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Als Säugling vertauscht: Eine junge Frau sucht ihre wahren Eltern

Doris Grünwald wurde im Herbst 1990 im Uniklinikum Graz geboren. Das Mädchen wurde offenbar den falschen Eltern mit nach Hause gegeben. Das sollte sich jedoch erst Jahrzehnte später herausstellen. Nun sucht sie nach ihren biologischen Eltern - und dem anderen vertauschten Baby von damals.

Doris Grünwald (26)

Doris Grünwald (26)

Wer ist die "echte" Doris Grünwald? Sie selbst ist es nicht. Und die Grünwalds sind keine richtige Familie. Die inzwischen 26-jährige Doris ist nicht einmal mit ihrer Mutter und ihrem Vater verwandt. Das erfuhren sie und ihre vermeintlichen Eltern aber erst 22 Jahre später.

Evelin Grünwald war damals zum ersten Mal schwanger, Doris war ein absolutes Wunschkind. Wegen Komplikationen durch eine Eiweißvergiftung wurde sie in die Uniklinik in Graz eingeliefert – die Ärzte mussten einen Notkaiserschnitt machen. Es war vier Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin. "Ich bin abends um halb acht in den Kreißsaal gebracht worden. Es ging alles sehr schnell. Dann haben sie nur noch gesagt: 'Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine Tochter'", erzählt Evelin Grünwald. Die Kleine kam auf die Frühchenstation, die Mutter in ein Krankenzimmer. "Mein Mann kam erst am nächsten Nachmittag wieder. Ich habe ihn gebeten, sie mir zu beschreiben. Dann hat er sie hereingetragen und ich habe meine Tochter 20 Stunden nach der Geburt zum ersten Mal im Arm gehalten."

Die Tochter der Grünwalds kam am 31.10.1990 abends zur Welt. Sie war 42 Zentimeter groß und wog 1800 Gramm. All das wurde im Babypass festgehalten. Die Eltern waren stolz auf ihre erstgeborene Tochter. Später bekamen sie noch Sohn Philip.

"Es können nur eine Handvoll Kinder infrage kommen"

Als Doris Grünwald mit 22 Jahren zum ersten Mal Blut spenden wollte, stellten die Ärzte fest, dass sie die Blutgruppe Null positiv hat. In ihrem Babypass steht A negativ. "Dann hab ich gleich meine Mutter angerufen, weil ich wusste: Da passt etwas nicht", sagt Doris Grünwald. "Und sie hat gesagt: 'Das lassen wir bei der Hausärztin untersuchen." Es war kein Laborfehler, wie ein DNA-Test zeigte. In dem Mutterschaftsgutachten heißt es nun: Doris ist nicht die Tochter von Evelin Grünwald. "Diese Nachricht hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, erzählt Doris Grünwald.

Aber wie konnte sie in der falschen Familie aufwachsen? Und wann ist die Verwechslung passiert? Bekam die Mutter nach dem Kaiserschnitt das falsche Baby in den Arm gelegt? Und eine andere Frau ebenfalls? Evelin Grünwald ist sich sicher: Die Verwechslung kann nur in den 20 Stunden zwischen der Geburt und dem ersten Kontakt mit ihr stattgefunden haben. "Das Krankenhaus weiß es: die Blutgruppe, es gab insgesamt nur 15 Frühchen auf der Station, davon mehrere Zwillinge – es können nur eine Handvoll Kinder infrage kommen."

Vermutlich ließe sich das vertauschte Kind anhand der Geburtsdaten des Krankenhauses finden, doch: "Das Krankenhaus weigert sich, die damaligen Kinder anzuschreiben, wegen 'Schutz eines intakten Familienlebens'", sagt Evelin Grünwald. Noch dazu behauptet die Klinik, dass die Babys gar nicht dort vertauscht wurden. Aber wann denn dann? Man verwechselt doch nicht einfach sein Kind, kann sich Evelin Grünwald nur über diese Behauptung wundern: "Es wurde gesagt: 'Es ist zu 100 Prozent nicht im Krankenhaus passiert.' Dann können es ja nur die Eltern gewesen sein. Wir sind auch gefragt worden, wann wir sie das erste Mal als Kind allein gelassen haben: Die ersten Monate gar nicht! Und dann nur mal ein paar Stunden bei den Großeltern. Und da haben wir morgens auch dasselbe Kind gehabt. Das Kind, das man mir damals in die Hand gedrückt hat, das hab ich jetzt seit 26 Jahren!"
Für Evelin Grünwald ist es noch immer unfassbar – zumal sich Mutter und Tochter doch recht ähnlich sehen. "Wir wären nie auf die Idee gekommen, dass sie nicht uns gehört."


Auch eine zweite Familie hat nicht die leibliche Tochter

Doris habe eine wunderschöne Kindheit gehabt, sagt sie selbst, es habe ihr an nichts gefehlt. "Es sind meine Eltern und werden auch immer meine Eltern bleiben", sagt die inzwischen 26-Jährige. Seitdem sie weiß, dass sie als Baby vertauscht wurde, stelle sie sich jedoch immer wieder dieselben Fragen: "Wie sehen meine leiblichen Eltern aus? Wie ist ihr Leben verlaufen? Wie geht es ihnen?"
Graz hat knapp 300.000 Einwohner. Irgendwo dort könnten ihre biologischen Eltern leben, vielleicht auch Geschwister, glaubt Doris: "Immer, wenn man jemanden sieht, dem ich mehr ähnele als meinen Eltern, frage ich mich, ob sie es sind. Es ist immer präsent."

Doch nicht nur Doris sucht ihre leiblichen Eltern, auch die Grünwalds fragen sich, wer und wo ihr eigentliches Kind ist. "Natürlich denke ich sehr oft daran, wie es meiner leiblichen Tochter geht. Ich würde sie gerne kennenlernen", sagt Josef Grünwald.
Wenn die Klinik schon nicht bereit ist, die Daten herauszugeben, möchten die Grünwalds für das Geschehene zumindest eine finanzielle Entschädigung – und damit eine Anerkennung der Schuld des Krankenhauses. Derartige Schadensansprüche seien vor Gericht schwer zu bewerten, da es keine Skala für seelische Schmerzen gebe, sagt ihr Anwalt Gunther Ledolter: "Wir orientieren uns deshalb am Trauerschmerz und fordern 30.000 Euro pro Person."

Die Grünwalds hätten als Familie auseinanderbrechen können. Doch die Umstände haben sie noch näher zusammengebracht, selbst wenn sie nicht verwandt sind. Und Doris Grünwald gehört inzwischen ganz offiziell zur Familie: Ihre "Wunsch-Eltern" haben sie adoptiert. Doch im Grunde kennt sie nur einen Menschen, der mit ihr verwandt ist - ihren eigenen kleinen Sohn.


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