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Verschreiben Ärzte anabole Steroide?

Viele Deutsche träumen vom perfekt geformten Körper. In Fitnessstudios stählen vor allem junge Männer ihre Muskeln. Doch nicht selten entwickelt sich der Freizeitsport zu einem gesundheitsschädlichen Wahn: Immer mehr Sportler nehmen Anabolika, um ihre hoch gesteckten Ziele zu erreichen. Ein riskantes Unterfangen.

  Doping für den Muskelaufbau: Immer mehr junge Männer versprechen sich von anabolen Steroiden den perfekt geformten Körper. 

Doping für den Muskelaufbau: Immer mehr junge Männer versprechen sich von anabolen Steroiden den perfekt geformten Körper. 

Der Traum vieler junger Männer – und inzwischen auch Frauen: Ein perfekt trainierter Körper mit definierten Muskeln. Doch was im Fitnessstudio als Freizeitsport beginnt mündet nicht selten in einem regelrechten Muskelwahn auf Kosten der Gesundheit. Denn nicht nur die Fitnessbranche boomt, auch der Handel mit muskelstimulierenden Substanzen, so genannter Anabolika. Die Zahl der Konsumenten von Dopingmitteln im Freizeitsport, die sogenannten "Stoffer“ nimmt zu: Eine Studie der Universität Frankfurt aus dem Jahr 2011 ergab, dass fast jeder fünfte Fitnessstudiobesucher (19,5 Prozent) regelmäßig Anabolika konsumiert. Dr. Mischa Kläber vom Deutschen Olympischen Sportbund weiß: "Anabole Steroide sind schon lange nicht mehr nur im Profisport verbreitet. Immer mehr, vor allem immer jüngere Freizeitsportler nehmen sie." Das sei ein gefährlicher Medikamentenmissbrauch, nur um das Aussehen zu optimieren, so der Sportwissenschaftler.

Die Gefahren sind immens: von Steroid-Akne über Schrumpfhoden, und Fettleber bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Trotzdem könne man sich die Hormon-Keulen in vielen Fitnessstudios leicht besorgen, heißt es. Der 28-jährige Sportstudent Patrick Söhle will damit eigentlich nichts zu tun haben. Für stern TV hat er jedoch den Test gemacht, wie schnell die Kraftsportler die verbotenen Substanzen vermitteln, wenn er danach fragt. Es stellte sich heraus: Viele wissen um das Risiko, manche warnten davor, eine direktes Abraten erlebte er jedoch nicht – letzten Endes erhielt der Student bereits am ersten Tag im Sportstudio eine Handynummer, unter der er Steroide kaufen könnte.

Ärzte sollten mit Abraten und Aufklärung reagieren

Parallel geht das Gerücht um, junge Pumper ließen sich immer öfter die anabolen Steroide von Ärzten verschreiben. Zwischen 1998 und 2011 soll die Zahl der Doping-User, die ihren "Stoff" über Mediziner beziehen, von 15 Prozent auf 28 Prozent gestiegen sein. Personal Trainer Jörn Giersberg kann sich das nicht vorstellen: "Wenn jemand zum Arzt geht, um sich dort Anabolika verschreiben zu lassen, dann muss der Arzt das kategorisch ablehnen. Er sollte versuchen ihn zu informieren und ihn davon abzubringen. Es darf keinesfalls dazu führen, dass er ihm ein Rezept ausstellt. Das ist ein No-Go." Denn: In einem solchen Fall riskiert ein Arzt nicht nur die Gesundheit des Patienten. Er macht sich auch strafbar, weil es gegen das Arzneimittelgesetz verstößt. Testosteron beispielsweise darf nur bei nachgewiesenen Hormonstörungen verschrieben werden. "Einem gesunden Menschen eine sogenannte 'Anabolika-Kur' zu verpassen, ist völlig verantwortungslos", so Jörn Giersberg. "Dadurch wird das fein abgestimmte Hormonsystem des Körpers völlig durcheinander gebracht – und zwar in vielen Fällen für immer."

  Personal Trainer und Lockvogel Jörn Giersberg testete für stern TV, ob Ärzte auf seine Bitte ein Rezept für anabole Steroide ausstellen. 

Personal Trainer und Lockvogel Jörn Giersberg testete für stern TV, ob Ärzte auf seine Bitte ein Rezept für anabole Steroide ausstellen. 

Giersberg erklärte sich bereit, die Einstellungen von Ärzten zu diesem Thema auf den Prüfstand zu nehmen. Mit versteckter Kamera besuchte er sieben Ärzte und fragte dort jeweils nach einer so genannten "Steroid-Kur", also nach einem Dopingmittel gleich für mehrere Wochen. Beim ersten Arzt traf er tatsächlich auf strikte Ablehnung: "Ich glaube, sie haben nicht alle Tassen im Schrank! Da sind sie bei mir an der völlig falschen Adresse", so der Arzt. "Ich bin ein absoluter Gegner jeder Form von Doping, Anabolika. Ich war früher selbst Leistungssportler, Ruderer. Ich hab miterlebt, wie Gegner teilweise dann umgefallen sind, auch tot umgefallen sind. Und Sie sind 46 Jahre alt – da frage ich mich: Wieso wollen Sie sich vorzeitig hinrichten?" Nach Giersbergs Hinweis, dass die Verabreichung ja unter ärztlicher Kontrolle stattfinden könnte, provozierte: "Da ist nichts kontrolliert! Was in Ihrem Körper passiert, ist völlig unkontrolliert!“

Auch bei Arzt Nummer zwei erhielt der Lockvogel lediglich einen Rausschmiss aus der Praxis. "Das ist Gift. Auch die Ärzte, die so was verschreiben - Sie können die wegen Körperverletzung belangen. Wenn Sie Fitnesstrainer sind, bin ich jetzt richtig sauer. Da können sie gleich gehen!" Giersberg hält diese Reaktionen für genau richtig. Bei Anlauf Nummer drei stößt auf offene Arzt-Ohren: "Die Risiken sind überschaubar, vor allem, wenn sie parallel ASS zur Blutverdünnung nehmen", so der Mediziner. Letztlich verwehrte aber auch er Giersberg ein Rezept - aus Angst, seine Zulassung zu verlieren. Ein Assistent in der Praxis zeigte unserem Lockvogel dann aber eine Internetseite, auf der er die Steroide illegal kaufen könnte. Noch dazu erhielt er von ihm den Namen eines Dealers aus der Bodybuilderszene.

Nur zwei von sieben Ärzten lehnten kategorisch ab

Noch vier weitere Ärzte standen auf Giersbergs Liste: Von den nächsten zwei Medizinern erhielt er sogar Tipps, welche Ärzte Doping verschreiben und beide gaben Jörn Giersberg auch die Adressen der betreffenden Kollegen. Im allerletzten Termin bestätigten sich alle Befürchtungen: Arzt Nummer Sieben beriet den Fitnesstrainer hinsichtlich geeigneter Präparate, während er über die Gefahren kaum ein Wort verlor. Einzig: "Wenn man das dauerhaft macht, werden die Hoden klein. Ich muss als Arzt immer auch so ein bisschen dagegen halten." Im Anschluss jedoch erfolgte lediglich noch eine Einigung auf die darreichungsform: Spritzen. "Die Krönung war, dass er mich fragte, ob ich selber injizieren möchte. Wüsste nicht, als Laie, wie ich mir die Nadel ansetzen sollte", berichtet Jörn Giersberg im Anschluss. Er erhielt tatsächlich ein Rezept für Testosteron von einem Arzt – ohne gesundheitliche Indikation.

Summa summarum lehnten von sieben konsultierten Ärzten nur zwei anabole Steroide als Muskelaufbau-Kur kategorisch ab. Drei Ärzte verwiesen auf "gute" Kollegen oder an einen Dealer. Und von einem Arzt erhielt der gesunde 46-Jährige verbotene Dopingmedikamente auf Rezept!

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