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"Papa, heb mich auf!": Das Leiden der Kinder geht auch nach Aleppo weiter

Während am Genfer See mal wieder eine Lösung des Syrien-Konflikts gesucht wird, geht das Sterben in dem gebeutelten Land weiter. Und nach wie vor sind es die Kinder, die der Krieg am härtesten trifft.

Abdel Basset im Krankenwagen vor dem Transport in die Türkei

Bei einem Bombenangriff schwer verletzt: Der zehnjährige Abdel Basset im Krankenwagen vor dem Transport in die Türkei

Nach zehn Monaten Pause verhandeln Regierungsvertreter und Oppositionelle jetzt wieder am über ein Ende des syrischen Bürgerkrieges. Es ist der vierte Versuch, in der Schweiz unter UN-Vermittlung die Misere der Menschen im mittlerweile fast sechsjährigen Bürgerkrieg mit rund 400.000 Toten zu beenden. Doch die Hoffnung auf eine politische Lösung des blutigen Konflikts ist angesichts der verhärteten Fronten gering. Vor allem ein Streitpunkt scheint unlösbar: Was wird aus Präsident Baschar al-Assad? Die Opposition sieht ihn als Kopf eines verbrecherischen Regimes und verlangt seinen Abtritt. Die Regierung will gar nicht erst über Assad sprechen.

Und während in Genf geredet wird, wird in weiter getötet. Die Evakuierung des Ostteils von Aleppo im Dezember hat daran wenig geändert. Tausende Bewohner der Stadt sind damals in die fast vollständig von Rebellen kontrollierte nordwestsyrische Provinz Idlib geflohen. Islamistische Terrorgruppen liefern sich dort blutige Schlachten um die Vorherrschaft und bekämpfen gleichzeitig Assads Armee. Die wiederum bombardiert ebenso wie die US-Luftwaffe die Rebellen. Und die Zivilisten werden zwischen all diesen Fronten zerrieben. Das kann auch die seit Ende Dezember geltende Waffenruhe nicht verhindern, obwohl sie nach Aussage des UN-Vermittlers Staffan de Mistura" im Großen und Ganzen" hält. Denn die islamistischen Rebellengruppen sind in die Waffenruhe nicht eingebunden.

"Papa, heb mich auf! Trag mich!"

Für eines hat das Ende der Belagerung Aleppos aber gesorgt: Das Sterben der syrischen Zivilbevölkerung ist aus den Schlagzeilen und der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verschwunden. Dass das Leid der Männer, Frauen und aber nicht geendet hat, nur weil weniger darüber berichtet wird, kann man unter anderem in den sozialen Netzwerken erfahren. Jeden Tag verbreiten dort Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen, NGOs, Journalisten und Aktivisten Bilder und Nachrichten aus den Kriegsgebieten. Viele davon sind nur schwer zu ertragen. So postete ein Aktivist vergangenen Donnerstagmorgen nach einem Fassbombenangriff der syrischen Armee in Al-Hbeit in der Provinz Idlib ein erschütterndes Video: Es zeigt, wie ein Mann einen kleinen Jungen vom Ort der Explosion wegträgt und ihn neben einem Fahrzeug auf den Boden legt. Das Kind versucht, sich aufzurichten, streckt eine Hand aus und ruft verzweifelt: "Papa, heb mich auf! Trag mich!" Die Bombe hat ihm beide Beine abgerissen.

Der Junge heißt Abdel Basset und ist zehn Jahre alt. Er wurde nach dem Luftangriff mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus in die Türkei gebracht und hat trotz seiner schweren Verletzungen überlebt. Abdels Mutter und seine dreijährige Schwester wurden bei dem Angriff getötet. Seine beiden anderen Schwestern trugen nach Angaben der Hilfsorganisation Stiftung für humanitäre Hilfe (IHH) nicht näher erklärte gesundheitliche Probleme davon.

Familienmitglieder von Abdel Basset in dem völlig zerstörten Haus

Zertrümmertes Leben: Verwandte von Abdel Basset in dem völlig zerstörten Haus der Familie

Das Schicksal von Abdel und seiner Familie ist beispielhaft für die ganze Grausamkeit des Krieges. Und es zeigt, wie sehr vor allem Kinder nach wie vor von dem betroffen sind. Darauf haben auch die Vereinten Nationen in Genf aufmerksam gemacht. Angesichts von zehn Millionen leidenden Kindern rief das Kinderhilfswerk Unicef die Teilnehmer der neuen Friedensgespräche auf, dringend zu einer Einigung zu kommen. "Alle an dem Konflikt beteiligten Parteien und die, die Einfluss auf sie haben, müssen sich mit extremem Hochdruck dafür einsetzen, dass die Waffen für immer schweigen", forderte Unicef-Regionaldirektor Geert Cappelaere. Zwei Millionen Kinder in Syrien bekämen keine dringend nötige Hilfe.

"Der unermessliche Verlust an Menschenleben und das Leiden sind eine Schande, die die Welt dazu bringen sollte, sofort eine politische Lösung zu finden", ermahnte Cappelaere die Kriegsparteien. "Mehr als zehn Millionen syrische Kinder leiden jeden Tag an den Folgen dieses teuflischen Konflikts und wollen nur eins: Frieden, und sie wollen ihre Kindheit zurück."

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Um den Menschen in Syrien zu helfen, arbeitet Stiftung stern mit dem Verein Orienthelfer e.V. zusammen. Dessen Gründer Christian "Fonsi" Springer und sein Freiwilligenteam fahren seit Dezember 2011 regelmäßig in den Libanon und nach Jordanien, um dort syrische Flüchtlinge zu unterstützen. Hier erfahren Sie genau, wie Orienthelfer e.V. arbeitet.

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