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"Je mehr Sex, desto besser"

Das erste Mal mit 11, Gruppensex mit 14, selbstgedrehte Pornos mit 16 Jahren: Immer mehr Jugendliche betreiben Sex als Leistungsschau. "Aber wozu Küssen gut sein soll, wissen sie nicht", sagt Bernd Siggelkow im Interview mit stern TV. "Denn Küssen kommt im Porno nicht vor."

"Deutschlands sexuelle Tragödie - Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" ist der Titel eines schockierenden Buches. Die Autoren Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher berichten von emotional verwahrlosten Jugendlichen, die sich in die Welt der Sexualität flüchten. Immer jünger, immer häufiger und heftiger gehe es zur Sache: Im Kindergarten spielt man Gruppensex, 15-jährige verkaufen selbst gedrehte Privatpornos auf dem Schulhof, und 17-jährige Mädchen sind stolz auf ihre 50 Liebhaber.

"Das sind nicht nur ein paar Durchgeknallte", sagt Siggelkow, der das Kinder- und Jugendwerk "Arche" in Berlin gegründet hat. Er schätzt, bereits fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen sind sexuell völlig desorientiert.

Herr Siggelkow, was meinen Sie mit sexueller Verwahrlosung?

Früher wurden Mädchen als "Schlampen" oder "Huren" beschimpft, wenn sie in jungen Jahren mit drei, vier Jungen geschlafen hatten. Heute ist es genau umgekehrt: Je mehr Sexualpartner, desto cooler ist man. Da herrscht regelrecht Leistungsdruck. Immer mehr Jugendliche definieren sich über Sex, weil sie sonst nichts anderes haben, mit dem sie sich identifizieren können.

In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem, dass manche Eltern schon mit fünfjährigen Kindern Pornofilme anschauen.

Viele sind zu jung, wenn sie Eltern werden. Die machen sich wenig Gedanken darüber, was ihren Kindern nützt oder schadet. Wir haben einmal eine Mutter darauf angesprochen, die mit ihren fünf- und siebenjährigen Kindern Pornofilme angesehen hat. Sie hat nicht verstanden, dass die Bilder eine Wirkung haben könnten, und meinte: "Was ist denn dabei, es ist doch nur Sex."

Hat sich das Problem in den vergangenen Jahren verschärft?

Das Grundproblem ist: Wir gehen immer lockerer mit Sexualität und Pornographie um, aber wir klären unsere Kinder immer weniger auf. Besonders dramatisch ist die Entwicklung seit vier, fünf Jahren - seitdem der Internetkonsum über Flatrates erschwinglich und das Internet 24 Stunden am Tag für jeden verfügbar geworden ist.

Was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Wir wollen die Gesellschaft für das Problem sensibilisieren. Es geht hier nicht um ein paar durchgeknallte Jugendliche, sondern um eine Welle, die auf uns zurollt. Bei meiner Arbeit ist mir aufgefallen, wie viele Kinder sich über Sexualität definieren. Ich habe z.B. oft erlebt, dass Vier- oder Fünfjährige im Kindergarten Stellungen nachspielen. Wenn ich sie fragte: "Sagt mal, was macht ihr denn da?", bekam ich zu hören: "So machen unsere Eltern Sex." Das bringt einen ins Grübeln. Ich glaube, wir müssen mit den Kindern darüber sprechen - und wir müssen auch die Eltern aufklären.

Wofür steht Sex bei den Jugendlichen?

Einmal hat mich eine Elfjährige gefragt: "Bernd, bin ich hässlich? Mit mir war nämlich noch nie ein Mann im Bett." Ich glaube, viele dieser sexuell desorientierten Jugendlichen suchen die Liebe und Anerkennung, die sie nie bekommen haben. Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, wollen einen festen Freund und später Kinder haben. Aber je mehr Partner und je häufiger sie unüberlegt Sex in jungen Jahren haben, desto beziehungsunfähiger werden sie.

Verwechseln sie Sex mit Liebe?

Viele Jugendliche unterscheiden nicht zwischen der Welt der Pornos und der normalen Welt. Sie beziehen einen wesentlichen Teil ihrer Bildung aus der Bildzeitung, von Porno-Rappern und aus Sexfilmen. Dass sie Pornos interessant finden, ist normal, das war schon immer so. Aber heutzutage wird das nicht mehr gefiltert, sie leben in Familien, in denen nicht darüber gesprochen wird und die Bilder als etwas Irreales eingeordnet werden. Viele Jugendliche küssen sich nicht mehr - weil im Porno nicht geküsst wird. Sie verhüten nicht - weil im Porno nicht verhütet wird.

Ist die sexuelle Verwahrlosung ein Unterschichten-Problem?

Nicht nur, aber vor allem tritt es in sozial schwachen Familien auf.

Warum?

Das Problem dieser Familien ist die Perspektivlosigkeit. Sie leben oft nur für den Tag, denken nicht an die Zukunft, und ihnen ist relativ egal, was um sie herum passiert. So bleibt auch die Schlafzimmertür beim Sex auf. Dass die Kinder das alles mitbekommen, geschieht meistens aus Nachlässigkeit, nicht absichtlich. Bei all ihren Problemen übersehen die Erwachsenen die Bedürfnisse der Kinder und behandeln sie wie andere Erwachsene.

Wie viele Kinder sind von sexueller Verwahrlosung bedroht?

Das ist natürlich schwer zu schätzen. Ich glaube, mindestens fünf bis zehn Prozent unserer Kinder sind davon betroffen. Am stärksten wächst das Problem in Ballungszentren.

Was kann man tun, um der sexuellen Verwahrlosung entgegen zu treten?

Erstens: Man muss die Kinder besser vor Pornos aus dem Internet schützen. Auch auf Handys sollte man Sperren einbauen, damit auf dem Schulhof nicht mehr so leicht Pornos getauscht werden können. Zweitens: Der biologische Ansatz des Aufklärungsunterrichts in der Schule ist falsch, er geht an den Jugendlichen vorbei. Drittens: Es sollte feste Ansprechpartner geben, die mit den Kindern unbefangen über Sexualität reden. Leider ist das z.B. auch in der Kirche häufig verpönt und Sex ein Tabu. Viertens: Wir brauchen ganz dringend eine umfassende wissenschaftliche Studie, die das veränderte Sexualverhalten der Jugendlichen in Deutschland und Europa untersucht.

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