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Das Geschäft mit dem Sterben

Siegfried T. hatte eine Patientenverfügung: Er wollte nicht pflegebedürftig werden - und keine unnötigen Intensivmaßnahmen. Doch ungeachtet seines ausdrücklichen Willens hielt man den 79-Jährigen nach einem Herzstillstand noch sechs Wochen am Leben. Warum wird in Kliniken ignoriert, was Patienten verfügen?

  Siegfried T. wollte ausdrücklich keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Doch die Klinik hielt ihn sechs Wochen am Leben.

Siegfried T. wollte ausdrücklich keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Doch die Klinik hielt ihn sechs Wochen am Leben.


"Mein Vater wollte nicht reanimiert werden. Er wollte nicht an Maschinen hängen, wie Beatmungsmaschinen. Er wollte nicht künstlich ernährt werden. Das war klar formuliert", sagt Anke Weilhammer. Die Tochter von Siegfried T. hat lange dafür gekämpft, dass der ausdrückliche Wille ihres Vaters geachtet wird. Zu lange. Denn der 79-Jährige wurde noch sechs Wochen am Leben gehalten, bevor man seiner Verfügung entsprach.

90 Prozent aller Deutschen wollen nicht im Krankenhaus sterben, besagt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Und doch endet das Leben der Hälfte all jener in einem Krankenbett in einer Klinik. So erging es auch Siegfried T. Der rüstige Rentner liebte das Leben. Er fühlte sich nicht alt. "Er ist mit dem Wohnmobil gereist, hat Sport gemacht, ist Fahrrad gefahren – er ist noch am Gletscher Ski gefahren" erzählt seine Tochter. "Er hat im Vollbesitz seiner Kräfte alles gemacht, was er machen wollte. Er war für sein Alter einfach noch sehr, sehr aktiv. Und er hat gesagt: 'Wenn mir mal etwas passiert, würde ich es mit so wünschen, dass ich einfach umfalle und weg bin'."

"Es war ein Kampf gegen die Ärzte"

Aus diesem Grund hatte Siegfried T. schon vor Jahren eine Patientenverfügung verfasst. Er wollte es seiner Familie bei seinem Ende leicht machen und verhindern, dass andere über ihn entscheiden oder ihn gar pflegen müssten. Er erklärte schriftlich, dass er im Falle irreversibler Bewusstlosigkeit, wahrscheinlicher schwerer Dauerschädigung des Gehirns oder des dauernden Ausfalls wichtiger Körperfunktionen mit einer Intensivtherapie oder Wiederbelebung nicht einverstanden ist. Für den Fall, dass er diesen Willen nicht mehr äußern könnte, bevollmächtigte er in einer Vorsorgevollmacht seine Frau und seine Töchter, diesen Willen für ihn zu vertreten. Doch es kam anders: Kurz vor seinem 80. Geburtstag, am 1. September 2016, blieb sein Herz einfach stehen. Nach mehr als zehn Minuten wurde Siegfried T. durch den Rettungsarzt wiederbelebt und im Krankenhaus an lebenserhaltende Geräte angeschlossen – bis zu diesem Zeitpunkt ist das Routine. Dennoch: Die Chancen, dass ein Mensch in diesem Alter von einem so langen Herzstillstand keinen bleibenden neurologischen Schaden erleidet liegen bei unter einem Prozent. Siegfried T. wachte gar nicht wieder auf.

Die Familie legte der Klinik sofort die Patientenverfügung vor, um den Willen des Vaters zu achten. "In dem Moment, als wir geäußert haben, die Patientenverfügung unseres Vaters umsetzen zu wollen – ab da begann ein Kampf gegen die Ärzte", so Anke Weilhammer.

Die Klinikärzte setzten den Willen von Siegfried T. nicht um. Die Familie war ratlos und drängte auf verlässliche Informationen und Begründungen, doch die Ärzte argumentierten, man solle der Situation Zeit geben. Man sehe Potenzial zur Verbesserung, habe es geheißen. Anke Weilhammer fühlte sich machtlos gegen die Mediziner. Da man ihr eine Einsicht in die Patientenakte verweigerte, fotografierte sie die Tagesberichte zu ihrem Vater. Darin wurde von den Ärzten ein wahrscheinlicher Hirnschaden mehrmals schriftlich vermerkt – verursacht durch den Sauerstoffmangel während der Bewusstlosigkeit.

75.000 Euro für lebenserhaltende Maßnahmen

Für den Palliativmediziner und Anästhesist Dr. Matthias Thöns aus Witten ist die Geschichte von Siegfried T. kein Einzelfall. Das Vorgehen der Klinik folge einem Kalkül, sagt er: Solange der Patient am Leben bleibt und in der Klinik intensivmedizinisch behandelt werden kann, ist er äußerst lukrativ. "Man sieht in den Akten, dass die Ärzte am 5. September schon einen schweren Hirnschaden beschreiben – das den Angehörigen aber so nicht mitteilen. Stattdessen wird davon gesprochen, dass man glaubt, dass alles wieder besser werde. Und das ist schlicht eine Lüge", so Matthias Thöns, der inzwischen als Gutachter für den Fall Siegfried T. fungiert. "99 Prozent der Patienten, die in solch einen Zustand kommen, wachen nicht mehr vernünftig und gesund auf, sondern haben schwerste neurologische Schädigungen."

Kliniken und Ärzte stünden unter einem enormen Kostendruck, sagt Thöns, der jahrelang als Anästhesist auf Intensivstationen gearbeitet hat. In seinem Buch berichtet er von zahlreichen Fällen, in denen alte, schwer kranke Menschen mit den Mitteln der Apparatemedizin behandelt wurden, obwohl kein Therapieerfolg mehr zu erwarten war: Patientenverfügungen werden missachtet und Angehörige mit schwammigen Argumenten und dem "Prinzip Hoffnung" manipuliert, so seine These. "Das Patientenwohl steht in dem System nicht mehr an erster Stelle, sondern an erster Stelle steht: Was kann man mit dem Patienten für Prozeduren machen und was ist der Erlös dabei?" 

Die Familie von Siegfried T. wollte sich mit den Argumenten der Ärzte nicht zufrieden geben, sie fürchtete, dass der Vater – sollte er je wieder aufwachen – nie wieder ein selbstbestimmtes Leben würde führen können. Genau das, was er nicht wollte! Schließlich entschied das Dresdener Betreuungsgericht am 10. Oktober im Sinne der Familie und dem von Siegfried T. niedergelegten Willen: Der Patientenverfügung sei hinreichend konkret und klar der Wille des Patienten [zu] entnehmen, einerseits bereits Wiederbelebungsmaßnahmen abzulehnen und andererseits allen Maßnahmen, die zu einer Verlängerung des Sterbevorgang führen, die Zustimmung zu versagen, so das Gericht. Am 13.10.2016 – mehr als sechs Wochen nach dem Infarkt – wurde Siegfried T. auf die Palliativstation des Klinikums verlegt und verstarb dort drei Tage später. Das Klinikum stellte der Krankenkasse für künstliche Beatmung und Intensivmaßnahmen  bei 75.237,74 Euro in Rechnung.

Das Geschäft mit der künstlichen Beatmung

Siegfried T. durfte schließlich sterben. Doch viele bettlägerige schwerkranke Menschen werden – anfangs auf Intensivstationen – und später außerklinisch in der ambulanten Betreuung von Pflegediensten über Monate oder Jahre beatmet, kritisiert der Intensivpfleger Andreas Herzig, der seit über 30 Jahren in der Pflege tätig ist. Der Bereich der künstlichen Beatmung sei zu einem riesigen Geschäft geworden: "Es ist in diesem System nicht gewünscht, dass sich die Menschen in dieser Beatmungssituation nochmal verändern. Das soll so bleiben. Das hat sicherlich einen finanziellen Hintergrund, weil mit der Einrichtung solcher außerklinischen Beatmungsmöglichkeiten eine große Menge Geld umgesetzt wird."
Ein ambulant beatmeter Patient bringt einer Pflegeinrichtung jeden Monat 20.000 bis 25.000 Euro ein. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl heimbeatmeter Patienten verdreißigfacht. Inzwischen sind dadurch so genannte Pflege- oder Beatmungs-Wohngemeinschaften entstanden. Auch Andreas Herzig hat solche Beatmungs-WGs kennengelernt – und berichtet Unfassbares: Zahlreiche Patienten bräuchten medizinisch ihre Beatmung nicht mehr, behielten die Kanüle dafür jedoch im Hals: Nur so bekommen die Pflegeeinrichtungen dafür das Geld von den Krankenkassen. "Sie werden auf Gedeih und Verderb so positioniert, dass diese Kanüle immer da drin ist. Aber das ist auch das einzige Motiv. Allein diese Kanüle im Halse stecken zu haben, rechtfertigt diese immensen Kosten von den Krankenkassen. Das ist inhuman, das ist unmenschlich", sagt Andreas Herzig.

Immer wieder werde traurigerweise auch gegen den Willen der betroffenen Patienten entschieden, sagt Dr. Matthias Thöns. Dem Palliativmediziner ist ein würdiges Sterben eine Herzensangelegenheit, doch das sei in Industrienationen heutzutage oft unwürdiger, als noch vor 50 Jahren. Auch aus diesem Grund schrieb er sein Buch "Patient ohne Verfügung". Thöns betont, dass er mit seiner These nicht alle Ärzte und Gesundheitsbetriebe unter Verdacht stellen will, jedoch würden einige Mediziner aus wirtschaftlichem Druck von oben ihren Berufsethos hinten anstellen. 


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