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Eine vorbildlich integrierte Familie ohne Chancen

Renard Sageri wurde bei einem Bombenanschlag schwer verletzt. Als er wieder gehen konnte, floh er mit seiner Familie aus Albanien. In einem Dörfchen in Bayern fanden sie ein neues Zuhause, sind dort vollständig integriert. Jetzt droht ihre Abschiebung - und die Dorfgemeinschaft protestiert.

  Violeta und Irini Sageri (vorne) beim Spaziergang mit ihren Eltern und ihren zwei kleineren Geschwistern.

Violeta und Irini Sageri (vorne) beim Spaziergang mit ihren Eltern und ihren zwei kleineren Geschwistern.

Nachdem der Familienvater bei einem Bombenattentat beinahe getötet worden wäre, wollte Familie Sageri nur noch weg. Sie fühlten sich in ihrer Heimat Albanien nicht mehr sicher, vor allem die drei kleinen Mädchen hatten große Angst.

In Bayern fanden sie ein neues Zuhause und wurden in Ettringen Teil der dörflichen Gemeinschaft. Seit ihrer Flucht 2014 haben sich die Sageris vorbildlich integriert. Alle lernen Deutsch, Vater Renard besucht fünf Tage pro Woche einen Flüchtlingskurs der Volkshochschule. Mutter Ela arbeitet gemeinnützig und kocht in der Schulküche für die Schüler. "Sie sind sehr motiviert, was die Erziehung ihrer Kinder angeht; sie fragen auch oft nach, wie der Entwicklungsstand ihrer Kinder ist und interessieren sich sehr für den Kindergarten", lobt die Leiterin Erika Silbernagel das Paar.  Die drei kleinen Töchter können schon sehr gut Deutsch sprechen. Das vierte Kind Samuel wurde im vergangenen April in Deutschland geboren.

Die Familie Sageri hat sich angestrengt, um sich im Dorf zu integrieren. Die Dorfbewohner sind von der sechsköpfigen Familie beeindruckt und haben sie längst ins Herz geschlossen. Dennoch scheinen die Bemühungen vergeblich. Die Familie soll seine Wohnung und das Dorf verlassen: Laut der Regierung von Oberbayern sollen die Sageris in ein Rückführungslager in Ingolstadt umziehen und dort den Ausgang des Asylverfahrens abwarten, das sich jetzt schon eineinhalb Jahre hinzieht. In dem Schreiben heißt es wörtlich: Sie sind spätestens eine Woche nach Zustellung dieses Bescheides zum Einzug verpflichtet. Für den Fall, dass Sie der Aufforderung nicht rechtzeitig nachkommen, drohen wir die Vollstreckung durch unmittelbaren Zwang an. Kurzum: mit Polizeigewalt. 

Gemeinde setzt sich für die Familie ein

Bei den Ettringer Bürgern und insbesondere beim Bürgermeister sorgte der Bescheid an die Familie Sageri für Entrüstung: "Die Sageris sind eine sehr sympathische Familie. Als sie kamen, haben sie sich relativ schnell zurecht gefunden. Vor allem Frau Sageri hat sich sofort nach einer möglichen Beschäftigung umgeschaut", so Bürgermeister Robert Sturm. Auch die Gemeinde hat die Integration der sechs Zuwanderer in den letzten anderthalb Jahren aktiv gefördert und unterstützt. Robert Sturm kann nicht nachvollziehen, dass das nun alles vergebens gewesen sein soll: "Ich halte es persönlich für unmenschlich, dass man sie als Familie jetzt in so ein Lager steckt und sie hier einfach wieder rausreißt." 

Der Ettringer Verein "Solidarität und Leben" kümmert sich um die Flüchtlinge im Dorf. Aus Sicht vieler Bürger ist die Flüchtlingsfamilie Sageri ein Gewinn für die Dorfgemeinschaft und soll bleiben. Der Verein hat deshalb ein Spendenkonto eingerichtet, über das sich die Sageris einen Anwalt finanzieren sollen. Das Paar will mit dieser Unterstützung gegen den Bescheid vorgehen. Zurück nach Albanien – das klingt für sie mit ihren vier Kindern wie ein Horrorszenario. 

"Das ist die zweite Bombe für meine Familie"

Rückblick: Als Renard Sageri am 3. Dezember 2013 auf dem Parkplatz vor seinem Haus mit dem Wagen anhielt, explodierte eine Bombe. Er überlebte schwer verletzt: beide Trommelfelle waren gerissen, beide Beine zerfetzt. Ein Teil des rechten Fusses musste amputiert werden. Danach lag Renard Sageri drei Monate im Krankenhaus, anschließend folgten Monate der Rehabilitation. Der Familienvater kann von Glück sprechen, dass er überhaupt noch gehen kann. "Laufen ist ein bisschen schwierig. Da habe ich große Schmerzen. Stehen geht etwas besser, aber Laufen macht mir große Schmerzen." Als Malermeister, wie in Albanien, wird Renard Sageri nie mehr arbeiten können. Bis heute weiß die Polizei nicht, wer die Bombe gelegt hatte und wem sie galt. 

"Warum haben wir diesen Bescheid bekommen?", fragt sich der Familienvater. "Das ist eine Katastrophe für meine Familie, meine Kinder", sagt Ela Sageri. "Das ist die zweite Bombe für meine Familie." Das bayrische Dorf jedenfalls hat diese Flüchtlingsfamilie ins Herz geschlossen und möchte, dass sie bleibt. Weil sie sich so integriert hat, wie es sich ganz Deutschland von den Flüchtlingen wünschen würde. "ich wünsche mir, dass das Asylverfahren für sie positiv ausgeht", so Bürgermeister Sturm. Familie Sageri hat aber nicht die Wahl. Die Entscheidung wird ein Beamter im fernen München fällen, der Ettringen und Ela, Renard, Violeta, Irini, Eleni und klein Samuel Sageri nicht kennt. Ein klassisches Dilemma.

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