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Das miese Geschäft mit alten Wohnungen

Es ist ein perfides Geschäftsmodell: Finanzinvestoren kaufen großflächig Wohnungen. Investiert wird aber nur, wo es sich lohnt. Darum leben viele Menschen in uralten Häusern und niemanden kümmert es.

  Zehntausende Menschen müssen in heruntergekommenen Häusern leben, um die sich die Eigentümer nicht scheren.

Zehntausende Menschen müssen in heruntergekommenen Häusern leben, um die sich die Eigentümer nicht scheren.

Zehntausende Menschen in Deutschland müssen in baufälligen Häusern wohnen. In Bremen und Köln beispielsweise leben die Mieter seit Jahren in Wohnungen, die von Schimmel befallen und deren Balkonbrüstungen marode sind. Die Treppenhäuser gleichen einer Müllhalde, Fahrstühle werden nicht in Stand gehalten und bleiben regelmäßig stecken. "Wir haben schon zigmal bei der Hausverwaltung Bescheid gegeben, passiert ist nichts", berichtet Yeliz Dündar. aus Bremen. Der Grund: Niemanden kümmert es, in welchem Zustand die Häuser sind. Eigentümer sind meist anonyme Finanzinvestoren, oftmals aus dem Ausland. Die Hausverwalter vor Ort bekommen nur wenig Geld für Instandhaltungen oder sind schlicht handlungsunfähig.

Weit über eine Millionen Wohnungen in Deutschland gelangten in den vergangenen 15 Jahren in die Hände so genannter Immobilienheuschrecken. Aus Geldnot und im Zuge der Wirtschaftskrise haben Städte und Gemeinden ihre kommunalen Wohnungsunternehmen zerschlagen und massenhaft Sozialwohnungen verkauft. Häuser, wie Yeldiz Dündar. Sie bewohnen – Wohnblocks aus den 70er Jahren mit Hunderten Wohnungen. Schätzungen zufolge befindet sich bereits mehr als ein Drittel der Wohnungsbestände mit ehemals sozialer Funktion in Investorenhand. Vielfach sind das Fonds, denen es letztlich egal ist, ob sie mit Müll, Getreide, Grundstücken oder Wohnungen handeln. Die Rendite muss stimmen.

Die Miete zahlt der Staat

Einige dieser so genannten Immobilienheuschrecken sind bei Mietern und Mieterschutzorganisationen bereits berüchtigt: Sie kaufen Häuser in ganzen Paketen. Tatsächlich investiert wird aber nur in die lukrativsten. In den schlechteren Wohnvierteln gammeln ganze Hochhäuser vor sich hin. Mirco Theiner vom Mieterbund Bonn/Sieg-Ruhr erkennt darin eine Strategie: das "Geschäftsmodell Hartz IV". Denn oftmals bevorzugen die Investoren offensichtlich Hartz IV-Empfänger als Mieter. Miete und Nebenkosten fließen so direkt vom Jobcenter auf ihr Konto. Von den Mietern ist bei Problemen kaum Gegenwehr zu erwarten.

Eine der großen Investmentgesellschaften ist die BGP Holding, eine Aktiengesellschaft mit über 100 Einzelfirmen. Ihr gehören unter anderem mehr als 500 Wohnungen in Köln Chorweiler. Der Sanierungsstau zeigt sich in allen Ecken und Wohnungen. Angela Zimmermann zahlt hier ebenso viele Nebenkosten, wie Miete. Ein kaputtes Küchenfenster und fehlende Dichtungen in den Türen machen die Wohnung kaum beheizbar. Noch schlimmer: Der Balkon! Zwischen Brüstung und Boden klafft eine riesige Lücke, durch die Sohn Luca aus dem 11. Stock fallen könnte. Im Kinderzimmer des Jungen ist es nass und schimmelig. Auch Angela Zimmermann und ihr Partner leben von Hartz IV.

Das Jobcenter ist in Köln der größte Mieter: Mehr als 100.000 Wohnungen werden vom Amt bezahlt. Aber warum finanziert das Amt mit seinem Geld solche Schrottimmobilien? "Weil ein Vertragsverhältnis nur zwischen unserem Kunden, dem Mieter und dem Vermieter, besteht, können wir nicht selbst eingreifen", sagt Stefan Kulozik vom Jobcenter Köln Chorweiler. "Am besten wäre es, wenn wir als Jobcenter auch Mietmängel direkt geltend machen können. Also, wenn wir eine gesetzliche Handhabe hätten, auch unmittelbar für eine bessere Wohnsituation unserer Kunden zu sorgen."

Schon im Jahr 2010 hat stern TV bei Mietern der BGP in Visselhövede in Bremen gefilmt. Der Großteil der Mieter sind auch hier sozial Schwache, Rentner, Hartz-IV Empfänger. Die Bausubstanz ist marode, viele Fenster sind vergammelt und undicht. Auch bei Yeliz Dündar, die mit ihrem Sohn dort lebt. "Die sagen, wir sollen Geduld haben. Wie lange sollen wir denn noch Geduld haben?", sagt die Frau. Sie überweist die Miete selbst und hatte schon mehrere Monate lang die Zahlungen gekürzt. Doch genutzt hat ihr das nicht. Immer wieder fragt sie bei der Hausverwaltung nach - es bleibt bei leeren Versprechungen. Der Kampf gegen Nässe und Schimmel dauert an. Woanders wohnen können Yeliz Dündar, Angela Zimmermann und andere Betroffene aber auch nicht. Zumal die meisten infrage kommenden Wohnung ebenso einer Investmentgesellschaft gehören, und in einem ebenso maroden Zustand sind.

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