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Wenn Hoffnung zur Tragödie wird

Sie flohen aus Syrien in die Türkei: Baschar Elias wollte seine Familie in Sicherheit bringen. Als er dort erfuhr, dass er an Blutkrebs leidet, wollte die Familie weiter nach Deutschland. Doch das Schicksal zeigte kein Erbarmen.

  Baschar Elias' Frau mit der dreijährigen Tochter Hamida und dem kleinen Sohn Isso während der Flucht. Beide Kinder ertranken.

Baschar Elias' Frau mit der dreijährigen Tochter Hamida und dem kleinen Sohn Isso während der Flucht. Beide Kinder ertranken.


Es ist eine besonders traurige Geschichte, die Baschar Elias aus Syrien erzählt: Auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat versteckte er sich mit seiner Frau Berivan Isso und ihren zwei kleinen Kindern in der Türkei. Als Ärzte bei ihm Leukämie vermuten, gab es für Elias nur noch einen Ausweg: weiter Richtung Westeuropa. Die Familie beschloss, den Fluchtweg über das Meer in Kauf nehmen.

Die erste Etappe der Reise sollte das Paar mit ihren Kindern Isso und Hamida bis nach Lesbos führen. Doch die Familie landete in einem der unsäglich überfüllten Boote. Es kenterte. Elias und seine Frau kämpften mit letzter Kraft, um das zurückliegende türkische Ufer zu erreichen. Dennoch konnten sie ihre Kinder nicht retten. Das kleine Mädchen und ihr Bruder im Säuglingsalter ertranken. Isso wurde nur acht Monate alt. Seine Schwester Hamida starb wenige Wochen vor ihrem dritten Geburtstag.

Berivan Isso und Baschar Elias wissen nicht, wie ihr Leben jetzt weitergehen soll. "Solange ich lebe, werde ich nicht vergessen, wie meine Frau unseren Sohn aus dem Wasser gezogen hat und er vor uns lag. Unsere Tochter war weg. Wir haben sie nicht mehr gefunden. Ich werde das niemals vergessen. Wir haben unsere Seele verloren", sagt Baschar. Das Paar musste in der Türkei seine beiden Kinder beerdigen. Warum es das Schicksal mit ihnen so meint, verstehen sie nicht. stern TV traf die Eltern in der Hafenstadt Izmir an der türkischen Ägäis. Aus dieser Region starten viele Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt nach Griechenland. Ziel ist in der Regel die Insel Lesbos, die je nach Ablegestelle nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt liegt. Das Boot mit der Familie Elias kam dort nicht an, es sank noch vor der türkischen Küste.

"Dann ist mir meine Tochter aus den Händen geglitten"

Aus Furcht vor dem so genannten "Islamischen Staat" hatte die jesidische Familie ihr Heimatdorf Afrin nahe Aleppo vor zwei Jahren verlassen und war über Kilis bis nach Istanbul geflohen. Dort arbeitete Beschar Elias zunächst als Schneider und konnte seine Familie damit gut ernähren. Eine Flucht nach Deutschland war kein Thema.
Im vergangenen Jahr bekam er jedoch starke Schmerzen und wurde schwer krank. "Mein ganzer Körper ist fast schwarz geworden, weil das Blut nicht richtig arbeitet", erzählt der Familienvater. Als Flüchtling kann er sich eine genauere Diagnose nicht leisten – und schon gar keine Behandlung. Als die Ärzte ihm sagten, dass er bald sterben könnte, entschloss sich das Paar zur Weiterreise. Die Hoffnung: irgendeine Behandlung, damit der Vater die Familie weiterhin versorgen kann. "Wir wären gerne mit dem Flugzeug gekommen. Aber das ging nicht, denn wir haben kein Visum", so Elias. "Sonst wären wir doch niemals aufs Meer gegangen und hätten das Leben unserer Kinder gefährdet."

Schlepper brachten sie nachts in einem Bus aus Izmir irgendwo an die türkische Mittelmeerküste, wo sie in Schlauchbooten zu einem weiteren Boot gebracht wurden. Es sei nicht das versprochene Boot gewesen, so der Vater. "Es war total dunkel. Hätten wir gewusst, wie klein es ist, wären wir nicht eingestiegen." Mehr als 100 Menschen seien nach und nach auf dieses Boot gebracht worden. "Wir saßen wie im Kreis. Mein Mann links, ich auf seinem Schoß und meine Tochter saß vor mir. Meinen Sohn hatte ich an meinen Körper gebunden", erzählt Berivan Isso. "Dann wackelte es drei, vier Mal hin und her. Mein Mann fiel zur Seite, dann ist mir meine Tochter aus den Händen geglitten."
In dieser Nacht im kalten Mittelmeer starben mehr als 30 Menschen, darunter viele Kinder – wie auch die kleine Hamida. Beschar und Berivan retteten sich mit ihrem Säugling irgendwie an Land, obwohl sie nicht schwimmen können. "Wir hatten keine Schwimmwesten bekommen", so Baschar. Isso hing zu diesem Zeitpunkt noch immer im Tuch vor dem Bauch seiner Mutter. "Er war ganz nah bei mir, ich habe seinen Atem noch gespürt. Dann irgendwann nicht mehr. Er war gestorben."

Erst nach einem zweitägigen Verhör durch die Polizei erfuhr das Paar, dass auch die Tochter gefunden wurde und nicht überlebt hatte. "Ich fühle ich mich schuldig, weil wir wegen meiner Krankheit gegangen sind", sagt Elias. "Ich hätte sterben sollen. Dann wären meine Kinder noch am Leben."

Jetzt müssen Berivan Isso und Bashar Elias ihre beiden Kinder in Izmir zurücklassen. Auf einem Teil des Friedhofs liegen nur Menschen, die auf der Flucht starben. Und täglich werden dort neue Gräber ausgehoben. Berivan Isso und Baschar Elias hätten niemals gedacht, dass ihre Flucht vor dem Krieg nach Europa für Isso und Hamida an diesem Ort zu Ende gehen würde.

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