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Wie ein Vater in der IS-Hölle nach seinen Söhnen sucht

"Ich hole euch zurück", hat sich Joachim Gerhard geschworen. Der Vater verlor seine zwei Söhne an den IS. Er reiste nach Syrien, um sie mitten in der Terroristen-Hölle wiederzufinden. An den angeblichen Tod seiner Jungs will er nicht glauben. Für ihn sind sie noch zu retten.

Joachim Gerhard verlor seine beiden jugendlichen Söhne an den so genannten "Islamischen Staat". Ihr letztes Lebenszeichen: ein IS-Propaganda-Video.

Joachim Gerhard verlor seine beiden jugendlichen Söhne an den so genannten "Islamischen Staat". Ihr letztes Lebenszeichen: ein IS-Propaganda-Video.

Eigentlich wollten die beiden ein Wochenende in Wien verbringen. Das jedenfalls ließen die 18 und 22 Jahre alten Brüder aus Kassel ihre Eltern glauben. Doch von ihrem angeblichen Wochenendtrip kehrten Fabian und Manuel nicht mehr zurück. Das war im Oktober 2014, vor fast zwei Jahren.

Tatsächlich hatten die Söhne der Gerhards damals ein ganz anderes Ziel gehabt: Sie waren nach Syrien gereist, um sich der Terrororganisation IS anzuschließen. Erst in einer Videobotschaft hatten ihre Eltern von den Plänen der Jungs erfahren: Zwischen dir und mir ist Feindschaft, bis du bezeugst, dass es nur einen anbetungswürdigen Gott gibt und dass Mohammed sein Gesandter ist, sagt Fabian dort. "Das war das letzte Lebenszeichen", erzählt ihr Vater Joachim Gerhard. "Was haben die mit denen gemacht, dass sich ein Mensch so verändert, innerhalb von kurzer Zeit?"

Manuel, der jüngere der beiden Brüder, hatte sogar noch einen Abschiedsbrief geschrieben: Liebe Mama, lieber Papa. Das erste, was ich euch sagen will: Bleibt standhaft. Und wisset, dass ich euch beide liebe und ihr immer meine geliebten Eltern bleibt. Ich möchte euch sagen, dass ich durch euch die schönste Kindheit hatte, die ich mir vorstellen kann. Und ich werde euch dies nie zurückgeben können (...).  Ein Abschied für immer, für ein Leben bei der Terrorgruppe "Islamischer Staat".  "Das war wie ein Alptraum, wie ein Schock", sagt Joachim Gerhard. Immer wieder hätten die Eltern versucht, ihre Jungs zu erreichen, hätten ihnen SMS geschrieben, auf die Mailbox gesprochen. "Aber im Endeffekt war das sinnlos, die waren weg, sind nicht mehr ans Telefon gegangen. Dann sind wir erstmal zur Polizei."

Anderthalb Monate lang ging der Vater durch die Hölle. Seine Söhne meldeten sich nicht, ihm blieben einzig und allein die Ungewissheit und verwaiste Kinderzimmer. Im Dezember dann erhielt Joachim Gerhard erstmals einen Anruf von Fabian. In dem Telefonat habe er geheut und gerufen, sie mögen zurückkommen, er sei ihnen nicht böse. "Da sagt er 'Nein, Papa, wir wollen hier leben. Weil wir in Deutschland den Glauben nicht leben dürfen'."

Mit Vaters BMW an die türkisch-syrische Grenze

Fabian und sein Bruder Manuel waren zwei ganz normale Jungs aus Kassel. Der eine hatte eine Schauspielausbildung, der andere wollte Fotograf werden. Sie hatten ein enges Verhältnis zu ihren Eltern. Den Weg zum Islam hatten sie über einen gemeinsamen Freund gefunden – und die beiden konvertierten nur wenige Monate vor Ihrem Verschwinden zum Islam. Joachim Gerhard hatte sich offen gezeigt und sie mehrmals in die Moschee begleitet. Ihn habe vor allem überrascht, wie viele Deutsche dort waren, erzählt der Vater: "Das war so faszinierend für mich, dass ich gedacht habe: Vielleicht ist es ja was Gutes für die jungen Leute, dass sie nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, nicht in die Disco gehen. Vielleicht ist es ja was Positives." Noch dazu schworen Manual und Fabian, dass sie mit dem IS nichts zu tun hätten. Doch es kam anders. Die beiden hatten sich für den angeblichen Wien-Trip den BMW ihres Vaters ausgeliehen. Damit waren sie mit zwei Freunden bis in die Türkei gefahren, bevor sie mit anderen Terror-Anwärtern die Grenze nach Syrien überquerten. Die Polizei fand den Wagen. Darin seien die Pässe der Kinder versteckt gewesen, so Joachim Gerhard, um sie zu haben, wenn sie wieder herauskommen. "Das wollten sie ja anscheinend. Wie uns die Polizei gesagt hat, wollten mehrere Leute das Auto anstecken." 

Zwei Kilometer entfernt – und man kann nichts machen

Wollten Manuel und Fabian nur einen kurzen Ausflug in den sogenannten Islamischen Staat machen? Und versuchten dann IS-Leute, ihre Spuren verschwinden lassen? Joachim Gerhard kann nur spekulieren. Damals hielt er den Kontakt mit seinen Söhnen aber weiter aufrecht. Sie schickten ihm Fotos von Grillabenden und erzählten, wie schön es in Syrien sei. Schließlich luden sie ihren Vater sogar ein. "Sie hatten den Kommandanten gefragt und die Freigabe bekommen, dass ich sie als Nicht-Moslem besuchen darf. Ich dürfte zehn Tage bleiben und müsste dann wieder ausreisen oder den Islam annehmen."

Joachim Gerhard machte  sich auf die Reise in das türkische Grenzgebiet – in der Hoffnung, seine Söhne vielleicht mit nach Hause nehmen zu können. Kurz vor der syrischen Grenze erhielt er eine Nachricht von Fabian: Zurzeit ist es nicht möglich, dass Du uns besuchen kannst. Die Gründe weiß ich nicht. Die zwei Tage wären ja eh kurz gewesen. Nochmal runterfliegen, wenn wir erfahren, dass es wieder möglich ist, dass Du kommst, dann sagen wir dir Bescheid.

Das sei für ihn das Schlimmste gewesen, sagt Joachim Gerhard: "Wenn man weiß, die Kinder sind zwei Kilometer entfernt und man kann sie nicht rausholen, weil man nicht weiß, was man machen soll!"

Ein Freund, der mit Fabian und Manuel nach Syrien gegangen war, erfuhr davon, dass Gerhard an der Grenze wartete. Der Junge nutzte die Gelegenheit zur Flucht. Joachim Gerhard nahm ihn in Empfang, musste jedoch ohne seine eigenen Söhne zurückfahren. Und dann reagierten die beiden plötzlich nicht mehr auf die Anrufe ihres Vaters.
Monate später, im März 2015, erhielt Joachim Gerhard ein Video von Fabians Handy. Darin der Vorwurf: Du hast gegen uns gearbeitet. Du hast jemandem zur Flucht verholfen, abgesehen davon, ob diese Person freiwillig gehen will oder nicht. Dies ist für mich und ihn eine Lossagung von dir. Weil du gegen uns arbeitest und gegen den Islam. Du bist unser Feind.

Und es kam noch schlimmer: Wenige Tage später erhielt Joachim Gerhard eine SMS:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Hallo Joachim,

deine ehrenwerte Söhne Hamza (Fabian) und Arif (Manuel) haben sich dafür entschieden das Wort Allahs das höchste zu machen.

Sie sind der absoluten Pflicht nachgekommen[…]. Bei der Verteidigung ihrer Brüder und Schwestern im Glauben wurden sie niedergeschossen.

Ermittlungsverfahren noch nicht eingestellt

Joachim Gerhard will das nicht glauben. Er ist davon überzeugt, dass der Tod seiner Kinder eine Lüge ist: "Ich will zumindest so lange weiter machen, bis ich hundert Prozent den Beweis habe, dass sie tot sind. Dass man abschließen kann – oder dass sie irgendwo leben und man kann sie rausholen, kann sie retten."
Auch laut Staatsanwaltschaft Frankfurt lägen noch keine Beweise für den Tod der Jungen vor. Sie bestätigen: Offizielle Todesmeldungen oder amtliche Bestätigungen sind aus dem Bürgerkriegsland nicht zu erlangen. Daher ist das Ermittlungsverfahren derzeit noch nicht eingestellt.

Joachim Gerhard reiste an die 20 Mal in das Grenzgebiet, um nach seinen Söhnen Fabian und Manuel zu fahnden, wagte sich einmal sogar bis nach Kobane in Syrien vor. Ergebnislos.
Für die Eltern ist es ein täglicher Kampf mit der Angst um ihre Kinder, und mit der Herausforderung, wieder ein normales Leben führen zu können. Joachim Gerhard hat seit anderthalb Jahren nichts mehr von seinen Söhnen gehört. Das Buch, das er inzwischen über ihn und seine Kinder schrieb, soll andere Eltern warnen. Es gibt ihm aber auch die Kraft und den Mut, weiterzumachen: "Kommt zurück!", so sein Apell über stern TV. "Das ist für mich das Wichtigste: dass sie hier sind und dass ich sie beide wieder in den Arm nehmen kann. Und da glaube ich weiter fest dran."


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