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Wie Tierschützer gegen den Handel mit kranken Hundebabys ankämpfen

Das Geschäft mit Hundewelpen aus Osteuropa boomt weiter. Doch die Tiere und ihre neuen Besitzer leiden unter der Skrupellosigkeit, mit der die Händler agieren. Auch dieser vermeintlichen Züchterfamilie wurde viel zu spät das Handwerk gelegt.

  Einer von zahllosen Welpen, die unter unwürdigen Bedingungen aus Polen importiert und gehalten werden. 

Einer von zahllosen Welpen, die unter unwürdigen Bedingungen aus Polen importiert und gehalten werden. 


Als die rund 60 Polizeibeamten das Anwesen des Hundehändlers in Kreuztal bei Siegen umstellten, ahnten sie noch nicht, was sie dort vorfinden würden. Wenige Minuten später folgte der Schock: flehende Hundeaugen, verdreckte Zwinger, blutiger Kot im Wassertrog, tote Muttertiere – tote Welpen. "Solche Bilder kenne ich sonst nur aus Osteuropa", sagt Birgitt Thiesmann von der Organisation Vier Pfoten, die den Einsatz der Beamten begleitet hatte. "Bei dieser Razzia war ich auf solche extremen Zustände nicht eingestellt. Die Hunde haben nach Aufmerksamkeit gewinselt, sie haben förmlich darum gebettelt, dass man sie dort rausholt."

Die Tierschützerin kämpft schon seit Jahren gegen das skrupellose Geschäft mit kranken Hundebabys, die über Anzeigen im Internet vielfach als Tiere "aus einer Liebhaberzucht" angeboten werden. Doch die Realität ist anders und hat sich einmal mehr als derart grausam gezeigt. Tatsächlich stammen die Hunde nämlich aus regelrechten Zuchtfabriken, so genannten "Vermehrern" im Ausland und sind oft von Geburt an schwer krank. Mit gefälschten Papieren werden die Welpen dann in Deutschland verkauft.

Im Fall des Hundehändlers aus Siegen ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs und Bandenkriminalität. "Es wurden fünf tote Hunde vorgefunden, die teilweise einfach vor der Garage auf dem Grundstück lagen. Ein Welpe wurde in einem Wäschekorb gefunden, abgedeckt, um den sich auch niemand gekümmert hat. Der lebte noch, ist dann alsbald aber auch gestorben", berichtet Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli, dem der Bericht vorgelegt wurde. Insgesamt wurden bei der Razzia in Siegen 106 Hunde beschlagnahmt, darunter mehr als 30 Welpen. Ein Großteil davon, so die Staatsanwaltschaft, sei erst kurz vor dem Zugriff aus Osteuropa geliefert worden. Schwere Entzündungen an Augen und unter dem Fell, stereotypes Verhalten – die meisten von ihnen werden nicht mehr lange leben oder mit schweren Folgeschäden kämpfen, fürchtet Birgitt Thiesmann.

So läuft der Welpenhandel ab

Der Händler kennt verschiedene Züchter, die jederzeit Mengen von Welpen liefern können. Muttertiere werden unter unvorstellbaren Bedingungen gehalten – mit nur einem Ziel: Vermehrung. "Das können Keller sein, das können Schuppen sein, das können Ställe sein, es gibt kein vernünftiges Futter, es gibt kein frisches Wasser, es gibt keine medizinische Hilfe, die Tiere liegen in ihrem eigenen Dreck", weiß Tierschützerin Birgitt Thiesmann.

Hat der Welpenhändler einen Auftrag, verabredet er sich mit den Züchtern und ihren infrage kommenden Tieren, um die Hunde einzusammeln. Dann wird eine Auswahl getroffen: "Die Tiere, die am gesündesten aussehen und den fittesten Eindruck machen werden ausgestattet mit Impfpässen, die in der Regel gefälscht sind", so Birgitt Thiesmann. "Das heißt, die Tiere sind nicht geimpft."

Dann werden die Welpen in Transporter verladen und in das Bestimmungsland gebracht. Die Transporte dauern oft Stunden oder sogar Tage. Für die sehr jungen Tiere ist das eine Tortur. Noch dazu haben sie oft Würmer, Milben oder andere Parasiten und leiden an psychischen Störungen und/oder tödlichen Krankheiten wie Paravirose oder Staupe, sagt die Expertin. 

Sobald die Grenzen passiert wurden,  kann das Geschäft abgeschlossen werden. In Westeuropa haben Rassewelpen einen besonders hohen Marktwert, die Gewinnmarge ist hoch. Selbst bei einer bereits einkalkulierten Sterberate unter den Hundebabys. In vielen Fällen werden die Welpen Zwischenhändlern oder Privatinteressenten vorgezeigt und unter gefälschten Angaben verkauft. Worauf Sie als potenzieller Kunde achten und wann Sie Verdacht schöpfen sollten, erklärt diese Checkliste für den Welpenkauf.


100 Anzeigen gegen den Hundehändler und keine Konsequenzen

So erging es auch Spyro, dem Golden Retriever von Desirée Mack. Sie hatte ihren Hund vor knapp drei Jahren von ebendiesem Händler in Siegen gekauft. Spyro musste schon als Welpe an beiden Ellenbogen operiert werden. "Die Lahmheit begann mit sieben Monaten, da konnte er kaum noch aufstehen und ist dabei immer wieder weggeknickt – bis dann alle zu dem Punkt kamen: entweder Operation oder Einschläfern", erzählt die Hundebesitzerin. Der allererste Tierarztbesuch hatte schon gezeigt, dass der junge Hund voller Würmer und Parasiten war. Für Spyros Behandlungen beim Tierarzt hat Desirée Mack in weniger als drei Jahren fast 10.000 Euro ausgegeben – dabei war sie sicher, dass ihr Hund für knapp 1000 Euro samt Papieren aus einer seriösen Hundezucht in Deutschland stammt, die damit warb: Zauberhafte Golden Retriever Welpen suchen ab sofort ein neues Zuhause. Unsere Welpen werden bei uns in der Familie groß. Von den grauenhaften Zuständen, die die Polizei dort nun vorfand habe sie nichts mitbekommen, sagt Desirée Mack.

Tierschützerin Birgitt Thiesmann kann das bestätigen: Die Inserate hören sich immer wunderbar an und den Interessenten würde bei einem Besuch eine heile Welt vorgegaukelt. Auch bei Spyro stellte sich jedoch heraus: Der Chip, der dem Hund implantiert worden war, stammte nicht aus Deutschland. Und im Impfpass stand lediglich die Adresse von Familie Mack, nicht die des Züchters.

Auch Familie Schleicher war überzeugt davon, dass ihr Hund aus einer Liebhaberzucht stammen würde – immerhin legte der Hundehändler ihnen einen Impfausweis mit Stempel und Unterschrift einer deutschen Tierärztin vor: Beate K. Sie hatte auch Spyros Impfpass unterschrieben. Wie viele andere hatten sich die Schleichers getäuscht. Der Chip ihres Golden Retrievers stammte aus der Slowakei. Die Familie erstattete Strafanzeige. "Mir wurde gleich gesagt, dass es schon über 100 Anzeigen gibt. Und dass der Händler zur Vernehmung vorgeladen wird, aber in Regel einfach nicht erscheint", erzählt Horst Schleicher. "Wenn schon 100 Anzeigen vorliegen, dann muss der Staatsanwalt doch mal etwas unternehmen. Aber es passierte nichts, weil das Problem wohl ist, dass man ihm nicht nachweisen kann, dass die Hunde tatsächlich aus dem Ausland kommen."

Ermittlungen wegen organisierter Kriminalität

Das Ehepaar Schleicher hatte vier Jahre lang darum gekämpft, dem Hundehändler, der ihnen einen todkranken Welpen verkauft hatte, das Handwerk zu legen: Sie schalteten Annoncen bei eBay-Kleinanzeigen, um andere vor dem Händler zu warnen. Sie starteten einen Aufruf bei Facebook, auf den sich allein 50 Geschädigte meldeten. Sie zeigten den Hundehändler, seine Frau und die Tierärztin Beate K. an. Doch alle Verfahren wurden eingestellt. Sie schrieben an die Tierärztekammer, ans Veterinäramt,  an den Landrat. "Und trotzdem hieß es immer nur, dass da doch alles in Ordnung sei", so Regina Schleicher.

Das änderte sich am 14. Dezember, als die Ermittlungskommission "Chip" der Kriminalpolizei Hagen genug Beweise gegen den Händler in der Hand hatte: Der 66-Jährige, seine Ehefrau und Tochter wurden festgenommen. Die Ermittlungskommission ist jedoch nicht etwa aus Tierschutzgründen eingesetzt worden, sondern weil es sich bei dem Hundehandel um organisierte Kriminalität handelt.

Der Hundehändler und seine Familie betrieben das Geschäft schon seit  Jahrzehnten. 2004 wurde dem Mann das Züchten und Handeln von Hunden bereits verboten. Ab 2006 führte seine Frau das Geschäft weiter – zusammen mit der Tierärztin Beate K.
stern TV hat beim zuständigen Veterinäramt nachgefragt, warum so lange nichts unternommen wurde. In einer schriftlichen Stellungnahme teilten sie unter anderem mit, dass man bei der letzten Kontrolle zu viele Zuchthunde vorgefunden habe.  Das Amt spricht von einer "massiven Überbelegung", die es in den Jahren zuvor offenbar nicht gestört hatte: stern TV liegen Protokolle der Betriebsprüfungen der letzten 10 Jahre vor. 2012 beispielsweise waren dort 109 Hunde, darunter 50 Zuchthunde – obwohl nur 30 erlaubt sind. Konsequenzen hatte das nicht.

Inzwischen liegt auch gegen die Tierärztin Beate K. ein Haftbefehlt vor, da die Beamten bei der Durchsuchung des Hundezüchtergeländes nicht nur starke Beruhigungsmittel, sondern auch vorausgefüllte Impfpässe fanden. "Die Tierärztin hat Blanko-Impfpässe ausgestellt, die dort in großer Zahl gefunden werden konnten. Ohne die Hunde jemals gesehen  zu haben", so Oberstaatsanwalt Pauli. "Das ist Betrug, oder wenigstens Beihilfe zum Betrug." 


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