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Ein Schwangerschaftstest, den es besser nie gegeben hätte

Die Pharmaindustrie spricht nicht gerne über Medikamente, die aus gutem Grund vom Markt genommen wurden. Duogynon zählt dazu. Das Mittel wurde bis Ende der 70er Jahre verschrieben, obwohl es schon damals unter Verdacht stand, bei Ungeborenen schwere Fehlbildungen zu verursachen. Die Opfer kämpfen noch heute für die Anerkennung ihrer Schäden.

André Sommer (40) ist die treibende Kraft hinter den Aufklärungsbemühungen, inwiefern seine und die Missbildungen anderer durch das Mittel Duogynon zustande kamen.

André Sommer (40) ist die treibende Kraft hinter den Aufklärungsbemühungen, inwiefern seine und die Missbildungen anderer durch das Mittel Duogynon zustande kamen.

André Sommer ist sich sicher: Die schweren Fehlbildungen an Blase und Geschlechtsorganen, mit denen er 1976 zur Welt kam, haben ihre Ursache in einem Schwangerschaftstest, der auch zur Behandlung ausbleibender Monatsblutung eingesetzt wurde. Ein Schwangerschaftstest, den seine Mutter durchgeführt hatte. Ein Schwangerschaftstest mit dem Medikament Duogynon.

Duogynon war in Deutschland seit 1950 auf dem Markt, in England hieß es Primodos. Schon Ende der 60er Jahre wurde die Einnahme des Hormonpräparats der Firma Schering mit der Geburt behinderter Kinder in Zusammenhang gebracht. Doch sowohl Schering damals, als auch der Pharmakonzern Bayer, der Schering inzwischen übernommen hat, haben konsequent jede Verantwortung von sich gewiesen.

Kann es für Fehlbildungen eine "Verjährung" geben?

André Sommers Mutter hatte auf Anraten ihres Arztes zwei Duogynon-Tabletten genommen, weil ihre Monatsblutung ausgeblieben war. Doch bei ihr handelte es sich nicht um eine Unregelmäßigkeit im Zyklus, sondern um eine Schwangerschaft. Ihr Sohn wurde mit schweren Fehlbildungen geboren, sein Penis war verkümmert, seine Blase lag außerhalb des Körpers. Seit seiner Geburt wurde André Sommer 15 Mal operiert. Unter anderem wurde ihm ein künstlicher Blasenausgang gelegt, durch den unkontrolliert Urin abfließt. Der Blasenbeutel muss regelmäßig operativ erneuert werden. "Dieser Beutel, den ich jeden Tag tragen muss, ist keine feine Sache. Und ich habe den jetzt schon seit 40 Jahren, vielleicht werden es noch einmal 40 Jahre", sagt Sommer. Seine fehlgebildeten Geschlechtsteile konnten glücklicherweise in mehreren Operationen rekonstruiert werden – und André Sommer konnte heiraten und Vater von zwei Kindern werden.

André Sommers Mutter hat von seinem Familienglück nichts erfahren. Die Frau fiel nach einem Herzinfarkt vor 15 Jahren ins Wachkoma. Sie habe sich stets große Vorwürfe gemacht, sagt André Sommers Vater, der sie jetzt pflegt. Die Belastung um das Geschehene sei sehr groß für sie gewesen.

Um seiner Mutter Willen, für sich selbst und für andere Betroffene klagte André Sommer 2010 und 2012 gegen den Pharmakonzern Bayer, den er heute in der Verantwortung für das Schering-Medikament sieht. Sommer wünscht sich endlich ein Schuldeingeständnis der Pharmaindustrie für die Fehlbildungen der zahllosen Betroffenen. So, wie es einst bei dem Medikament Contergan geschah. Doch beide Prozesse gegen Bayer scheiterten – wegen "Verjährung". Sommers Anwalt, der Medizinrechtler Jörg Heynemann ist sich sicher: "Wenn Bayer der Überzeugung gewesen wäre, an den Vorwürfen ist nichts dran, dann hätte man sich nicht auf die Verjährung berufen – sondern dann wäre das Ganze geklärt worden. Aber da hat Bayer dann doch Angst bekommen."

Betroffene sehen sich als Opfer eines vergessenen Pharmaskandals

Hunderte Frauen in Deutschland, die wie André Sommers Mutter Dugynon in den 60er und 70er Jahren einnahmen, brachten Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Jörg Heynemann geht von mindestens 1000 Geschädigten allein in Deutschland aus. Auch Gisela Clerc ist betroffen: Ihre Tochter Birgit starb letzten Januar mit nur 47 Jahren an den Folgen ihres Herzfehlers. Gisela Clerc will sich mit dem Argument "Verjährung" nicht abfinden und erstattete mit der Hilfe von Jörg Heynemann und einem Strafrechtler Anzeige wegen Mordes durch Unterlassen. Mord ist das einzige Delikt in Deutschland, das niemals verjährt.

Gisela Clerc hatte 1968 zwei Duogynon-Tabletten als Schwangerschaftstest eingenommen. Damals galt: Das Hormonpräparat löst die Regelblutung aus, es sei denn, die Frau ist schwanger. Gisela Clerc war schwanger. "Meine Tochter ist in erster Linie schwer herzkrank auf die Welt gekommen. Sie war ganz klein, knapp 4 Pfund und nur 47 Zentimeter groß", erzählt sie. Das Mädchen habe Fehlbildungen an der Hand gehabt. Es war fast blind und linksseitig beinahe taub. "Das ist so fürchterlich. Und niemand ist da, den man zur Verantwortung ziehen kann. Das ist das Allerschlimmste an der Sache."

Unternehmensakten bieten erschreckende Erkenntnisse

André Sommer hat den Kampf ebenfalls noch nicht aufgegeben. Immerhin hat er sich mittlerweile Akteneinsicht in die alten Unterlagen von Schering erkämpft, die im Berliner Landesarchiv liegen. Die erschreckenden Erkenntnisse: Laut Akten hatte eine englische Wissenschaftlerin bereits 1967 vor Duogynon gewarnt. Ein führender Schering-Mitarbeiter aus England schrieb 1968 daraufhin an die Konzernzentrale in Berlin: Es ist unsere moralische Pflicht als Hersteller, alles Mögliche zu tun, um die Ungefährlichkeit der Präparate, die wir auf dem Markt haben, sicherzustellen.(…) Es ist nicht genügend geschehen, dass wir uns weiterhin vertrauensvoll dafür einsetzen können, dass Primodos (englische Bezeichnung, Anm. d. Red.) für schwangere Frauen hier erhältlich ist.

Laut Akten war es auch in Tierversuchen unter Duogynon zu Missbildungen und abgestorbenen Föten gekommen. Doch keine der Warnungen hatte Konsequenzen. Duogynon blieb auf dem Markt. "Die Tierversuche aus dem Jahr 1969 waren sieben Jahre vor meiner Geburt", so André Sommer. "Das heißt: Die hatten sieben Jahre Zeit, etwas dagegen zu unternehmen – und haben nichts gemacht. Hätten sie reagiert, wäre ich heute vielleicht gesund!"

Es bleiben: Die Schäden und die Hoffnung auf Gerechtigkeit

Für Gisela Clerc könnten die Erkenntnisse aus den Akten neue Argumente sein, die ihre Mordanklage stützen, erklärt Jörg Heynemann: "Wir glauben, dass sich aus den Unterlagen des Archivs ergibt, dass die Verantwortlichen den Sachverhalt kannten. Sie wussten, dass das Medikament auch später, nachdem die Kinder geboren waren, tödlich wirken kann. Und wer in Kauf nimmt, dass Menschen daran sterben, handelt mit Vorsatz. Das ist im juristischen Sinne nichts anderes als Mord."

In England, wo das Medikament ebenfalls bis in die 70er Jahre auf dem Markt blieb, hat ein Untersuchungsausschuss den Fall noch einmal aufgerollt. André Sommer hofft dadurch auf weitere Aufklärung: "In England gibt es andere Verjährungsfristen. Das bedeutet, dass Bayer noch der Prozess gemacht werden könnte – und ich hoffe, das passiert."

Die Pharmaindustrie möchte diesen wenig bekannten Medizin-Skandal am liebsten in Vergessenheit geraten lassen, bis er verjährt oder niemand mehr anklagt. Doch die Menschen, die sich als Opfer sehen, leben noch. Am 29. November demonstrierten Duogynon-Betroffene vor dem Brandenburger Tor. Die Öffentlichkeit soll wissen, wie mit Ihnen und dem offensichtlich entstandenen Schaden umgegangen wird. Sie alle hoffen auf Gerechtigkeit: dass der Pharmakonzern irgendwann zur Rechenschaft gezogen wird.


Wie stehen Sie zu diesem vermeintlichen Medizin-Skandal? Sind Sie betroffen oder haben eine Meinung? Dann diskutieren Sie hier unten auf der Seite weiter!

Kommentare (6)

  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Meinungen hier. Die Kommentare werden für heute nun geschlossen. Wer mag, kann zum Thema Duogynon eine E-Mail schreiben an: info@sterntv.de oder auf unserer Facebook-Seite weiter diskutieren. Allen eine gute Nacht! Ihr stern TV-Team
  • Shanelle
    Shanelle
    Es ist ein echter Horror was da in so einem Konzern abgeht. Kenne es selber. Wurde auch ein Versuchskaninchen ohne meinen Willen damals jetzt bereuen es meine Eltern. Ich habe es abgesetzt da es Unfruchtbarkeit auslöste. Erst hieß es ja das verwendet man auch an ungeborenen Kindern aber keiner hat wirklich nachgeschaut was es ausmacht dass es die Kinder tötet und so weiter. Seit ich Medikamentenlos bin geht es mir super habe fünf Kinder und bin glücklich. Ich weiß was Duogynon ausmacht. Kenne es von meiner Oma. Die hat mich davor gewarnt als Ärzte mir es geben wollten. Sie verlor ihr Baby auf tragische Weise durch dieses Medikament. Sie hat dafür gekämpft leider erfolglos aber sie verstarb leider 2012 im Alter von 90 Jahren. Aber sie ist nun wieder mit ihrem verstorbenen Kind zusammen. Aber sowas ist einfach nur eine Sauerei und ich habe so eine Wut auf diese Pharmaindustrie.
  • FlordeCebo
    FlordeCebo
    Immer wieder gibt es Medizin Skandale. Wenn wir es zulassen ohne wenn und aber uns selber zu informieren und der Pharmaindustrie mehr Gehör schenken als der Natur- die x -tausende Jahre mehr Wissen zur Verfügung hat, ja dann haben wir Menschen ein grosses Problem. Wir müssen uns alle selber an die Nase fassen, denn wir sind zu bequem geworden.. Eine Pille einwerfen und dem weissen Kittel vertrauen ist so einfach.......
    Ich kämpfe gegen die Grosskonzerne, die ja nicht das Wohl des Menschen sondern das Geld im ersten Paragraphen stehen haben. Fg einer Heilpraktikerin aus der Schweiz
  • Lea3103
    Lea3103
    Liebes Team von stern TV,
    der Beitrag hat mich tief bewegt und schockiert. Als am Ende der Hersteller des so schädigenden Präperates, nämlich Schering, erwähnt wurde, war dies für mich eigentlich schon fast klar, denn ich habe im Jahr 1991 das Folgende erlebt: Nach der Wende kamen an unsere Hochschule viele Dozenten der Wirtschaft aus den alten Bundesländern, um uns die soziale Marktwirtschaft ein wenig praktisch zu veranschaulichen, darunter auch ein Vertreter von Schering. In seinem Vortrag ging es auch um die Tests von Medikamenten am Menschen, bevor sie die Marktzulassung erhalten. Auf die Frage eines Kommilitonen, wie man denn mit dabei entstehenden Beeinträchtigungen der Gesundheit oder gar dem Tod der Probanden umgeht, hatte der Herr die folgende, mir nach so langer Zeit noch immer voller Abscheu ins Gedächtnis gebrannte Antwort an uns: "Schwund gibt's überall."
    Somit ist für mich klar, was für diesen Konzern ein Mensch wert ist und das aus Profitgier sicher alles andere ins Hintertreffen geriet.
    Alle guten Wünsche für die Betroffenen und ihre Angehörigen und viel Erfolg bei ihrer Klage!
  • Dennis Bernhart
    Dennis Bernhart
    Hallo zusammen und eine Frage dazu:

    Warum klagen in solchen Fällen nicht die Krankenkassen gegen die Firmen?

    Halt im Sinne des Patienten!

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