HOME

Warum viele US-Bürger ihr Land verlassen

Seit Donald Trumps Wahlsieg sind Carrie und Bryan Howell fest entschlossen, ihre Heimat im US-Bundesstaat Kentucky zu verlassen. Sie geben ihre Jobs auf, verkaufen ihr neues großes Haus – und ziehen nach Deutschland. Und damit sind sie nicht die einzigen, die wegen des neuen US-Präsidenten auswandern wollen.

Carrie und Bryan Howell aus Mayfield, (Kentucky) wollen ihr Haus verkaufen und nach Deutschland auswandern.

Carrie und Bryan Howell aus Mayfield, (Kentucky) wollen ihr Haus verkaufen und nach Deutschland auswandern.

"Ich habe am Abend der Wahl zu Carry gesagt: Wir müssen weg hier, wir verlassen dieses Land!", erzählt Bryan Howell. Das Paar versteht nicht, dass fast 75 Prozent der Leute in ihrer Gegend für Donald Trump als neuen Präsidenten von Amerika gestimmt haben. Mayfield ist erzkonservativ. "Für die Leute hier in Westkentucky sind drei Dinge wichtig: Waffen, der Kampf gegen Abtreibung und eine extreme Religiösität", sagt Bryan Howell. Die Howells sind liberal und stimmten für Hillary Clinton. Das mache sie zu Außenseitern, sagen sie, mittlerweile haben sie sogar Feinde. Vor allem ihre berufliche Existenz als freiberufliche Webdesigner sei deshalb bedroht: "Wir haben andere politische Ansichten als die Menschen hier vor Ort", so Carry und Bryan Howell. "Wir haben schon Kunden verloren und haben Angst, dass die wachsenden Spannungen in den Staaten, insbesondere in Gegenden wie hier, dazu führt, dass wir aufgrund unserer politischen Überzeugung keine Aufträge mehr bekommen."
In der Vergangenheit arbeiteten die beiden schon für viele namhafte Firmen in den USA. Carry und Bryan Howell kennen sich schon seit der Highschool. Sie heirateten mit Anfang 20. Beide sind in Kentucky aufgewachsen und dort mit ihren Familien verwurzelt. Trotzdem wollen sie ihr Idyll auf dem Land nun aufgeben, ein Haus, das sie erst vor drei Jahren gekauft und nach ihren Wünschen gestaltet haben: 280 Quadratmeter Wohnfläche, dazu fünf Hektar Land. "Das ist furchtbar traurig für uns, dass wir nun hier raus müssen. Aber wir halten die Zustände hier nicht mehr aus."

"Trump stellt die Grundwerte unseres Landes in Frage"

In den 15 Wochen seiner Amtszeit sorgte Donald Trump weltweit fast täglich für Schlagzeilen. Angefangen von dem Mauerbau zu Mexiko, über das Einreiseverbot für Menschen aus vorwiegend muslimischen Ländern, die Maßnahmen im Syrien-Konflikt, den Streit mit Nordkorea – oder die Tatsache, dass er Umweltschutz für überflüssig hält… Für die Howells sind viele dieser Entscheidungen schier unerträglich: "Dieses Land ist gegründet worden von Menschen, die religiös verfolgt wurden. Wenn jetzt bestimmten Menschen die Einreise verweigert wird aufgrund ihrer Religion, dann stellt das doch die Grundwerte unseres Landes in Frage!" sagt Carry Howell. Die USA sei nicht mehr ihr Land – nicht mit Trump als Präsident. Und weil er bleibt, gehen die Howells: In Deutschland wollen sie ein neues Leben beginnen. "Der Grund warum wir Deutschland so toll finden ist, dass alles dort so gut organisiert ist – das kommt mir entgegen – diese typisch deutsche Eigenschaft habe ich auch. Worauf ich mich am meisten freue, ist das fortschrittliche Denken für das Deutschland weltweit bekannt ist – in Sachen Energie, Recycling, regionale Produkte. Insbesondere in der Großstadt, da geht man jeden Tag einkaufen. Das hört sich an wie ein neues Paradies für uns."

Tatsächlich sind Carry und Bryan Howell wohl keine typischen Amerikaner. Sie lieben es, Fahrrad zu fahren, Bryan ist begeisterter Bienenzüchter – ein naturverbundenes, nachhaltiges Leben wünschen sie sich auch in der Zukunft und hoffen, in Deutschland ähnlich denkende Menschen zu treffen.

Auf ihr "Traumland" sind die Howells unter anderem durch einen "Auswanderer-Selbsttest" gestoßen. Seit ihr Entschluss steht, lernen die beiden mit einem Sprachlernprogramm deutsche Sätze. "Wir möchten beide die Erfahrung machen, die Sprache zu sprechen. Wir werden natürlich nie perfekt sein. Aber wir würden mit Deutschen gern eine deutsche Unterhaltung führen und dazugehören."

Die Wahl von Donald Trump als finaler Auslöser

Der Auswanderungsplan der Howells ist kein Einzelfall, weiß Tia Hardy Robinson, die mit ihrem Unternehmen Expath Amerikanern bei ihrem Neuanfang in Deutschland hilft. "Die Wahl von Trump war wirklich ein Auslöser für die Leute wegzugehen", sagt sie. Seitdem Donald Trump Präsident ist, bekommt Tia Robinson viele Anfragen, wie auch von Carry und Bryan Howell. Ein älteres Paar beispielsweise schrieb:

Es ist sehr hart für uns, unser einst so glückliches Zuhause zu verlassen. (...) aber Trump ist unerträglich für uns. Dass unser Land einmal so tief sinkt, hätten wir nie gedacht.

Eine junge Frau suchte ebenfalls Hilfe:

Mein Freund lebt in Deutschland, wir wollen heiraten. Bisher konnten wir uns nicht entschließen, in welchem Land wir leben wollen. Aber mit Trumps Einwanderungsgesetz und mit seiner Abschottungspolitik ist klar – ich ziehe nach Deutschland.

Die Amerikanerin Adrianne ist gleich im Januar ausgewandert. Sie unterstützte bereits den Wahlkampf von Barack Obama und war zuletzt im Team von Hillary Clinton. "Alle versammelten sich am Tag der Wahl. Wir dachten es wäre ein großartiger Moment der Geschichte: zum ersten Mal eine Frau als Präsidentin! Aber stattdessen Das – wir waren fassungslos", erzählt sie. Adrianne und ihr Mann zögerten nicht lange und reisten kurz nach der Wahl nach Deutschland. Sie verdient ihr Geld als Nachhilfelehrerin; in den USA sehe sie ihre Zukunft nicht mehr: "Trump steht meiner Meinung nach für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die weiße Vorherrschaft", so die Amerikanerin. "Er repräsentiert das Schlimmste der Menschheit und der Internetgemeinde, und ist jetzt der mächtigste Mann der Welt."

Der amerikanische Traum ist mit Trump für viele Amerikaner zum Albtraum geworden. Die Folge: Hochqualifizierte Leute wie die Howells verlassen das Land. Selbst prominente Stars wie Whoopi Goldberg, Cher, Sienna Miller oder Samuel L. Jackson hatten angekündigt, den USA in der Konsequenz den Rücken kehren zu wollen.
Bryan Howell hat sich bei einem großen deutschen Automobilkonzern beworben und gute Aussichten auf den Job. Im Juni könnte es für das Paar schon heißen: Goodby Kentucky, hallo Berlin!


Partner-Tools