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Stiftung Stern

Schreiben allein genügt nicht

Vor zehn Jahren wurde die Hamburger Arche gegründet. Seitdem unterstützt die Stiftung stern das Kinderprojekt.

50.000 Euro zum Geburtstag: Uli Hauser und Thomas Ammann vom stern, Bernd Siggelkow und Tobias Lucht von der Arche (v.l.)

50.000 Euro zum Geburtstag: Uli Hauser und Thomas Ammann vom stern, Bernd Siggelkow und Tobias Lucht von der Arche (v.l.)

Es waren die Leser. Immer wieder rie­fen sie an, schrieben, mailten. Nach Reportagen über durch Fluten zer­störte Dörfer, vergewaltigte Frauen im Krieg oder arme Kinder im rei­chen Deutschland, die nicht wussten, woher sie ein warmes Essen nehmen sollten. Es waren die Leser, die nach den großen Reportagen und den kleinen Geschichten, nach Bildern, die sie nicht ver­gessen konnten, von den Jour­nalisten wissen wollten, wie es nun weitergehe, und sagten, dass man doch nicht nur lesen und schauen dürfe, sondern auch etwas machen müsse. Es waren die Leser, die die „Stiftung – Hilfe für Menschen“ auf diese Wei­ se initiiert haben. Weil sie immer wieder nachfragten und weil sie wollten, dass wir, die stern-Reporter, Hilfe dahin bringen, wo wir selbst gewesen waren und gesehen hat­ten, dass diese Hilfe nötig ist und wie sie sorgfältig verwendet werden kann.

Aber was machen Sie mit 1000 Lesern, die das Milchgeld für den kleinen Paul be­zahlen wollen, der mit seiner Familie auf die Obdachlosenspeisung angewiesen ist? 999 Leser anrufen und sagen, dass Paul sein Milchgeld jetzt hat? 999 andere Pauls suchen, die in einer ähnlichen Situation leben? Wie bringen Sie Geld für misshan­delte Frauen in ein umkämpftes Gebiet, aus dem Sie gerade wieder ausgereist sind, um über misshandelte Frauen zu berich­ten? Wir sind Journalisten, keine Sozial­arbeiter, keine Entwicklungshelfer, wir betreiben keine Kriseninter­vention. Aber welchen Sinn hat Berichterstattung über Hunger, Not, über Kriege und Katastro­phen, wenn sich danach nichts ändert? Warum erzählen wir Geschichten?

Es war ein Team um die beiden damali­gen stern-Chefredakteure Thomas Oster­ korn und Andreas Petzold, das 2004 den Ver­ein „Stiftung stern – Hilfe für Menschen“ ins Leben rief. Osterkorn, heute Chefredak­teur der Zeitschrift „viva!“ und immer noch Mitglied der Stiftung, wollte sich auf das be­sinnen, was der stern kann: „Wir wollten den Lesern Antworten geben können. Wir woll­ten ihnen ermöglichen, auch kleine Projek­te direkt zu unterstützen, wir wollten ihnen konkret erzählen, wie Hilfe organisiert ist und wie sie funktionieren kann. Und wir wollten den Umgang mit Spendengeldern der Leser professionalisieren: inhaltlich, juristisch, steuerrechtlich.“ Und es war ein Pastor aus Hamburg­Jen­ feld, der vor zehn Jahren das Mädchen Jes­ sica zu Grabe trug. Jessica, 7, verhungert in einem abgedunkelten Zimmer in Hamburg, in dem sie ihr kurzes Leben verbringen musste, vernachlässigt und misshandelt von ihren Eltern, die selbst nie gelernt hatten, was ein Kind zum Leben braucht.

Pastor Thies Hagge wollte etwas ändern. Er eröffnete gemeinsam mit Bernd Siggel­ kow, dem Gründer des Kinderhilfswerks „Arche“ in Berlin, und dem Sozialarbeiter Tobias Lucht die „Arche“ in . Die Stiftung stern unterstützte das Projekt mit Spenden. Seit dem Jahr 2005 kamen fast eine halbe Million Euro zusammen. Tau­sende Kinder und Jugendliche haben seit­ dem in der Arche Zuflucht gefunden und Ermutigung, Ansporn und Trost. Am Sonn­tag feierten fast 1000 Gäste in der Hambur­ger Markthalle den zehnten Geburtstag der Hamburger Arche. Von dem Satz, dass sich ein Journalist mit keiner Sache gemein machen darf, auch nicht mit einer guten, hielt Stiftungsvor­stand Osterkorn schon zu aktiven Repor­terzeiten nicht besonders viel. „Es gibt eine stern-Tradition, die Henri Nannen in den 70er Jahren begründet hat, tief erschüttert von dem Leid hungernder Kinder in Äthio­pien“, sagt Osterkorn.

Für die Aktion „Ret­tet die Hungernden“ spendeten Verlag, Fir­men und Leser damals 18 Millionen Mark. „Wir machen keine Reportagen mit dem Ziel, Spenden zu sammeln“, sagt Osterkorn. „Aber wir ermuntern unsere Reporter, wenn sie vor Ort sind, sich nach geeigneten Pro­ jekten umzusehen, bei denen das Spenden­ geld unserer Leser sinnvoll angelegt ist. Es gibt viele Menschen, die möchten einzelne Projekte fördern und wissen, was daraus geworden ist.“ Insgesamt unterstützte die Stiftung stern in aller Welt mit fast 7 Millio­ nen Euro, davon 2,8 Millionen für Familien und Kinder in Not. Es sind die Leser, die das möglich machen. Immer wieder rufen sie an, schreiben, mailen: dass man nicht nur lesen und schauen darf, sondern etwas ändern muss.