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Stiftung Stern

Katastrophe mit Ansage

Im Südsudan verhindern Gewalt und Chaos Hilfe für Millionen Menschen. Dass Reformprogramme das Schlimmste verhindern können, zeigt der Nachbar Äthiopien 

Der kleine Both Tebg im UN-Lager der Hauptstadt Juba

Der kleine Both Tebg ist im UN-Lager der Hauptstadt Juba in Sicherheit. Vor allem Kleinkinder sterben an Unterernährung

George Forminyen fühlt sich ohnmächtig. Er sitzt in der südsudaneischen Hauptstadt Juba in einem Büro des World Food Programme (WFP) und verzweifelt: Acht Iljuschin-Transportflugzeuge besitzt seine Organisation im , auch Nahrungspakete haben sie hier. Doch helfen können er und seine Kollegen im
Moment nur 900000 Südsudanesen – acht Prozent der Bevölkerung. Am 20. Februar riefen die Vereinten Nationen eine Hungerkatastrophe in einigen Regionen des Landes aus. Zum letzten Mal geschah das 2011 in Somalia. Nun rufen ihn Reporter aus der ganzen Welt an, fragen: Wie können pro Monat Hunderte Südsudanesen an Unterernährung sterben – obwohl die Vereinten Nationen vor Ort sind?

Forminyen sagt, er könne schon seit einigen Wochen nicht mehr in den Norden reisen, zu gefährlich sei das. Seit 2013 tobt ein im Land, Friedensverhandlungen scheiterten. „Wir müssen tagelang mit den Milizen diskutieren, bevor wir zu hungernden Menschen fahren können.“ Und selbst wenn Forminyen und seine Kollegen einen Deal mit den Warlords ausgehandelt haben, ist der Transport nicht sicher. Bis zu 15 unterschiedliche Milizen könnten die WFP-Transporte noch aufhalten. Die Zeit drängt, sagt er. Denn in vier Monaten, während der Regenzeit, versinken die WFP-Laster im Schlamm:

60 Prozent der Wege werden unpassierbar.

Dort, wohin George Forminyen und die Kollegen nicht vordringen, verlieren die Menschen ihre letzten Reserven an die Milizen: ein paar Teeblätter, einige Bohnen, ihr letztes Huhn. Die bewaffneten Rebellen zwingen sie dazu, erklärt Südsudan-Expertin Mareike Schomerus. Wenn die Zivilisten dann vor der Gewalt fliehen, verlassen sie ihre Dörfer. Flüchtende bestellen ihre Felder nicht mehr. Ein Teufelskreis. Der tödliche Hunger, er ist nicht vom Wetterphänomen El Niño verursacht, sondern vom Menschen – von Milizen und Politikern. Im Südsudan hat es nie eine funktionierende Regierung gegeben. Investitionen und Reformen blieben aus. Im Nachbarland ist das anders. Zwar kämpft man auch hier, in einem der ärmsten Länder Afrikas, gegen den Hunger: Nach zwei Jahren Dürre werden Hilfsorganisationen und die Regierung in diesem Jahr knapp fünf Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln unterstützen. Doch bislang blieb das Land von Hungerkatastrophen wie in den 80er Jahren verschont. Damals starben etwa eine Million Menschen an Unterernährung – das entspricht der heutigen Bevölkerung des Saarlands. Es wütete ein Bürgerkrieg im Land, Militärs blockierten Handelsrouten, die Gewalt vertrieb Menschen aus ihrer Heimat. Parallelen zur Situation im Südsudan sind unübersehbar.

Bis heute aber konnte die autokratische äthiopische Regierung eine neue Hunger- katastrophe verhindern. Während das Land noch von 1993 bis 2004 fast jährlich um Nahrungsmittelhilfen bettelte, beugt man seit 2005 vor: Das „Produktive Sicherheitsnetz“ der Regierung bewahrt das Land seitdem vor dem schlimmsten Hunger.

Dank dieses Programms erhalten besonders betroffene Familien über mehrere Jahre hinweg Getreide von der Regierung. Geht es ihnen besser, sollen sie im Gegenzug arbeiten: Sie legen Terrassen auf Hügeln an, um Erosion vorzubeugen. Oder sie bauen Mauern, damit ihr Vieh nicht fruchtbares Land zertrampelt. Organisiert wird das Programm von den Dorfchefs. Außerdem nutzen die Äthiopier satellitengestützte Hunger-Frühwarnsysteme. So wurde aus einem autokratisch regierten „Hungerland“ eine Entwicklungsdiktatur.

Ein Sicherheitsnetz wie in Äthiopien – das plante die südsudanesische Regierung vor drei Jahren auch. Der Krieg und die eigene Inkompetenz verhinderten die Einführung. In Juba sagt WFP-Mann George Forminyen, das Land brauche jetzt erst einmal Frieden, damit die Nothilfe ankomme. Danach sei Zeit für Reformen. Denn überraschend kommt der Hunger selten. Einige Südsudanesen sagen, er habe eine Glocke an seinen Knöcheln; man höre ihn schon von Weitem kommen. 


Trotz der logistischen Schwierigkeiten retten Helfer im Südsudan Menschenleben, jeden Tag. Wir leiten Ihre Hilfe weiter. Bitte spenden Sie.

Von:

Daniel Sippel