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Kleines Mädchen, große Operation: Wie Familie Mehler die erste große Herausforderung meistert

Schon lange vor Olivias Geburt wussten ihre Eltern, dass ihre Tochter das Down Syndrom haben würde. Im Gegensatz zu den meisten werdenden Eltern entschieden sie: Wir bekommen dieses behinderte Kind. Olivia kam mit einem Herzfehler zur Welt. Auch das war vorher bekannt. Doch nun steht dem kleinen Mädchen die große Operation bevor.

Die fünf Monate alte Olivia kam mit Down Syndrom zur Welt.

Die fünf Monate alte Olivia kam mit Down Syndrom zur Welt.

Olivia lächelt im Arm ihrer Mutter. Die Kleine ist inzwischen fünf Monate alt. Schon vor ihrer Geburt wussten ihre Eltern, dass Olivia einen Herzfehler haben würde und operiert werden müsste. Vor dreieinhalb Wochen war dieser Tag gekommen - für Susie und Andreas Mehler nicht leicht: "Die Angst, dass wir sie nicht wieder mitnehmen können, die Sorge ist schon enorm", so Olivias Mutter.

Das Leben des kleinen Mädchens ist beinahe ein Wunder. Denn heutzutage werden neun von 10 Schwangerschaften, in denen das Down Syndrom diagnostiziert wird, vorzeitig abgebrochen. Erst vor wenigen Tagen wandte sich eine junge Frau mit Down Syndrom in der ARD-"Wahlarena" an die Bundeskanzlerin: "Frau Merkel, Sie sind Politikerin, Sie machen Gesetze. (...) Neun von zehn Babys mit Down Syndrom werden in Deutschland nicht geboren. (…) Ein Baby mit Down Syndrom darf bis wenige Tage vor der Geburt abgetrieben werden. Das nennt man Spät-Abbruch", so die 18-jährige Kölnerin. "Meine Kollegen und ich fragen Sie, Frau Merkel, wie stehen Sie zum Thema Spät-Abbruch? Wieso darf man Babys mit Down Syndrom bis kurz vor der Geburt noch abtreiben? Ich finde es politisch nicht gut. Dieses Thema ist mir wichtig. Ich will nicht abgetrieben werden, sondern auf der Welt bleiben."

Anderen werdenden Eltern Mut machen

Auch Susie und Andreas Mehler sehen das so. "Wäre Olivia nicht da, wären wir nicht komplett", sagt die zweifache Mutter. Nachdem das Paar in der 22. Schwangerschaftswoche von dem Gen-Defekt, medizinisch "Trisomie 21", ihres zweiten Kindes erfahren hatte, entschlossen sich die Mehlers bewusst, ihre Tochter dennoch auf die Welt zu bringen. Bei stern TV machten sie ihre Geschichte öffentlich. "Wir möchten anderen Eltern Mut machen, sich trotz aller Widrigkeiten und Ängste für ihr Kind zu entscheiden“, sagte Susie Mehler noch kurz vor der Geburt.

Eine der Ängste, die mit Olivias Geburt verbunden waren, sollte ihr komplizierter Herzfehler sein. Das Herz des Mädchens  hat einen Defekt an der Scheidewand. Zudem sind auch die beiden Herzklappen, die Vorhöfe und Kammern voneinander trennen, fehlgebildet. Diese Art der Fehlbildung tritt sehr häufig bei Kindern mit Down-Syndrom auf – und muss baldmöglichst nach der Geburt korrigiert werden.

Nach sechs quälenden Stunden Gewissheit

Am 21. August, um 7:15 Uhr in der Frühe, mussten die Mehlers Olivia den Händen der Ärzte überlassen. Die Operation würde bis zu sieben Stunden dauern – lange, quälende Stunden für die Eltern. "Das muss ich jetzt erst mal kurz sacken lassen. Dass sie jetzt weg ist. Dass wir nichts mehr machen können. Dass wir nichts mehr in der Hand haben. Wir können auch nicht mehr auf sie aufpassen. Und das muss ich jetzt erstmal kurz verdauen", sagte Susie Mehler nach der Trennung von ihrem Kind. Um sich abzulenken, führen die beiden für ein paar Stunden nach Hause. "Ich gucke immerzu auf die Uhr, habe die ganze Zeit mein Handy in der Hand", so die Mutter. Nach über sechs Stunden erhielten sie endlich Gewissheit: Ihre Tochter hat die Operation überstanden. Das Mädchen wurde zunächst auf der Intensivstation des Herzzentrums künstlich beatmet und über die ersten Tage ärztlich genau beobachtet. Doch schon neun Tage nach dem großen Eingriff durften die Mehlers Olivia nach Hause, zu sich und Brüderchen Julius holen.

Auch der Chefarzt Prof. Peter Ewert zeigte sich erleichtert: "Wir sind sehr zufrieden, weil das kein einfacher Herzfehler ist, der da operiert wurde. Und Olivia hat Trisomie 21 – ein weiterer Faktor, der dazu führen kann, dass die Genesung länger dauert. Aber das erleben wir bei ihr gar nicht. Sie ist nach vier, fünf Tagen wieder auf die Normalstation gekommen. Die Operation ist gut verlaufen." Dennoch hätten nicht alle Defekte direkt behoben werden können, so der Mediziner, der Ultraschall habe gezeigt, dass die operierten Herzklappen noch "kleine Undichtigkeiten" aufweisen. Das müsse man weiter ambulant kontrollieren und beobachten.

Eine Woche nach den Dreharbeiten schickte die Familie stern TV ein Handyvideo der Mehlers, darin Susie Mehler: "Wir sind jetzt komplett. Und wäre sie nicht da, wären wir nicht komplett. Sie ist wirklich eine Bereicherung. Es ist schön zu sehen, wie die beiden Kinder miteinander umgehen. Es fühlt sich irgendwie an, als wäre Olivia immer dagewesen. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne sie war."
Angela Merkel sah das übrigens ganz ähnlich. Sie antwortete der jungen Frau: An ihr sehe man, was man heutzutage mit Förderung, guter Betreuung und Bildung erreichen könne.