf oder Viertel. „Fehlt nur noch, dass wir in Bolivien eines Tages eine Präsidentin haben“, sagt Mónica in die Runde. Kurz lachen sie, aber dann blicken sie sich an, als könnte es eine von ihnen sein.

Es ist schon dunkel, als Mónica aufbricht, anderthalb Stunden zurück in ihr Viertel, in eine andere Welt. Der Strom fällt aus, das Wasser ist abgestellt, eine baumelnde Puppe am Laternenpfahl warnt Diebe vor Lynchmorden. Mónicas kleine Schwester Rocío erwartet sie sehnsüchtig an der Tür, die Kleine ist den ganzen Tag allein zu Hause. „Wir sind so eng, wie man als Familie nur sein kann“, sagt Mónica.

Ein großes Dankeschön an unsere Leser. Da ihre Teilstipendien der Welthungerhilfe ausliefen, drohte ihnen das vorzeitige Ende des Studiums. stern-Leser spendeten mit enormer Großzügigkeit: 30.000 Euro konnte die Stiftung stern eins zu eins an die „Fundación La Paz“ weiterleiten. Mit dem Geld können die Stipendien weitergezahlt werden, um den Abschluss in Fächern wie Sozialarbeit, Management, Journalismus an einer Universität in La Paz zu ermöglichen – wo, wie die 18-jährige Mónica, sagt, „eine neue Generation weiblicher Führungskräfte heranwächst“.


Wir freuen wir uns über Spenden unserer Leser, um die Arbeit der „Fundación La Paz“ auch weiterhin unterstützen zu können.