HOME

So leben Deutschlands Kinder in Armut

Miese Wohnungen, wenig Geld, Gewalt und soziale Ausgrenzung: In Bremerhaven ist all das in vielen Haushalten bittere Realität. Über 40 Prozent der Kinder dort sind armutsgefährdet - so viele wie in keiner anderen Stadt in Deutschland. Ilka Bessin hat auch diesen Brennpunkt für stern TV besucht.

Ilka Bessin findet leicht Zugang zu den Kindern.

Ilka Bessin findet leicht Zugang zu den Kindern.

"Wir sind verdammt in der Verpflichtung, diese Kinder zu fördern. Denn sie sind unsere Zukunft!" Die Jungen und Mädchen, die Ilka Bessin in der "Sonnenblume" kennengelernt hat, haben bei ihr nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Die 45-Jährige – bekannt geworden in der Comedian-Rolle der "Cindy aus Marzahn" – ist selbst in einfachen Verhältnissen groß geworden und engagiert sich für soziale Projekte. Gemeinsam mit stern TV besuchte die Schauspielerin unter anderem die Einrichtung des gemeinnützigen Vereins in Bremerhaven Leherheide. Dort kümmert man sich seit Jahren um von Armut bedrohte Kinder und Jugendliche. Der Stadtteil ist ein sozialer Brennpunkt: Schlechte Wohnverhältnisse, wenig Geld für gesundes Essen, soziale Ausgrenzung, Gewalt – all das kennen die Kinder in Leherheide schon in frühen Jahren. Es gibt kein Geld für Bildung, Freizeit oder gar Urlaub. Bundesweit leben 15 Prozent aller Kinder in Familien, die Hartz IV beziehen. Doch in keiner anderen Stadt in Deutschland ist das Problem so massiv, wie in Bremerhaven. Die Arbeitslosigkeit ist hier besonders hoch. Grund dafür ist unter anderem die Werftenkrise und die Abwanderung von Reedereien aus der Nordseestadt, durch die in den vergangenen 20 Jahren immer mehr Jobs wegfielen. Neue Perspektiven gibt es kaum. Im Stadtteil Leherheide sind rund 40 Prozent der Kinder akut armutsgefährdet – also fast jedes zweite Kind. 

Essen, Kleidung, Ablenkung – und ein offenes Ohr für die Probleme der Kinder

Ilka Bessin hat einige dieser Kinder getroffen, hat mit ihnen gespielt, gebastelt, Hausaufgaben gemacht und hat für sie Essen vorbereitet. Sie tat das, was sonst die 30 Mitarbeiter des Kinderprojekts "Sonnenblume e.V." tun - ehrenamtlich, Tag für Tag. Die "Kinderwohnung" entstand 2009 aus zwei ehemaligen Arztpraxen. Für die etwa 40 Kinder, die regelmäßig kommen, ist die Sonnenblumen-Mitarbeiterin Gabi Beck die wichtigste Bezugsperson. "Einige Kinder kommen und erzählen, dass Papa und Mama sich gestritten haben und dass es da Stress gibt. Oder sie sagen 'Papa oder Mama ist besoffen' und dass sie dann nicht in die Wohnung kommen, weil er oder die Mama besoffen vor der Tür liegt", so Gabi Beck im Gespräch mit Ilka Bessin. "Es ist schon schlimm, aber wir können da nicht viel machen. Das Einzige ist, die Kinder erstmal hier bei uns zu behalten, bis sich die Wogen geglättet haben. Manchmal ist das wirklich heftig, da habe ich schon zuhause gesessen und geweint, weil mir das einfach zu nahe geht." Oftmals müssten die Mitarbeiter Kindern auch Kleidung besorgen, "weil die gar keine Socken anhaben oder ein kaputtes T-Shirt, oder nur ein T-Shirt, das sie schon seit Wochen anhaben."

In der Sonnenblume bekommen die Kinder auch ein Mittagessen, das dort täglich gemeinsam frisch gekocht wird. Bei den Vorbereitungen berichtete Gabi Beck, dass einige Kinder erst dort die erste Mahlzeit des Tages bekommen. "Die Kinder sagen zu mir 'Gabi, ich habe schon Hunger. Wann gibt es Essen?'." Dann würde sie ihnen auch zwischendurch mal eine Schüssel Cornflakes oder einen Apfel geben, damit sie wenigstens etwas im Magen haben und sich besser fühlen. "Mehr können wir leider nicht machen. Ich finde das schrecklich", so die 55-Jährige.

Arbeitslosigkeit bedroht Bildung von Kindern

Die achtjährige Jumine kommt fast jeden Tag in die Sonnenblume. Ihre Mutter arbeite manchmal bei "Real", ihr Vater sei zu Hause, was er mache, wisse sie nicht. Die Familie lebt in einer Plattenbau-Siedlung. Die Mutter Anja erzählte Ilka Bessin von ihrer persönlichen Situation: Die 28-Jährige war über ein Jahr arbeitslos, nun jobbt sie als Verkäuferin an einem Sonderverkaufsstand bei Real-Kauf. Es sei ein befristeter Vertrag – für 9 Euro pro Stunde. Ihr Mann Torben ist seit zweieinhalb Jahren arbeitslos und bezieht Hartz IV. Die Familie hat nach Abzug der Wohnungskosten knapp 1200 Euro zum Leben. Sie kämen zwar über die Runden, müssten aber sparsam leben, so Mutter Anja. Und obwohl Stiefvater Thorben ständig zuhause ist, möchten er und seine Frau lieber, dass Jumine in die Sonnenblume geht. Ihnen gehe es dabei vor allem um die sozialen Kontakte Jumines zu anderen Kindern. In der Sonnenblume bekommen die Kinder aber auch Aufgaben und die Möglichkeit, kreativ zu sein. Es gibt ein Sportprogramm und Tanzangebote. Eine andere Möglichkeit, mit Materialien zu spielen oder die Freizeit zu gestalten haben die meisten Kinder sonst nicht. "Kinder sind unsere Zukunft. Ohne sie können wir nicht weiterleben und ohne sie können wir keine Rente bekommen – und das vergessen wir oftmals", so Ilka Bessin. "Oftmals vergessen wir alte Menschen und Kinder, die eigentlich der wichtigste Punkt sind, momentan in unserem Leben."

Kinderarmut neu definiert

Im Gespräch mit Cornelia Rönnefahrt, die den Verein vor zehn Jahren gegründet hat, erfuhr Ilka Bessin, dass sich die Sonnenblume allein durch Spenden finanziert. Unterstützung von der Stadt gebe es nicht. "Einmal im Jahr laden wir unsere Spender ein", so Rönnefahrt. "Und einmal hatten wir jemanden von der Stadt hier, den Stadtrat. Der war auch eigentlich ganz nett. Aber dann kam der Schlusssatz, über den wir heute noch lachen. Er sagte: 'Das Beste an diesem Projekt ist, dass es die Stadt nichts kostet'."

Für Ilka Bessin waren die zwei Tage in Bremerhaven Leherheide und in der Sonnenblume eine besondere Erfahrung. "Danach definiert man Kinderarmut ganz anders", so die 45-Jährige zu stern TV. Meist glaube man, Kinderarmut bestünde darin, dass die Kinder nichts zu essen haben. Doch es beginne schon mit der fehlenden Liebe zu Hause. Sie habe Eltern erlebt, die sich dafür schämen, dass sie keine Arbeit haben, aber – so Ilka Bessins Eindruck – "Manche haben sich auch einfach dran gewöhnt und haben sich mittlerweile ein bisschen aufgegeben. Und ich glaube, es ist an der Zeit, sich um diese Menschen und Eltern zu kümmern. Denn die Kinder können am wenigsten dafür, die Kinder leiden aber am meisten darunter."


Partner-Tools