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Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Millionen Menschen in Deutschland leben in Altersarmut. Menschen, die ihr Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben und nun von wenigen Euro im Monat irgendwie leben müssen. Und viele von ihnen sagen: So habe ich schlicht keine Lust mehr zum Leben.

Ilka Bessin besucht Gunther B. (83) in seiner 50-Quadratmeter-Wohnung gegenüber dem Pflegeheim seiner Frau.

Ilka Bessin besucht Gunther B. (83) in seiner 50-Quadratmeter-Wohnung gegenüber dem Pflegeheim seiner Frau.

Gisela Quenstedt hat 41 Jahre lang gearbeitet, trotzdem reicht ihre Rente nun nicht aus: Miete, Strom, Lebensmittel – die alte Dame spart, wo sie nur kann. "Ich bekomme 900 Euro Rente, meine Miete beträgt aber schon 560 Euro. Da bleibt mir nicht viel übrig", sagt sie. Gisela Quenstedt lebt in einer kleinen Altbauwohnung im Stadtteil Eimsbüttel, einer guten Gegend, wie selbst sagt. Doch sie will auf keinen Fall dort weg, das sei das Einzige, was ihr von ihrem alten Leben geblieben ist.

Gisela Quenstedt sammelt also nebenher leere Pfandflaschen, zum Kochen versorgt sie sich bei der Tafel mit Lebensmitteln, viele Dinge des täglichen Lebens besorgt sie sich bei einem Tausch-Treff. Die 68-Jährige fängt sogar Regenwasser in Eimern auf, um damit die Toilette zu spülen. Ihre Teebeutel benutzt sie bis zu sechs Mal, bevor sie neue kaufen muss. Ihre Armut sei ihr oft unangenehm, sagt die 68-Jährige: "Ich gehe seit 2011 zur Tafel. Das sind immerhin schon einige Jahre, aber es ist immer noch komisch. Man schämt sich ein bisschen dafür, dass man sich von seinem eigenen Geld nicht unterhalten und Essen kaufen kann."

Gisela Quenstedt ist geschieden und hat zwei Söhne, die beide Hartz IV beziehen. Wegen der Kinder musste sie einige Jahre in Teilzeit arbeiten, ansonsten hatte sie immer ein Vollzeitjob. Dass ihre Rente mal so gering ausfallen würde, hätte sie nie gedacht. Nach Abzug aller Kosten bleiben ihr etwa 230 Euro im Monat – weniger als acht Euro pro Tag.

"Ich muss eben immer rechnen und auch oft "Nein" sagen – "Nein" sagen und verzichten. Das ist nicht schön. Man muss doch, wenn man sein Leben lang gearbeitet hat, mit dem Geld auskommen können, das man erarbeitet hat."

"6,20 Euro – das ist zu teuer"

"Nein" sagen im Leben, daran hat sich auch Gunther B. gewöhnen müssen. Der 83-Jährige hat 43 Jahre lang gearbeitet und bekommt zusammen mit seiner Frau nun eine kleine Rente von etwas mehr als 1900 Euro. Angesichts dessen seine Frau Ingrid seit sieben Jahren in einem Pflegeheim lebt, ist das zu wenig. "Meine Frau hat eine Operation gehabt und die ist nicht gut verlaufen", erzählt Gunther B. Wenige Tage nach der Operation seiner Frau hatte er selbst einen Schlaganfall erlitten, so dass es ihm unmöglich wurde, Ingrid zu Hause selbst zu pflegen. Die beiden sind seit 60 Jahren verheiratet. Nun lebt Gunther B. allein in einer 50-Quadratmeter-Wohnung gegenüber des Pflegeheims. Mittags mache er sich oft einfach eine Konservenbüchse warm, erzählt er Ilka Bessin. Mit seiner Frau im Heim zu essen, komme für ihn nicht in Frage: "Das ist eine Kostenfrage. Sonntags essen kostet da 7,50 Euro und werktags 6,20 Euro. Das ist zu teuer."

Da die Pflegekosten fast genauso hoch sind wie die gemeinsame Rente, war Gunther B. gezwungen seine Lebensversicherung und die kompletten Ersparnisse von 35.000 Euro zu opfern. Erst als das Ehepaar kaum noch Geld übrig hatte, übernahm der Staat die Kosten fürs Pflegeheim. Die Kostenübernahme sei zwar eine enorme Erleichterung, dennoch habe auch er nie abhängig sein wollen, sagt Gunther B.: "Wenn du dein Leben lang für deine Familie, Frau und Kinder gesorgt hast und du kannst das auf einmal nicht mehr, und deine Ersparnisse und alles was du hattest, das ist auf einmal verbraucht – dann bleibt dir ja nichts anderes übrig, als zum Amt zu gehen. Man will ja auch nicht unter der Brücke schlafen."

Das Ehepaar hat sich seinen Lebensabend eigentlich ganz anders vorgestellt. Doch auch Ingrid und Gunther B. sind aufgrund der Operation und der hohen Kosten für das Pflegeheim unverschuldet in die Altersarmut gerutscht.

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung liegt das Armutsrisiko bei Rentnern zur Zeit bei 16,2 Prozent, bis 2036 soll die Quote auf 20,2 Prozent steigen. Demnach wäre dann jeder fünfte Rentner armutsgefährdet. Sieht so soziale Gerechtigkeit aus? Ilka Bessin macht das nachdenklich. "Man denkt gar nicht, dass so viele Menschen von Altersarmut betroffen sind. Ich habe in Hamburg Rentner kennengelernt, die einerseits zwar gut drauf waren, aber die mir andererseits Geschichten erzählt haben, dass ich dachte: Ich  möchte so nicht alt werden. Wenn man so viel gearbeitet hat, möchte man im Alter doch nicht so abhängig sein und einfach so an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. Das finde ich wirklich traurig!"

"Das Rentenniveau abzusenken, um die Riester-Rente zu fördern, war ein Schlag ins Gesicht vieler Rentner."

Live bei stern TV übte der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm scharfe Kritik an den Veränderungen im Rentensystem. Hier sehen Sie noch einmal das gesamte Studiogespräch zum Thema Altersarmut:



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