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Wie Thomas Rüß nach 30 Jahren seine Sucht überwinden will

Thomas Rüß hat schon mehrere Versuche hinter sich, mit dem Trinken aufzuhören. Doch im Grunde kontrolliert der Alkohol seit 30 Jahren sein Leben. Als er im Herbst wieder einmal am Boden war, gab es nur noch einen Weg: endlich eine erfolgreiche Therapie.

Will endlich weg von der Flasche: Thomas Rüß (51) ist seit mehr als 30 Jahren alkoholabhängig.

Will endlich weg von der Flasche: Thomas Rüß (51) ist seit mehr als 30 Jahren alkoholabhängig.

Thomas Rüß ist trocken – zumindest scheint es so. Er hat schon seit fünf Monaten keine Flasche mehr angerührt. Doch dafür musste er tief sinken:

Der 51-jährige Hamburger hatte schon viele erfolglose Anläufe hinter sich, mit dem Trinken aufzuhören. Zwar gab es auch in der Vergangenheit Phasen, in denen er dem Alkohol längerer Zeit entsagte. Doch im Grunde hing Thomas Rüß seit über 30 Jahren an der Flasche. Und obwohl er sich nach jedem Absturz schwor, es sei der letzte gewesen – so hatte er immer wieder Rückfälle. Der bekannte Teufelskreis der Sucht.

Der Teufelskreis der Sucht

Thomas Rüß ist ein sogenannter Quartalstrinker. Wenn er rückfällig wird, trinkt er exzessiv und – in seinem Fall – oft mehrere Wochen am Stück. Zuletzt war das im Oktober: Thomas Rüß hatte sieben Wochen lang fast täglich getrunken. Meistens Wodka; meistens flaschenweise. Kein Rückfall sei bisher so lange und schlimm gewesen, wie der letzte, sagt er, "weil das wirklich darauf ausgelegt war, immer wieder in sich reinzuschütten". Nochmal und nochmal – in der Hoffnung, dass das Herz einfach nicht mehr mitspielt.

Wenn Thomas Rüß trinkt, wird er depressiv. Er weint und ist ausfallend gegenüber Fremden, Bekannten und sogar seinen Liebsten. Mit ihm leidet seine Freundin Karin Sommer. Die beiden sind seit vier Jahren ein Paar. Rüß' ständiger Kontrollverlust ist für Karin Sommer eine große psychische Belastung. Der 63-Jährigen machten die Alkoholeskapaden auch deshalb schwer zu schaffen, weil sie glaubte, sein Verhalten unterbewusst zu unterstützen. Oft schwor sie sich, ihn zu verlassen, sobald er wieder trinkt – und doch beendete sie die Beziehung nicht. Diese letzten acht Wochen, in den Thomas Rüß trank, haben bei ihr tiefe Spuren hinterlassen. "Ich bin einsam. Ich habe einen Partner und doch keinen", so Karin Sommer. "Ich muss eben damit fertig werden, dass ich mich von ihm trennen muss."

Durch das Trinken verlor Thomas Rüß bereits seinen Job. Er hatte viele Jahre im Hamburger Hafen gearbeitet. Obwohl er während der Arbeit nicht trank, war er wegen der enormen Fehlzeiten – bei allem guten Willen – für die Firma irgendwann nicht mehr tragbar. "Ich habe die Dankbarkeit, die mir der Arbeitgeber entgegen gebracht hat, im Prinzip mit Füßen getreten", macht sich Thomas Rüß bewusst. Doch die Sucht hatte ihn weiterhin fest im Griff.  stern TV traf den Hamburger erstmals im September letzten Jahres. Zu der Zeit war er fast zwei Monate trocken gewesen, sprach reflektiert über seinen Alkoholismus und die Folgen. Doch kurz nach den Dreharbeiten kam der Riesenabsturz. Aber warum? Er hatte doch schon viele Wochen geschafft. "Da war einfach der Ruf nach dem Alkohol, der war einfach größer. Zu sagen: Dir kann sowieso keiner helfen, nur der Alkohol kann helfen", erzählt Thomas Rüß. "Aber der hilft einfach nicht, er macht nur alles kaputt und alles schlimmer. Bei jedem Rückfall wird’s schlimmer. Und man kann sich ja nicht jedes Mal für alles entschuldigen, weil die Menschen dann auch sagen: 'Du brauchst dich nicht mehr entschuldigen, das will ich nicht mehr hören. Weil du den Blödsinn sowieso wieder machst.' Die vertrauen einem nicht mehr."

Während des Rückfalls hatte der 51-Jährige bis zu zwei Flaschen Wodka am Tag getrunken. Er war teilweise nicht mehr er selbst. Sein Vater versuchte ihn aufzusuchen und zur Besinnung zu bringen – ohne Erfolg. Karin Sommer ging auf Distanz, wartete in ihrer eigenen Wohnung auf ein Lebenszeichen. Doch stattdessen herrschte Funkstille. Dann drohte Thomas Rüß sogar ein Rausschmiss aus seiner Wohnung, weil er einen Handwerker angepöbelt und bedroht hatte. "Mir ist irgendwie die Sicherung durchgebrannt", erzählt er. Eigentlich habe er mit den Handwerkern nur reden wollen, doch "dann ist die Sache irgendwie eskaliert und wir haben uns angeschrien."

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    "Ich begreife das eben jetzt erst alles"

    Es war ein neuerlicher Tiefpunkt, der dem 51-Jährigen bewusst machte, dass er sein Leben in den Griff bekommen muss, wenn er es noch retten will. "Manchmal wäre es das Beste, wenn du dich einfach abends hinlegst und am nächsten Morgen nicht mehr aufwachst", sagte er damals.

    Dann kam die Wende: Eine mehrwöchige Sucht-Therapie in einer Tagesklinik soll Thomas Rüß jetzt dabei helfen, sein Leben radikal zu ändern. Er weiß, dass es vielleicht die letzte Chance ist. Tatsächlich ist nach wenigen Wochen erkennbar, dass er innerlich wie äußerlich große Veränderungen durchmacht. Ihm wird vieles plötzlich klar – auch was sein persönliches Umfeld, seine Freundin betrifft: "Ich sauf' mir dann immer den Kummer weg und die Sorgen – und die Menschen müssen das dann alle nüchtern ertragen, dieses Leiden. Weil sie eben einen Menschen sehen, an dem ihnen was liegt: wie der vor die Hunde geht. Und sie können eben nichts machen. Und das macht einen wahnsinnig traurig. Und dann hat man Schuldgefühle, und die sind nicht gut… Ich begreife das eben jetzt erst alles", sagt Thomas Rüß.

    In der Psychotherapie wird Rüß auch mit seinen Problemen in der Vergangenheit und unbequemen Wahrheiten konfrontiert, doch das sei unumgänglich, sagt Therapeutin Dr. Angelika Freund: "Therapie ist nicht bequem. Und es kommt immer mal wieder zu Krisen, darauf sind wir eingerichtet und geben Unterstützung und Halt. Aber wir können es nicht ersparen, weil alles andere in aller Regel nicht wirklich Sinn macht."

    Die Behandlung schlägt kontinuierlich an: Thomas Rüß geht es besser. Auch seine Beziehung zu Karin Sommer stabilisiert sich wieder. Die beiden machen gemeinsame Ausflüge – die Angst vor einem erneuten Rückfall bleibt ein ständiger Begleiter. "Thomas ist ja kein schlechter Mensch, sonst würde ich das nicht wollen", sagt sie. "Es ist für mich sehr anstrengend und belastend. Aber ich glaube, dass er das wert ist."

    Er selbst wolle weiterhin viel dafür tun, dass sie sich wieder annähern, so Rüß, "Schritt für Schritt, erstmal vorsichtig. Damit daraus wieder mehr wird, so wie es früher war."

    Damit dieser Wunsch in Erfüllung geht, wird Thomas Rüß seine Therapie erfolgreich beenden müssen. Und auch das ist nur ein erster Schritt auf seinem vermutlich dauerhaften Kampf gegen die Sucht.

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