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Warum Händler und Versicherungen die Sicherheitslücke verkennen

Vor wenigen Wochen berichtete stern TV erstmals über die praktischen Keyless-Systeme. Trotz des bewiesenen Sicherheitsrisikos reagieren Autohersteller und Versicherungen kaum. Wir haben sie auf eigenwillige Art mit der Problematik konfrontiert.


Praktisch ist die neue Technik ja schon. Wer einen Wagen mit dem so genannten Keyless-System besitzt, kann ihn auch mit dem Schlüssel in der Hosentasche aufschließen und starten. Denn der Schlüssel sendet automatisch ein Funksignal ans Auto. Diese moderne "schlüssellose" Technik macht aber auch Autodieben das Leben leicht, wie der stern TV-Bericht vor wenigen Wochen bewies: Bei unserem Diebstahl-Test zusammen mit Sicherheitsberater Udo Hagemann konnten wir an einem einzigen Nachmittag mit einer entsprechenden Überbrückungs-Hardware sieben Autos von den Besitzern unbemerkt öffnen und starten.

Das Signal des Funkschlüssels lässt sich mit einem einfachen Gerät abgreifen und über einen Mittelsmann an den Wagen funken. Tür auf, Startknopf drücken – losfahren. Das Ganze dauert weniger als eine Minute, weiß Udo Hagemann: "Der Schlüssel kommuniziert mit dem Fahrzeug. Mit einem speziellen Gerät, einem Signal-Verstärker, kann man sich dazwischen hängen und das Funksignal des Schlüssels abgreifen, so dass das Fahrzeug glaubt, der echte Schlüssel befände sich in der Nähe", so der Experte. "Fast alle Autohersteller weltweit nutzen das gleiche Keyless-System."

Versicherung zahlt erst bei Diebstahl-Beweis

Auf diese Weise wurde vermutlich auch der BMW von Marco Matthes in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar aus einem Vorort von Berlin gestohlen. Die Täter gingen geräuschlos vor, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. "Ich hatte meinen Autoschlüssel in meiner Jackentasche, die ungefähr ein Meter von der Tür an der Garderobe hing", erzählt Marco Matthes. "Der Parkplatz, der uns zugewiesen ist, ist letztendlich anderthalb Meter von der Hauseingangstür entfernt."

Der 30-Jährige und seine Lebensgefährtin wären mit ihrem neugeborenen Baby eigentlich dringend auf das Auto angewiesen, deshalb hatte Matthes den BMW gekauft. Mittlerweile schlägt er sich seit zwei Monaten mit der Polizei und der Kasko-Versicherung herum – und der Bericht der Polizei soll noch weitere drei Monate auf sich warten lassen. Ohne den Bericht weigert sich die Versicherung jedoch, den Fahrzeugverlust zu regeln. Und so muss der junge Vater die  Kreditraten für sein gestohlenes Auto weiterhin bezahlen. "Das sind etwa 500 Euro, die im Grunde in ein schwarzes Loch verschwinden – für ein Fahrzeug, das wir nicht mehr haben", sagt er.

Keyless-Täter schlagen bundesweit zu

Wie viele Autos mittlerweile durch Keyless-Diebstähle entwendet wurden, lässt sich nicht genau nachhalten. Bei mindestens 116 KFZ-Diebstählen in den letzten 14 Wochen geht die Polizei aber von Keyless-Tätern aus. Die Täter schlagen bundesweit zu.

Wie so ein Diebstahl vor der eigenen Haustür in vielen Fällen – und wohl auch bei Marco Matthes – abgelaufen sein könnte, demonstrierte stern TV in einem Test mit Udo Hagemann. Das vermeintliche Opfer: Ogden Hanke. Er besitzt einen nagelneuen Renault Megane und war mit dem Test einverstanden.

Mit der Signal-Technik fing ein Teammitglied das Funksignal des Schlüssels vor der Wohnungstür Hankes im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses ab. Nur eine Minute später konnte Experte Hagemann den vor dem Haus an der Straße geparkten Wagen öffnen, einsteigen und starten, ohne dass er im Besitz des Autoschlüssels war. "Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das Keyless-System so nicht gekauft", so Hanke.

Reklamation nur mit Verlust

Das Experiment wühlte den Ogden Hanke so sehr auf, dass er sein Auto beim Händler reklamieren wollte. Doch der Rückgabeversuch scheiterte. Zwar gab man im Autohaus zu, das Problem zu kennen und die Sorge der Autobesitzer zu verstehen. Eine Rücknahme des Wagens würde aber nur zum Händlereinkaufspreis gehen, so das miserable Angebot des Chef-Verkäufers. Also mit erheblichem Verlust. "Ich fühle mich von Renault im Stich gelassen", so der enttäuschte Neuwagenbesitzer.

Autohändler werben für die Sicherheit

Kann man gegen den Autohändler in einem solchen Fall juristisch vorgehen? Laut Rechtsberaterin Silvia Schattenkirchner vom ADAC sind die Aussichten schlecht. Wenn sich ein Kunde gerade erst für ein Keyless-Fahrzeug interessiert, nimmt die Verbraucherschützerin die Händler aber in die Pflicht: "Ein verantwortungsvoller Händler sollte seinen Kunden, der sich für Keyless interessiert, zumindest auf die Risiken hinweisen und ihn darüber informieren, dass derzeit ein erhöhtes Sicherheitsrisiko bestehen kann."

Auch das hat stern TV mit versteckter Kamera getestet: Zwei Lockvögel interessierten sich bei VW vermeintlich für einen Golf 7 in der Keyless-Ausführung. "Prinzipiell ist das System sicher. Keyless ist keine Einladung für Diebe, den Wagen zu stehlen. Definitiv nicht", versicherte der Verkäufer sogar auf Nachfrage.

Bei der viel beworbenen sensor-gesteuerten Heckklappe von Opel wurde den beiden Test-Autokäufern ebenso versichert, dass das System sicher sei. Ein Test, den Udo Hagemann während einer Probefahrt mit dem Opel Astra machte, zeigte jedoch: Nach 10 Sekunden ist auch die Heckklappe mit der Signal-Technik geöffnet. Damit wäre der 25.000 Euro teure Wagen im Nu weg. 

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